ParticularlyPeculiar 30.11.-0001, 00:00 Uhr 48 37

Und am Ende nichts, was bleibt?

Der Himmel legt sich wie eine graue, muffige Wolldecke auf mein Gesicht.

Ganz kurz stockt mir der Atem. Dieses graue Mistding da oben nimmt mir irgendwie die Luft weg. Wenn man von woanders wieder nach Hause kommt, fällt einem immer irgendwie die Decke auf den Kopf. Oder der Himmel. Umso schlimmer, wenn der auch noch grau ist. Oder?

In Holland war der Himmel blau und der Wind war scharf. Davon bekomme ich immer Bindehautentzündung. Aber das macht nichts. Ich liege am Strand und begrabe meine Füße im Sand. Ich baue einen Fisch aus Sand über meinen Füßen. Der Fisch lacht. Ich lache nicht. Dieser Urlaub ist Kontrastprogramm zur Abifahrt vor einer Woche. Statt Alkohol in der Hand und einem semiattraktiven Spanier an der Backe habe ich jetzt ein Buch in der Hand und niemanden an der Backe. Eigentlich leider.

Denn du bist auch da. Ich schaue zu dir rüber. Du spielst eins dieser bescheuerten Strandspiele, bei denen man drei Stunden einem winzig kleinen Ball hinterherrennt, weil er ständig ins Meer geweht wird. Ich fühle mich erwartungsvoll und leer. Weil zuhause ein neues Leben wartet. Und auch, weil du seit drei Tagen kaum mit mir sprichst. Obwohl ich dich sogar in meinem Zelt pennen lasse. Ganz ohne Hintergedanken. Logisch. Natürlich.
Ich sehe dich, wie du dich bemühst, möglichst cool dem dämlichen Ball ins Meer hinterher zu hetzen. Du bist ein Poser, seit neustem. Du willst gefallen. Nicht mir. Nicht mehr.

Ich schaue wieder auf mein Buch. Ich denke an zuhause und die Bewerbungen, die dort auf mich warten. Soviel Arbeit. Auf die ich mich trotzdem freue. Ich will jetzt was Neues. Ausziehen, anderes sehen. Neuanfang, Neustart, Neuer Lebensabschnitt. Oder was die Familie so alles auf die Abi-Glückwunschkarten gemalt hat.

Ich hebe den Kopf und sehe zu wie du schläfst. Das Licht im Zelt ist rot und wirft seltsame Schatten auf dein Gesicht, sodass du irgendwie fremd aussiehst. Du schnaufst und kuschelst dich an mich. Nur im Schlaf. Gleich wirst du aufwachen und raus zu den anderen wollen. Frühstück. Ich bin nur im Schlaf wichtig.

Das Handy klingelt. Meine Mutter ruft sogar im Urlaub an, weil noch Unterlagen für die Bewerbungen fehlen. Und weil sie schon mal Wohnungen rausgesucht hat. Ich freue mich.

Am Abend packen die, die heute in Amsterdam waren, das Zeug aus. Es wird gebaut. Mir als Nichtraucher hat man freundlicherweise einen Keks mitgebracht. Danke. Wie lieb.

Heute ist sie angekommen. Du hast deine Schwanzfedern gespreizt, wie ein Pfau. Ein ziemlich dämlich anzuschauender, weil du mit deinen Schwanzfedern nicht so gut laufen kannst und deine Arme immer so schlackern. Die benutzt du gerade, um sie herumzutragen. Laufen ist etwas für den Pöbel wie mich, denke ich kurz, bitter. Aber dann lache ich. Zum ersten Mal.
Du siehst mich an. Du weißt, was du und das alles mir bedeutet. Du weißt, dass es mir ins Herz schneiden muss, deine bescheuerten Schwanzfedern und Balzrufe für sie zu sehen. Du lachst. Du machst weiter. Egal. Für dich.

Ich habe ganz schlimme Herzschmerzen. Überlege mir kurz, ob ich ne Aspirin einwerfe und ab ins Zelt. Dann fällt mir ein, dass eine Aspirin da wohl nichts hilft. Vielleicht zwei? Ich bin stoned. Ich lache. Ich schaue euch zu. Dir. Und dann auf einmal. Ist es mir egal. Absolut egal. Tu, was du willst. Du nimmst in Kauf, dass es mir schlecht geht? Ab heute nicht mehr, ich lasse dich nicht mehr. Ich nehme dich aus meinem Herzen heraus. Du hast keinen Platz mehr da. Der wird neu besetzt, das beschließe ich jetzt. So. Kurze Wut. Und dann nur noch, Leere.
Aber schöne. Zum ersten Mal seit Monaten kein nagendes Gefühl mehr. Ich gehe schlafen. Viel Spaß noch. Ja, ich geh schlafen. Gute Nacht.

