mimimiend 13.08.2018, 22:00 Uhr 2 2

Weil hätte, wäre, könnte.

Was passiert, wenn man dem Gedankenkarussell einen Realitätscheck entgegenstellt.

Nach fünf Jahren lachst du noch so herzlich und ungehalten wie früher. Du erinnerst mich an dich. Das ist schön und vertraut. Jetzt sitzen wir hier unter Lichterketten im Hof mit Sommerbrise und großen Augen, gespannt auf Alles, was wir uns zu erzählen haben.

Eigentlich sitzt du nicht mit mir zusammen auf Bänken in Bars im Kiez, sondern mit Surfbrett am Strand am anderen Ende der Welt. Das heute ist eine große Ausnahme und umso aufgeregter bin ich. Mein Bier trinke ich deswegen ein bisschen schneller als gewöhnlich und spiele die ganze Zeit am Aufkleber rum. Du bist entspannt und gelöst, wie immer. Das schwappt irgendwann auch auf mich über. Genau das mochte ich schon immer so gern an dir. Du gibst mir das Gefühl, dass ich ganz ich selbst sein kann, nichts falsch oder richtig ist, komisch oder peinlich.

Als ich dich irgendwann frage, ob du glücklich bist, erschrecke ich kurz selbst. Nicht, weil die Frage zu persönlich ist und wir nicht offen und ehrlich miteinander reden können, sondern weil ich lange Zeit dachte, dass mein Glück durch deine Abwesenheit geschmälert wird. Ich weiß, dass ich für dich keine so große Rolle gespielt habe und das hat mich die letzten Jahre traurig gemacht und zum Grübeln gebracht. Jetzt sitzt du mir gegenüber und ich freue mich einfach nur, dass du zufrieden bist und es dir gut geht. Plötzlich bin ich nicht mehr enttäuscht, dass ich kein Faktor in deiner Gleichung von Glück bin.

Nach diesem Abend sind da keine hundert Fragezeichen mehr, sondern ein großes Aufatmen. Ein gewaltiger Luftzug, der durch meine Lunge prescht und mich von so viel Unklarheit und Gedankenkreiseln befreit, dass mir vor Erleichterung Tränen in die Augen steigen.

Wir leben in zwei verschiedenen Welten, ich verstehe deine nun und male mich nicht mehr in ihr aus. Ich umarme dich, stelle fest wie schön es war, dich zu sehen, zu hören und da zu haben. Wer weiß, wie lang es diesmal dauert, bis es ein Wiedersehen gibt. Ich freue mich schon jetzt darauf und bin froh, dass wir trotz der Entfernung noch Freunde sind und weiter sein können. Du drehst dich um, ich gehe und ganz unerwartet streift mir ein Lächeln übers Gesicht, dass gar nicht wusste, dass es existiert und so plötzlich aus der Tiefe auftaucht, dass ich selbst vor der Erleichterung erschrecke.

Der Gully unter mir rauscht wie die Wellen vor deiner Südinsel auf denen du sonst surfst. Bald bist du wieder dort. Jetzt kann ich dich in dein anderes Leben ziehen lassen, in dein eigentliches. Du gehst deinen Weg, der dich glücklich macht und endlich kann ich meinen auch gehen. Da ist kein Haken mehr an dem ich hänge, keine Schwebe in der ich mich befinde, und nichts, was mich festhält und nicht loslässt. Es fühlt sich an wie ein Ende, auf das ich lange warten musste und ein Neuanfang, der endlich beginnen kann.

 

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Kommentare

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    Sehr schön gesagt. Sehr schön gesschrieben. Das Gefühl kenne ich auch. Hält es bei dir noch an?

    Ich hatte so einen Abend (wirklich ziemlich ähnlich) und auch diese erleichternde Erkenntnis. Und dann - fieser Weise - kam es irgendwann zurück. Dieses Gefühl, dass mein Glück doch wieder durch die Abwesenheit des anderen geschmälert wird (wie du es so zutreffend beschrieben hast.)

    Manchmal ist es fies, dass das Herz sich so verirren kann. Und mein Verstand kann es leider dann auch nicht immer trösten.

    15.08.2018, 15:53 von Vada
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      Dankeschön :) Und das Gefühl der Erleichterung und Gelöstheit ist immer noch da, ich hoffe das ändert sich nicht.

      Das tut mir leid, zu lesen. Es ist wirklich nicht schön, wenn man sein eigenes Glück so von jemand anderem abhängig macht und nicht anders kann. Ich hoffe, du findest deinen Weg und kannst bald einen ganz ähnlichen Text erleben, der dann bleibt.

      15.08.2018, 19:21 von mimimiend
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