Sebush 29.03.2011, 23:09 Uhr 2 1

Wie das Leben sich das Leben nahm

Steffi hat sich vor etwas über einem Jahr erhängt. Wir standen uns nicht nahe. Aber ich höre nicht auf, an sie zu denken.

Steffi war einer der ersten Menschen, die ich zu Beginn meines Studiums kennen gelernt habe. Ich war neu in der Stadt, die Einführungstage liefen und alles schien aufregend, glitzernd und nach großer, weiter Welt. Dass es sich um eine kleine Uni mitten in der Provinz handelte - geschenkt. Ich fühlte mich großartig. Ein am Vortag neu gewonnener Freund und ich lernten sie auf dem Campus kennen und sie lud uns spontan auf einen Kaffee (oder war es Essen?) zu sich in die WG ein. Sie war hübsch, strahlend, sexy. Ich fühlte mich von ihr angezogen, hielt sie aber für unerreichbar. Der Aufenthalt bei ihr war allerdings belanglos, zumindest erinnere ich mich an keine Details (abgesehen von einer großen Pflanze).

Nach diesem durchaus positiven Start kam: Nicht viel. Unsere Uni war klein, die Stadt war klein, man kannte sich also. Aber über einen Kaffee, ein Mensaessen oder kurze Gespräche auf Partys ging es nie hinaus. Ich bewunderte sie durchaus: Sie strahlte und sie lachte, sie war charmant. Wir jedoch waren verschieden und hatten vor allem kaum gemeinsame Themen: Sie war eine hippe Kommunikationswissenschaftlerin, ich sprach am liebsten über Politik und Sex (ich hatte mir überraschend einen Ruf als krasser Aufreißer erarbeitet hatte, der so allerdings nicht gerechtfertigt war).

Nach drei Jahren war das Studium vorbei und wir gingen verschiedene Wege. Ich machte einen Master im Ausland, sie ging nach Berlin, wo sie in die Berliner Modebranche einstieg. Sie machte irgendwas mit irgendeiner Agentur, kannte viele Leute bei Bread & Butter, hatte einen eigenen Modeblog und irgendwann knapp tausend Facebookfreunde. Hatte sie Erfolg? Keine Ahnung, jedenfalls kannte sie Gott und die Welt.

Unsere belanglose Beziehung stand allerdings noch vor ihrem kuzen Höhepunkt: Wir kamen beide zum Ehemaligentreffen in unsere alte Stadt - und verstanden uns überraschend gut. Wir teilten offenbar einen ähnlichen Humor. Da es mich auch nach Berlin zog, trafen wir uns wenige Monate drauf auf ein Bier und einen anschließenden gemeinsamen Partybesuch. Mit ihr war der Abend sehr angenehm, die Party dagegen eher merkwürdig, da ausschließlich Bread & Butter-Menschen da waren, die in ihrer eigenen Coolness schmorten. Ich bin nicht lange geblieben. Wir versprachen, einander bald mal wieder zu sehen und taten es nicht.

Damit ist die Geschichte unserer Beziehung fast zuende erzählt. Wir kommunizierten hin und wieder per Facebook. Kurze Mails, Geburtstagswünsche. Kann zu deiner Party nicht kommen, besuche meine Freundin. Solche Dinge. Eines Tages chatteten wir ein wenig und verabredeten uns, in der darauf folgenden Woche einen Kaffee zu trinken.

Dazu kam es allerdings nicht mehr. Zwei Tage später war sie tot. Sie hatte sich in ihrem Zimmer erhängt. Wie ich später erfahren habe, litt sie unter schweren Depressionen. Daneben hatte sie wohl die Trennung von ihrem langjährigen Freund nur schwer verkraftet. Sie hatte ihn nach einer schweren Verletzung lange gepflegt und er sie verlassen, als es ihm wieder besser ging.

Die Nachricht ihres Todes traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Und sie trifft mich nach wie vor. Es ist nicht der erste Selbstmord in meinem Bekanntenkreis, aber der erste, der mich nicht loslässt. Dabei war unsere Beziehung zwar von Sympathie geprägt, es fehlte aber jede engere Bindung. Und trotzdem: Ich gehe durch Berlin und ich sehe ihr Gesicht in anderen Frauen. Bin ich in Mitte, meine ich stets, dass sie um die Ecke kommen könnte. Es gibt Tage, an denen ich nicht an sie denke. Aber es sind nicht viele.

Anders als bei anderen Selbstmorden fällt es mir schwer zu begreifen, dass dieser Mensch einfach weg ist. Mein Mitschüler D. kurz vorm Abitur? Hatte massive Drogenprobleme und war reichlich merkwürdig. Meine Tante C.? Sie ist einem quälend langsamen Krebstod zuvor gekommen. Mein Bekannter G.? Wir hatten zuvor acht Jahre keinen Kontakt mehr. Jeder dieser Tode hat mich getroffen, aber keiner hat mich allzu lange beschäftigt. Anders bei Steffi: Sie war so voller Leben. Ihr Facebookprofil, das nach wie vor jemand pflegt, ist voller Fotos von ihr beim Herumalbern, beim Feiern, beim Reisen. Sie war so präsent.

Ich habe kein schlechtes Gewissen, ich war ihr nicht nahe genug, um etwas erkennen oder verhindern zu können. Genauer betrachtet ist es noch nicht einmal ein Widerspruch, dass sie so viele Leute kannte, so lebendig war und doch offenbar eine solche Leere in sich hatte. Auch ich kompensiere Melancholie durch Extrovertiertheit, nur ist es bei mir nicht so extrem.

Doch selbst wenn ich intellektuell den Widerspruch auflösen kann, bleibt es emotional für mich unbegreiflich. Ich fasse es nicht, dass dieser schöne, strahlende, lebendige Mensch sich selbst das Leben genommen hat. Denn sie war das Leben selbst.

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2 Antworten

Kommentare

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    Der Satz:
    Auch ich kompensiere Melancholie durch Extrovertiertheit...
    hallt bei mir nach u. lässt mich über mein Verhalten grübeln.

    02.10.2011, 22:45 von LächelnZauberin
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    .. leider kann man den menschen ja nur bis vor den kopf schauen und nicht hinein.

    30.03.2011, 09:26 von ilofi
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