Am nächsten Morgen wache ich auf und halte die Luft an. Ein Moment. Schmerz ganz kurz. Aber nein, es ist vorbei. Es kommt nicht wieder. Ich sehe dich an. Du musst heute Nacht irgendwann auch ins Zelt gekrochen sein. Und hast deinen Kopf auf meine Schulter gelegt, deinen Arm über meinen Bauch. Besitzergreifend. Aber nein. Ich gehöre dir nicht. Mehr. Das weißt du noch nicht. Ich muss wieder lachen. Deine Haare sehen wie zerknitterte Schwanzfedern aus.

Am nächsten Tag fahre ich nach Hause. Du sagst, das wäre kein Problem, du könntest ja zur Not... hmmm, bei wem... ach ja, bei ihr im Zelt schlafen. Mein Lachen ist schon wieder da. Du schaust mich an, verächtlich, du denkst, ich lache aus Eifersucht. Tue ich aber nicht.

Ich bin zuhause. Ich kümmere mich um die Uni und ich werfe meinen alten Schulkram weg. Hier wird jetzt aufgeräumt. Kein Platz mehr für den ganzen alten Plunder. Du fliegst auch mit raus. Du bist Teil von dem alten Zeug, das ich nicht mehr brauche.

Ich weiß nicht, wann du es merkst. Vielleicht, wenn du nach Hause kommst. Du wirst darauf warten, unbewusst, dass ich mich schon irgendwann melde. Ich kann ja nicht nicht anders. Konnte. Denn jetzt wird dein Telefon stumm bleiben. Und irgendwann fällt dir die Stille auf. Dann weißt du es. Bei dem Gedanken muss ich, richtig, schon wieder grinsen.

Wir sind ja lange schon vorbei. Und jetzt endgültig. Am Ende ist nicht viel was bleibt. Nur ich. Halt, das ist doch ganz schön viel.

Eigentlich ist der graue Himmel gar nicht schlecht. Und er ist auch keine muffige Decke. Sonder leicht. Hinter den Wolken ist er nämlich blau. Ich muss jetzt gehen.

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48 Antworten

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    ich liebe deinen stil. ich ziehe meine imaginären hut vor dir.

    20.03.2010, 18:13 von .JAGGER.
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    ich liebe deinen stil. ich ziehe meinen imaginären hut vor dir.

    20.03.2010, 18:12 von .JAGGER.
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    schöner text!
    hätt auch gern so viel mut wie du.

    10.03.2010, 16:42 von sarahlovesherbaebaey
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    ich war nicht mit ihm in einer klasse,aber in einem gemeinsamen freundeskreis.in dem so ziemlich engsten,den ich mir vorstellen kann.mehr familie als freunde.insofern extrem schwierig,wenn sich auf einmal zwei gar nicht mehr verstehen und,schlimmer noch,die anderen nur einen von beiden verstehen.dann wird aus unverständnis ausgegrenzt.


    aber auch in einer klasse zusammen und getrennt zu sein,kann ich mir sehr schwer vorstellem.schön,dass du das trotzdem gut überstanden hast...

    24.09.2009, 10:26 von ParticularlyPeculiar
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    find ik jut

    22.09.2009, 12:37 von Tyler.Durden
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    er hat dich nicht verdient.....glückwunsch zu deinem selbstbewusstsein :o)

    21.09.2009, 18:45 von Flacky
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    Super Text.. schön geschrieben und so wahr.

    19.09.2009, 13:45 von LilCookie
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    Ich finde es gut, dass du die Fronten geklärt hast.
    Sehr schön ist auch zu sehen, dass man am Ende doch immer wieder zu sich selbst zurück kommt und hey, war man selbst nicht schon immer da?!

    17.09.2009, 14:52 von Lenschi
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    habe ich ja nicht.wir hatten uns schon monate zuvor getrennt,aber kamen irgendwie nicht recht los voneinander. er hat mir immer wieder hoffnung gemacht und habe das auch lange zeit eingefordert und damit beinah mich selbst vergraben vor lauter gefallen wollen.das wurde fast eie abhängigkeit,die wir beide nicht wollten und mit der er nicht umgehn konnte.weshalb er ziemlich hilflos auf meinen Gefühlen herumgetapst ist.
    ich hab damit nur was beendet,das keine Freundschaft mehr war und auch keine Beziehung.
    heute können wir endlich normal miteinander umgehn.war also der einzig mögliche und richtige schritt.
    nur,um die verworrenen verhältnisse mal aufzuklären, die hier anscheinend verwirrung stiften.;)

    16.09.2009, 19:50 von ParticularlyPeculiar
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