Wenn die Zeit nicht mehr will
~ ~ ~
Es ist ganz still in diesem geschmackvoll gestalteten Raum.
Schwere, atemstockende Stille. Seine Blicke wandern über die Bilder an den weißen Wänden und bleiben im Gesicht des Mannes auf der anderen Seite des Schreibtischs hängen, das ihm schon so viele Jahre vertraut ist. Er starrt ihn an, möchte ihn anschreien, auf ihn einschlagen und seine Wut an ihm auslassen, aber kein Ton kommt über seine Lippen. Sein Gegenüber schaut ihn freundlich und besorgt an und er spürt, er weiß, dass jedes einzelne Wort wahr ist, dass er glauben muss, was er ihm vor ein paar Minuten gesagt hat.
Die letzten 15 Jahre rasen an ihm vorbei.
Beschissene, sinnlos vergeudete Jahre, in denen er sich vollkommen aus dem Leben zurückgezogen hatte. Er weiß nicht mehr wann und weshalb es damals anfing, nur, dass es plötzlich da war, dieses Gefühl, dieser Zwang sich zu verkriechen, nichts mehr hören und nichts mehr sehen zu wollen. Von all dem da draußen und am wenigsten von sich selbst. Auf einmal waren sie da, diese Ängste, die ihn kalt erwischten und ihn in einen Sumpf aus Feigheit und Resignation warfen, in den er immer tiefer versank. Hat sich darin selbstmitleidig gesuhlt, seinen Ängsten erlaubt, über ihn zu bestimmen, ihn von einer Panikattacke in die nächste zu schleudern, ohne Gegenwehr und ohne auch nur einmal daran zu denken, dass er für seine Situation verantwortlich ist, dass nur er selbst wieder aus der Nummer herauskommen könnte, wenn er nur wollte.
Er erinnert sich an die endlosen Nächte.
Nächte, in denen er ruhelos und vor Angst zitternd durch seine Wohnung gewandert ist und wie er anfing, diese verdammten Gefühle mit Alkohol und Drogen zu unterdrücken. Wie gut es tat, wenn er voll gepumpt irgendwo herumlag und dieses herrliche Gefühl von Freiheit spürte, wenn er glaubte, wieder er selbst zu sein, wenigstens für ein paar Stunden, wenigstens in dieser Nacht. Dann vergaß er, dass alles am nächsten Tag wieder von vorne losgehen würde, verschwendete keinen einzigen Gedanken daran, dass es falsch war, was er da machte. Dass er Hilfe brauchte und es längst nicht mehr alleine schaffen würde, zurückzukommen, in sein Leben und zu sich selbst.
Jahre, so viele verlorene Jahre.
Er schaut ihn wieder an, diesen Mann hinter dem Schreibtisch. Ihn, der ihm damals geholfen hat Wege zu finden, sich von seinen Ängsten zu befreien, von seiner Sucht, die sich so tückisch eingeschlichen hatte, und der ihm zeigte, wie es ist, wieder zu leben, wieder er zu sein. Das Leben, sein Leben wieder zu genießen, wieder daran teilzunehmen und wieder ein wahres, echtes Gefühl von Freiheit zu spüren. Und der ihm eben sagte, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Wieder wandern seine Blicke über die weißen Wände, versinken in den Farben der Bilder von Klee, die er ebenso mag wie sein Arzt und Therapeut, der ihn immer noch vorsichtig fragend anschaut. Er kann nichts sagen, sitzt nur da und merkt, dass ihm Tränen in die Augen steigen, dass er zittert.
„Wie geht es ihnen?“.
Er zuckt erschreckt zusammen, als die warme Stimme seines Arztes die unerträgliche Stille durchbricht. Was für eine blöde Frage. Wie soll es ihm schon gehen, hier in diesem Moment. Festgeklebt in dem Stuhl, unfähig, aufzuspringen und einfach davonzurennen. Zeit. Die Bedeutung dieses kleinen Wortes hatte so viele Jahre keinen Sinn mehr für ihn. Und dann, als es ihm wieder gut ging, konnte er jeden einzelnen Augenblick nicht genug davon bekommen, von dieser Zeit. War voller Ideen, versuchte nachzuholen, was er glaubte, versäumt zu haben, hat genossen und in vollen Zügen gelebt. Ja, er ist wütend. Wütend auf sich und die vergeudete Zeit, wütend darauf, dass sie ihn nun dafür straft, dass er sie so viele Jahre nicht wollte. Und die sich jetzt entschlossen hat, ihn nicht mehr zu wollen.
Wieder spricht er ihn leise an.
Will immer noch wissen, wie es ihm geht, wie er sich fühlt und was gerade in ihm vorgeht. Was soll er schon antworten? Dass er es irgendwie geahnt hatte, so, wie er sich seit Monaten fühlte? Diese immer schlimmer werdenden Gleichgewichtsstörungen, stechende, quälende Kopfschmerzen, die ihn verrückt machten und diese verdammte Übelkeit, die schon morgens anfing, kaum dass er aufgestanden war, und wie oft er sich in den vergangenen Wochen übergeben musste, obwohl er kaum noch etwas aß. Er sich zunehmend schlapp und antriebslos fühlte, alles um ihn herum immer öfter schwarz wurde und er manchmal stundenlang nichts mehr sehen konnte. Zeit.
Vielleicht noch ein, zwei Monate, vielleicht sogar noch ein halbes Jahr. Er hat kaum etwas von ihnen verstanden, von diesen leise gesprochenen Sätzen, die irgendetwas von einem Glioblastom in seinem Kopf, irgendetwas von inoperabel und bereits aggressiv gestreut erzählten und ihm sagten, dass so etwas wie Hoffnung nicht mehr zu seinem Wortschatz gehören würde. Nein, er möchte nichts mehr sagen. Tief atmet er durch und verlässt ohne ein weiteres Wort diesen schönen, geschmackvollen Raum mit den Bildern von Paul Klee.
Zeit.
Jeder einzelne Buchstabe hämmert in seinem Kopf, als er langsam durch die Straßen seines Viertels geht und sich der schmerzenden Ironie bewusst wird, der Ironie, dass er seinem Leben so viele Jahre keine Zeit gegeben, sie achtlos weggeworfen und vergessen hatte und dass sie ihn jetzt dafür achtlos wegwerfen wird, in ein paar Monaten oder einem halben Jahr. Er weiß noch nicht, was er machen, wie er jetzt damit umgehen soll und ob er überhaupt zusehen, erleben will, wie es sich aus seinem Körper schleichen wird, dieses kleine Wort namens Zeit.
Dessen Bedeutung er das erste Mal in seinem Leben wirklich spürt.
(März 1961 – Januar 2009)




Kommentare
Ohne Worte.
12.05.2009, 22:37 von suppentasseKann ich sowas nicht auch haben? Die ersten fünf Absätze sind mein Leben.
12.05.2009, 12:15 von Steifschulz@Steifschulz traurig
12.05.2009, 20:55 von Lumenawer war er?
12.05.2009, 12:00 von TochterAusElysium