jessy. 24.11.2014, 20:55 Uhr 0 1

Wenn man nicht mehr zu den Wolken aufsteigen kann...

"Hab keine Angst vor dem Ende, bevor es passiert. Das ist als würdest du in ein Auto einsteigen und die ganze Fahrt nur an einen Unfall denken!"

Wenn man jung ist, dann denkt man nicht an den Tod. Warum auch? Der Tod scheint weit entfernt – ein ganzes Leben scheint uns noch von ihm zu trennen. Man bedenkt nicht, dass „ein ganzes Leben“ unterschiedlich definiert werden kann. Natürlich nicht. Denn wenn man jeden Tag mit dem Gedanken aufsteht, die nächsten Stunden könnten die letzten sein, kann man kein Leben führen.

Denn jeder Schritt, den wir machen würden, jeder Handgriff, jedes Wort wäre eine Kampfhandlung – das Leben wäre ein einziger Kampf, der jeden Moment zu Ende sein könnte.

Und dann würden wir mit stummem Herzen und kalter Haut auf dem Schlachtfeld des Alltags liegen.

Aber ist das Leben nicht schon ein einziger Kampf? Jeder Tag ein Gefecht mit dem Zwischenziel, mit einem zufriedenen Lächeln ins Bett zu fallen und sich sagen zu können „Ja, das heute, das war ein guter, ein erfolgreicher Tag“. Hat nicht jeder von uns einen großen Traum? Einen Lebenswunsch? Ein Ziel, dass wir am Ende unserer harten Arbeit und den vielen Entbehrungen erreicht haben wollen.

Die Einen träumen von dem Mann mit Haus, Hund und Kind. Andere wollen erfolgreich im Beruf sein, eines Tages viel Geld besitzen, oder die Welt bereisen. Manche wünschen sich auch einfach nur ein leichteres Leben für die Zukunft, ohne Schulden und mit einem festen Job.

In anderen Ländern träumen sie von Bildung, zweimal am Tag etwas Warmen zum Essen oder sauberem Wasser. Die Freiheit ihre eigenen Entscheidungen treffen zu dürfen, unabhängig ob es sich um den Berufswunsch oder die Partnerwahl handelt.

Wenn man jung ist, gerade studiert und sein Leben genießt, hat man seine Wünsche im Hinterkopf. Sie sind ein ständiger Begleiter, egal was man tut und manchmal der Grund dafür, warum wir uns gegen oder für etwas entscheiden. Aber man schiebt die wichtigen Entscheidungen des Lebens gerne vor sich her, immerhin „hat man ja noch alle Zeit der Welt“.

Dabei kann das Schicksal ein grausamer Gegenspieler sein. Und der Boden der Tatsachen näher, als man glaubt, wenn man im Himmel der Glücksseligkeit schwebt.

Die Realität trifft einen oft so unvorbereitet wie der aus dem Nichts auftauchende Ball im Sportunterricht.

Und plötzlich ist es da – das Ende. Der Tod. Die letzte Instanz.

Unabhängig ob es einen selbst betrifft oder eine nahe stehenden Person: wird man einmal mit dem nahende Ende konfrontiert, verliert das Leben seine Farbenvielfalt. Der strahlend blaue Himmel wirkt gräulich, das knallige Orange des Herbstlaubs matschig Braun.

Alles verliert an Glanz, die Gespräche an Bedeutung und nichts scheint das betäubte Herz mehr berühren zu können.

Je mehr man versucht sein Herz wieder zu erwärmen und das Leben bunter und attraktiver zu sehen, umso mehr wird man niedergedrückt und die Versuche wieder hinaufzusteigen zu den Wolken, die plötzlich so unerreichbar scheinen, schlagen fehl.

Wenn man eine Freundin beobachten muss, deren Körper kurz davor ist den Kampf des Lebens aufzugeben, dann wird der Himmel eine einzige graue Gewitterfront. Die Wut und die Hilflosigkeit, die im Magen brodeln, legen sämtliche andere Emotionen lahm.

Man weiß, dass man ihr nicht helfen kann… Ich weiß, dass ich ihr nicht helfen kann, obwohl ich alles dafür geben würde, wenn ich die Gewissheit bekäme, dass ich in den nächsten fünf Jahren nicht in der Angst leben muss, eines Tages aufzuwachen und zu erfahren, dass ich sie nie wieder sehen werde.

Nur ihren kalten, dunklen Grabstein und die frischen Blumen auf dem Grab.

Manchmal würde ich sie gerne schütteln, ihr meine Wut ins Gesicht brüllen – die Wut auf sie, ihren verdammten Körper, ihre kaputte Seele, die sie immer tiefer in die Krankheit zieht und sie immer mehr zerstört; die Wut auf mich selbst, dass ich es nicht schaffen kann sie an die Hand zu nehmen und ihr zu zeigen, wie schön und lebenswert das Leben ist. Aber immer dann, wenn die Wut mir die Kehle zuschnürt und ich in ihre Augen sehe, sehe ich mich selbst – denselben Ausdruck, den auch mein Spiegelbild vor weniger als einem Jahr hatte, als ich selbst tief in der Anorexie festsaß.

