Wertlosigkeit hat seinen Preis
Du hast deinen Wert eingeschätzt, ihn von anderen schätzen lassen, die goldene Mitte genommen und dich zum Verkauf bereitgestellt.
Ich kann dir nicht sagen, was es ist.
Was dich ausmacht und mich.
Doch ich sitze dir gegenüber, schaue dich an und spüre, dass du etwas bist, das ich nicht bin.
Du erzählst von deinen Abenteuern, wie wild und hemmungslos und aufregend sie gewesen wären.
Immer noch ruht mein Blick auf dir, deinen langen blonden Haaren, deinem strahlenden Lächeln, deinen grünen Augen.
Du hast mit vollen Händen zugegriffen, als es um die Verteilung der Attraktivität ging.
Und doch, diese grünen Augen. Sie sind schön, keine Frage, aber von der funkelnden Härte kühler Jadesteine.
Es gibt nichts, das sie noch nicht gesehen hätten im Guten wie im Bösen.
Du
bist gerade so alt wie ich und doch gibt es diese Momente, in denen du
schweigst und ich die Zeit sehen kann, um die das Leben dich betrogen
hat.
Momente, in denen dein junger, lebendiger Körper sich einem Seufzer des viel zu frühen Alterns hingibt.
Es ist nur ein Augenblick, dann straffst du dich, drehst dich zu mir und dein Lächeln sprüht vor jugendlichem Übermut.
Ja, du hast immer das gehabt, was alle wollten.
Viele Freunde, viel Spaß, viel vom Leben.
Bist gereist, hast die Welt gesehen, hast dich der Welt gezeigt, zu den Sternen gerufen und das Echo genossen.
Und nun sitzt du hier mit mir, hälst ein Glas Wein in der Hand und lässt die rubinrote Flüssigkeit kreisen.
Fragst mich, ob ich glücklich bin und ich weiß, was du denkst.
Du fragst dich, ob ich mit dem, was ich erlebt habe, überhaupt glücklich sein kann.
Nein, es ist nicht das, was ich erlebt habe, das dich zu dieser Annahme bringt. Es ist, was ich nicht erlebt habe.
In deinen Augen muss mir so vieles entgangen sein. So viel Spaß, Freude und Leben.
Doch alles, was ich auf deine Frage antworten kann, ist ein Lächeln, das ich dir schenke.
Auflachend grinst du mich an und prostest mir zu, dann leerst du dein Glas in einem Zug, als wäre es Champagner.
Apropo, sagst du und beginnst eine neue Geschichte.
Ein Einbruch in eine leerstehende Villa an der Südküste Frankreichs. Alle schon gut angetrunken und der Pool war so groß.
Was diese Leute denn auch erwarten würden, wenn sie – obwohl niemand da ist – den Pool beleuchteten.
Alle nackt und irgendjemand hatte noch eine Flasche Prosecco dabei.
Zwei Frauen, fünf Männer.
Nein, du würdest ja nie bei sowas mitmachen, kicherst du, legst deine Hand auf mein Knie und zwinkerst mir zu.
Und wieder dieser mitleidige Unterton.
Ich frage mich, was du von meinem Leben erwartest.
Stimmt, ich war immer die, die sich nach dem Sportunterricht nicht zusammen mit den Jungs geduscht hat.
Erst
mit 18 war ich das erste Mal betrunken gewesen und mein erstes Mal
hatte ich mit einem Menschen gehabt, den ich wirklich geliebt hatte.
Auf Partys und in der Disko hatte man mich nie wild rummachen sehen und auch sonst hatte es nie Geschichten über mich gegeben.
Siehst du, höre ich dich lachen und ziehe die Augenbrauen hoch.
Du denkst zu viel, das ist dein Problem, klärst du mich auf und schenkst dir Wein nach.
Du
musst das Leben nehmen, wie es kommt, sonst kommt es nie,
philosophierst du vor dich hin und wir müssen ob der Zweideutigkeit
grinsen.
In ein paar Tagen wirst du ein paar Monate nach Amerika ziehen und ich weiß, dass ich dich ab und an wirklich vermissen werde.
Denn manchmal fühle ich mich dir sehr verbunden.
Es gibt Momente, wenn ich ausgehe und die Männer mir hinterherschauen, da weiß ich, dass ich so sein könnte wie du.
Ich
kann sein, was diese Männer wollen, das, was sie brauchen und es wäre
ein Leichtes, mich dieser Versuchung hinzugeben und zu nehmen, was sie
mir bereitwillig überlassen.
Ihre Körper, ihre Aufmerksamkeit, ihr Geld, ihre Zeit.
Doch es gibt genau eine Erkenntnis, die mich unendlich weit von dir trennt.
Diese Erkenntnis ist es, die mir sprichwörtlich das Brot in der Hand und den Wein im Mund zu Staub zerfallen lässt.
Überlassen ist nicht schenken.
Und nur wer sich bewusst verschenkt, gibt etwas wirklich wertvolles.
Deine Welt besteht aus Geben und Nehmen. Alles hat seinen Preis.
Du
hast diesen Preis schon viel zu früh gezahlt, hast deinen Wert
eingeschätzt, ihn von anderen schätzen lassen, die goldene Mitte
genommen und dich zum Verkauf bereitgestellt.
