Von Niemandem Gerufen
Es ist wieder so. Nichts fällt mir ein. Das Papier bleibt weiß. Mein Kopf leer oder voll von leeren Nichtigkeiten.
Dann sitzt es da. Grinsend, die kleinen kalten Augen zu Schlitzen geformt, stets auf mich gerichtet. Den Kopf geneigt und das breite Grinsen, scheinbar ohne Lippen, die sich über die unzähligen kleinen Zähne legen könnten, schiebt die faltige Haut die Wangen zu den Ohren.
„Nun, kannst du begreifen, warum ich hier bei dir bin?“, fragt es. Ich blicke ihm verdutzt in die Fratze. „Warum ich diese Reise zu dir antrat? Aus dem nichts. Der Weg war weit. Der Weg war so weit, doch ich wollte zu dir. Habe mich gezwungen nicht zu halten. Jeden Schmerz ignoriert, jeden anderen Gedanken verbannt. Nur du in meinem Kopf, ich zwang mich nicht einmal zu rasten. Ich wollte dich schnell erreichen. Du brauchtest mich. Nicht mehr weit, sagte ich mir. Es ist nicht mehr weit. Ich wusste, dass du mich brauchst. Zog durch Länder, die du noch nie gesehen hast. Sah alle Menschen, alle Pflanzen, alle Tiere. Lebewesen und Formen, die noch kein Buch gefasst hat. Ich sah Leben, ich sah Liebe, ich sah Hass, ich sah Tod. Doch ich ließ es alles sein. Denn dein Ruf war stets in meinen Ohren. Sag jetzt, weißt du, warum ich zu dir kam?“.
Ich wende meinen Blick ab. Wie kann es sein? „Ich glaube nicht, dass ich dich kenne.“, sage ich zögerlich und wende mich wieder meinem Blatt Nichts zu. Kopfschütteln und ein rasselndes Kichern aus der Kehle des Untiers. Es richtet sich auf. Stellt seine dürren Beine auf. Seine Füße zeugen vom langen Marsch, den es hinter sich haben muss. Dreck unterschiedlichster Herkunft klebt an ihnen. An den Knöcheln knochentrocken, an den Sohlen matschig. Sein Körper ausgehungert, Narben an mancher Stelle, doch zeigen seine Bewegungen noch, dass Kraft in ihm steckt.
Einen Moment lang starrt es mich an. Dann zwei Schritte zu mir. „Du kennst mich nicht?“, fragt es etwas aufgebracht, „Das ist sehr komisch. Dumm und komisch.“ Wieder starrt es mich an. Sein Blick fängt meinen. Die kleinen schwarzen Pupillen inmitten dieser fast weißen Iris greifen sich meine Aufmerksamkeit. „Dumm und komisch...Weit bin ich gereist, um zu dir zu komme. Zu weit, als das du mir sagen kannst, du kennst mich nicht! So weit gerannt!“.
Das Monster zeigt mit seinem dürren Arm zum Fenster, doch sein Blick bleibt bei mir. „Ich sah Menschen, die die Straßen füllten, die Natur genossen, in der Sonne saßen. Menschen, die miteinander aßen, tranken, lachten, sich umarmten und küssten, miteinander schliefen, sich halfen, berieten und trösteten. Ich sah so wunderschöne Menschen. Funkelnde Augen, Schillernde Locken, samtene Haut und schönste Körper.
Doch auch sah ich Menschen, so abscheulich in ihrem Tun, dass es mir ihren Antlitz gänzlich widerwärtig erschienen ließ. Sah diese Menschen, die sich anschrieen, belogen, kotzten, erniedrigten, tobten vor Wut. Sich gegenseitig vergifteten, ertranken, erschlugen, Glieder abrissen und im Blut von Toten feierten. Blut. Alle Straßen, jede Ecke stank danach. Frisch oder Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte alt. Blut ist der Klebstoff, der für immer hält. Nichts kann helfen es wieder rein zu waschen. Immer da. Dieser Gestank. Mord, Tod, Wahn. Ich bin diesen Weg nicht zu dir gekommen, damit du mir jetzt sagen kannst, dass du mich nicht kennst...Doch...Mein Äußeres lässt deine Gedanken nicht weiter vordringen, nicht wahr? Du bist zu einfältig, dass du dich davon so abschrecken lässt. Wir waren so oft zusammen und haben erschaffen, weißt du das nicht mehr? Kannst du dich an nichts mehr erinnern, das wir kreiert haben?! So wunderbare, wunderbare Dinge! Von solcher Schönheit, solchem Talent. Wie wir zusammen agiert haben! Wir waren so gut zusammen...Ja, zusammen. Mein Äußeres schreckt dich ab. Doch, wenn ich dir sage, dass ich nicht immer so aussah. Ich war nicht immer dieses kleine abartig unansehnliche Etwas. Ich war viel größer, so wie du. War viel stärker, voller Ideen...voller Farben. Ich war so schön...Kannst du dich erinnern? Erinnere dich...“. spricht es schließlich zu mir. Es tritt näher an mich und ist direkt neben mir. Ich sehe es an. Seine Augen öffnen sich und im immer größer werdenden Schwarz erkenne ich. Immer näher beugt es sich zu mir und ich mich zu ihm. Seine knochigen Hände, Taubenfüßen gleich, legen sich auf meine Ohren, sodass die Daumen auf meinen Wangen liegen. Unsere Gesichter sind sich direkt gegenüber, unsere Nasen berühren sich fast. Dann erkenne ich. Erkenne ich mich. Das was mir fehlte. Mein vergessenes Ich.




Kommentare
schön! erinnert mich ein bisschen an den kleinen prinzen:)
23.09.2011, 16:19 von pixiebird