Aber warum war das Schicksal so hart? Warum durfte ich von dieser Krankheit geheilt werden, während ein so herzensguter Mensch wie sie, der die ehrenvollsten Lebensträume hatte, die ich kenne, dem Sog nicht entkommen kann? Warum wurde ich gerettet und bekam die Chance auf ein gesundes Leben, wo sie jeden neuen Tag ihrem Ende einen Schritt näher kommt?

Warum darf ich leben…?

Und wie konnte sie so leben? Mit dem Tod im Nacken und dem Wissen, dass sie sich selbst über kurz oder lang zerstören würde, ohne ihren großen Lebenswunsch erreicht zu haben?

Woher nahm sie jeden morgen die Kraft, überhaupt aus dem Bett zu steigen und sich weiter durch den Alltag zu kämpfen…?


Tagelang quälte ich mich mit diesen Fragen, meiner Wut und der stärker werdenden Hilflosigkeit. Ich versuchte meiner Freundin aus dem Weg zu gehen und möglichst nicht an sie zu denken, was sich aber als fast unmöglich herausstellte.

Solange bis ein alter Kumpel sich per Whatsapp bei mir meldete. Ursprünglich wollte ich nur oberflächlichen Smalltalk führen, um mich ein wenig von meinen düsteren Gedanken abzulenken. Aber wie immer, wenn ich mit jemandem rede, telefoniere oder chatte, kommen wir auf seine momentanen Probleme zu sprechen – und wie jedes Mal wechselte ich sofort in meinen Kummerkastentante-Modus.

Den Chatverlauf detailliert wiederzugeben würde wohl die Zeichenanzahl sprengen (wir schrieben mehrere Stunden nonstop hin und her), deswegen versuche ich mich kurz zu fassen: sein Hauptproblem in letzter Zeit ist die große Angst davor zurückgewiesen zu werden – und das bevor er sich überhaupt getraut hatte, auf die Person zuzugehen! Meine „Weisheiten“ wie er es so schön nannte, lauteten wie folgt:

„Zurückgewiesen kann man immer werden, aber wenn dir eine Person wirklich etwas bedeutet, dann zeig ihr einfach, dass sie keine andere Wahl hat als dich zu nehmen! Und hab keine Angst vor dem Ende bevor’s nicht passiert. Das ist als würdest du in ein Auto einsteigen und die ganze Fahrt über nur an einen Unfall denken und wie willst du dann die Fahrt genießen?“ 

Nachdem ich ihm das geschrieben hatte, las ich mir meine eigenen Zeilen nochmal durch und musste schlucken. Traf das nicht auch auf mich zu, zumindest zu einem kleinen Teil? Die Angst vor etwas, was noch in der Zukunft lag – unabhängig davon wie nah oder fern – lähmte mich im Moment so stark, dass ich die Gegenwart meiner Freundin gar nicht genießen konnte. Gerade diese wertvollen Augenblicke, die so kostbar waren, dass ich sie in mein Gedächtnis eingravieren sollte.

Als ich ein kleines Kind gewesen war, ist meine Mutter ab und zu mit mir und meiner jüngeren Schwester Drachen steigen gegangen. Die Gefahr, dass der Drache wegfliegen oder sich in einem Baum verfangen und kaputt gehen könnte, ist allgegenwärtig gewesen. Trotzdem hatte ich mit Freude meinen Drachen steigen gelassen und die Minuten oder Stunden genossen, die er in der Luft geblieben war, ehe er Richtung Erdboden gestürzt ist.

Aber jetzt war ich ein kleines, ängstliches Mädchen, das ihren Drachen lieber in einer alten Kiste einschloss aus Angst er könnte mir zerbrechen.

Ich las mir den Chat noch einmal durch. Und zum ersten Mal seit Tagen, hatte ich wieder das Gefühl, dass mein Herz ein wenig wärmer wurde.

Denn mir ist etwas sehr Wichtiges klar geworden:

Irgendwann ist unser aller Leben vorbei. Und das Ende ist näher, als wir uns selbst eingestehen wollen. Aber auch wenn die Angst und der Tod einem im Nacken sitzen… Man darf niemals vergessen, dass einem immer noch Zeit bleibt – egal ob es sich dabei um Stunden, Monate oder Jahre handelt.

Diese Zeit muss man genießen und leben, damit wir am Ende des letzten Tages im Bett liegen und zu uns selbst sagen können „Ja, das hier, das war ein gutes Leben“.

Unabhängig davon ob wir unsere Lebensziele erreicht haben oder nicht. Das Leben hat tausende von Facetten und Glück und Zufriedenheit können so viele Gesichter haben. Beides wird nicht durch unsere Ergebnisse definiert, sondern von den Gefühlen, die wir am Ende in unserem Herzen tragen.

Und wer schläft nicht gerne mit einem warmen Pochen in der Brust ein?

 

Vielleicht ist das auch die Motivation, mit der du lebst, D. Und falls du das hier liest, möchte ich dir eines noch sagen: egal welchen Weg du gehst oder wie lange du noch planst hier zu bleiben, ich möchte das du weißt, dass ich jede Minute, die ich mit dir verbringen darf, genießen werde.

Damit ich am Ende eines sehr langen, aber doch viel zu kurzen Tages die Blumen auf der frisch aufgehäuften Erde in ihren schönsten Farben sehen kann.

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