Nur die höchstbietenden
hast du genommen und warst anfangs erstaunt, dass sie dir das doppelte
von dem angeboten haben, das du hättest haben wollen.
Es ist nur eine einzige Erkenntnis, die uns voneinander unterscheidet.
Du hast nie erkannt, dass du unbezahlbar bist.
Dein Blick fällt auf meine Hand und dein spitzer Überraschungsschrei lässt mich zusammenfahren.
Du kannst es garnicht glauben, als ich dir lächelnd gestehe, dass ich heiraten werde.
Wie
das denn möglich sei, wo ich doch garnicht wisse, worauf ich mich da
einließe, hätte ja schließlich fast garkein Vergleichsmaterial.
Wieder die Hand auf meinem Knie und das Zwinkern.
Deine jadegrünen Augen blicken mich an und dann ist er wieder da, so ein Moment.
Ein kurzer Moment, in dem der Schleier fällt und ich deine tiefvergrabene Sehnsucht sehen kann, endlich irgendwo anzukommen.
Ob
ich mir wirklich sicher sei, Heiraten sei schließlich etwas ziemlich
Endgültiges, fragst du mich und ich schenke dir ein Lächeln.
Dann nicke ich.
Das sei nichts für dich, gestehst du und lachst entschuldigend.
Du seist ja auch sehr verknallt momentan, sagst du dann, doch ich merk genau wie dein Blick dem jungen Kellner folgt.
Da siehst du, dass ich es bemerkt habe und sagst lachend, dass du eben nicht halb so viel Glück hattest wie ich.
Das Meer sei voller Fische und du hättest eben sehr hohe Ansprüche.
Ob er mich später abholt, fragst du, und ich bestätige es.
Dass
du jetzt leider los müsstest, du würdest auch zahlen, weil es so nett
war und weil dein Schatz dir seine Kreditkarte gegeben hätte.
Durch bitterkühle Jade schaust du mich an, zwinkerst, doch das breite Lächeln zittert ein wenig, ich weiß, du hast es gesehen.
Hast es in meinen Augen gesehen, dass ich dich nicht beneide.
Dass ich trotz allem nicht sein will wie du.
Dass ich wirklich glücklich bin.
Du kannst es nicht verstehen, wirst es nie verstehen können.
Du gehst zum Tresen, zahlen, und ich betrachte dich.
Der Gang einer Königin, die Blicke folgen dir und ich weiß, du genießt es.
Der Schwung deiner Hand so elegant und doch vollkommen nebensächlich, als du dir das blonde Haar von der Schulter streichst.
Fröhlich
und ausgelassen klingt dein Lachen durch das Lokal als du mit dem
jungen Kellner kokettierst, ihm den Kugelschreiber aus der Hemdtasche
ziehst, dir einen Bierdeckel schnappst, ihn beschreibst und beides über
den Tresen schiebst.
So zahlst du dein Trinkgeld.
Doch, ich weiß was es ist.
Was dich und mich ausmacht.
Für dich ist das Leben eine Suche.
Für mich ist es ein Geschenk.





Kommentare
"Für dich ist das Leben eine Suche.
08.08.2012, 10:51 von NemFür mich ist es ein Geschenk."
Solange es keine Waffen sind.
Sie sind beide nicht ehrlich zueinander und nicht ehrlich zu sich selbst.
08.08.2012, 09:44 von TaneaJeder vergleicht sich mit der anderen und sieht nur, was sie sehen will.
Alles andere wird ausgeblendet, nur um das eigene kleine Scheiß-Leben aushalten zu können.
was sonja sagt.
08.08.2012, 09:23 von frl_smillavon wegen erwartungen und so.
ansonsten:
ich finds ok, wenn zwei parteien ehrlich scheiße zueinander sind. muss man halt mit umgehen können und konsequenzen ziehen.
nicht alle menschen suchen nach dem gleichen.
m.e. projeziert das ich des textes seine bedürfnisse und emotionen auf das gegenüber.
frau "jadegrüne augen" ist mich sicherheit maximal nur halb so herablassend wie das ich vermutet. und dass sie sehnsucht haben sollte... naaaaja. frau ich schließt da von sich auf andere.
es gibt menschen, denen ihr leben, so oberflächlich es vllt anderen, zB dem ich im text, erscheinen mag, gefällt und die es mit vollen händen greifen und in vollen zügen auskosten auch auf die gefahr hin, sich zu verrennen oder zu scheitern.
better to burn out .. than to fade to dust.
andere haben dafür ein tiefsitzendes bedürfnis nach sicherheit und "ankommen" (.. solange bis dieses befrieidigt wird?)
ich finde an beidem nichts verwerfliches, leben und leben lassen, überheblichkeit ist von beiden seiten unangebracht.
08.08.2012, 07:45 von RedSonjaSehr wahrscheindlich hat die Erzählerin recht. Für mich geben sich jedoch beide nichts. Denn die Erzählerin erhebt sich, ebenfalls mit einem mitleidigen Unterton, genau so über die Dame mit den jadegrünen Augen, wie es an dieser auf eine gewisse Weise kritisiert wird, als ob die Erzählerin das "richtigere" Leben führen würde.
08.08.2012, 07:19 von Mrs.McH