Verblasste Gemeinsamkeit
Schwer zu finden und leicht zu verlieren: FREUNDE. Wir haben Autoren gebeten, für uns die Geschichte einer verlorenen Freundschaft aufzuschreiben.
Vor tausend Jahren lebten mein bester Freund und ich dasselbe Leben. Die Schule, in die wir gingen, und die Kleinstadt, in der wir wohnten; die Mädchen, die wir liebten, und die traurigen Lieder, die wir nachts auf dem Balkon hörten … alles war eins. Wir redeten nicht viel – was gibt es schon zu reden, wenn man bereits alles vom anderen weiß.
Oft verschwendeten wir einfach unsere Zeit mit einer unendlichen Zitatesammlung – Sätze aus Filmen, Zeilen aus Liedern oder Büchern. Fast nie ging es darum, etwas Bestimmtes zu besprechen, ein Problem zu lösen – wir waren einfach nur zusammen und versicherten uns einander. Wir waren Teenager. Nichts war wichtiger als die Gewissheit, nicht alleine in diesem Sturm des Lebens zu stehen. Nach dem Abitur verließen wir unsere Stadt, er ging nach Norden, ich nach Osten. Plötzlich hätte es was zu besprechen gegeben, zum ersten Mal lebten wir in unterschiedlichen Welten, aber irgendwie blieben wir bei dem, was wir immer gemacht hatten: mit fremden Gedanken Zitate-Pingpong spielen – viel reden, nichts sagen. Einige Zeit schickten wir uns Kassetten, mühevoll zusammengestellt, oder Zeitungsausschnitte und Bücher, aber immer dachten wir dabei nur an uns, nie an den anderen. Es kam mir vor, als bohnerten wir die Oberfläche unserer Freundschaft so spiegelblank, dass wir uns darin vor allem selbst sehen konnten. Manchmal schickt der Junge, der vor tausend Jahren mal mein bester Freund war und den ich heute kaum noch kenne, noch eine SMS. Immer sind es Songzitate. »Summer’s here and the time is right, we’re going racing in the street …« Dieses Mal noch habe ich ihm geantwortet: »We’re one, but we’re not the same«, aber ich bin mir nicht sicher, ob er mich verstanden hat.
Tags: Freunde verlieren





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