Madame_Frosch 30.11.-0001, 00:00 Uhr 41 165

Über die Einsamkeit

Dein Name klingt wie du schaust: zu weise für dein Alter.

Wusstest du, dass du einen wunderschönen Namen hast? Er klingt so, wie du aussiehst: nach Augen, die liebevoll und viel zu weise für dein Alter schauen. Nach schwarzen, zerzausten Haaren und dem unbedingten Willen. Dem Willen nach Antworten auf Fragen, die nur du selbst beantworten können wirst. Und wenn man deinen Namen googelt, dann findet man dich. Hier. Ein Name, der zu diesem virtuellen Ort passt - und ich wette, du bist schon lange nicht mehr hier. Hast vor ein paar Jahren mal reingeschaut und dann den Kopf über all die Liebeserklärungen und oberflächlichen Abhandlungen über das eigene Selbst geschüttelt. Ich muss schmunzeln, wenn ich mir dich so vorstelle. Hier lesend. 


Vor zwei Wochen hast du im Flur gestanden, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und mir einen Blick zugeworfen, den ich mir wie ein Geschenk verpackt und in den Schrank meiner Erinnerungen verstaut habe. Für später. Für den Moment, wenn ich einmal in den Spiegel schaue und mich entscheiden muss, ob es schön oder häßlich ist. 

Weißt du, ich wollte es tun. Nachdem wir das Seminar beendet hatten, dachte ich: Du hast nichts zu verlieren. Ich hatte die E-Mail schon geschrieben, in der ich dich auf einen Kaffee einlud. Ich hatte so etwas noch nie getan und es wäre mir sonst auch niemals in den Sinn gekommen - jemand fremdes auf einen Kaffee einzuladen. Einfach so. Aber irgendetwas an deinen Augen war mir eben nicht fremd, sondern sehr vertraut. War es die Einsamkeit? Oder der Schmerz? Oder die Suche nach etwas... wahrhaftigem? 
Ich wollte die E-Mail abschicken. Es klingelte an der Tür. Ich dachte: Ich schicke es später ab. 

Und tat es dann nie.

Stattdessen begann mit diesem Klingeln an meiner Tür ein ganz neues Leben. Es ist ein reiches, buntes und lautes Leben: erfüllt von Kinderlachen, duftendem Erdbeerkuchen und all den Geschichten, Farben und Gefühlen, die in das Wort "Familie" reinpassen. Es war ein dummer Zufall, aber er hat mein Leben verändert, in Trümmer gehauen und es neu aufgebaut.
Es gibt nur noch seltene Augenblicke, in denen ich alleine bin. Die Einsamkeit habe ich abgelegt wie den Wintermantel, der im Frühling in den Keller geräumt wird. Aber vergessen habe ich sie nicht. Nicht die Dunkelheit, die mich jeden Tag, jede Sekunde lang, umgab. Und auch nicht die Stille und ihre Musik, die so viel Kraft hat. Soviel Kraft und soviel Tod. 

Ich glaube, es gibt Zeiten im Leben, die ganz leer und still sind. Es sind Zeiten, die wie eine große Frage gelebt werden: Die verschiedenen Leben schwirren um dich herum wie Mückenschwärme an einem heißen Sommertag. Es ist, als stündest du monatelang auf einer Kreuzung und könntest dich für keinen Weg entscheiden. Du hängst in der Warteschlange fest. 

Das muss man eines Tages überwinden. Wir müssen uns eines Tages entscheiden. Es gibt Kreuzungen, an denen führt jeder Weg zum Ziel. Ein Weg führt über die Berge, wo du auf den puderzuckrigen Spitzen dem Himmel ganz nahe bist. Ein anderer führt am Meer vorbei, das den Himmel am Horizont mit der Erde vernäht. Und noch ein anderer führt dich auf eine Wiese, wo die schönsten Blumen wachsen, die du je gesehen hast und die nach einem Paradies duften, das du lange verloren glaubtest.
Es gibt Kreuzungen, da ist jeder Weg richtig. Und trotzdem können wir nur einen von ihnen wählen. 
Wir müssen einen von ihnen wählen.

Du bist immer allein. Du sprichst oft mit anderen Menschen, du lachst und eigentlich siehst du aus, wie ein ganz normaler Student. Aber die Einsamkeit schärft die Sinne, es ist, als könnte man den Vorhang, hinter dem sich die Menschen verstecken, beiseite schieben und einen Blick hinter die Kulissen werfen. Und obwohl du mit anderen sprichst, an ihrer Seite gehst, mit ihnen in der Mensa isst - bist du allein. Bist du mit diesen Menschen nicht vertraut. Wandelst du auf einem Pfad, auf dem dir keiner folgen mag. Ich kenne diesen Pfad. Ich kenne seinen Zauber. Seine Pflicht. Seinen Schmerz. Man wandelt durch eine Dunkelheit, die man sein Leben lang nie ganz verlassen können wird. Es wird immer ein Schatten davon übrig bleiben. 

Aber auch ein bisschen von dem Zauber, der wie Staub an deine Fingerspitzen klebt. Ab und an wird etwas in die Tage rieseln und dich an etwas Großes erinnern, für das wir niemals Worte finden, das wir niemals erklären können. Nur fühlen. Einatmen. 

Ich wünsche dir, dass sich eines Tages genau dieser Zauber in deinen Augen spiegelt - und die Einsamkeit, den Schmerz und die Stille verblassen lässt. Ich wünsche dir, dass du eines Tages gebraucht wirst und darum die Dunkelheit verlassen musst. Ich wünsche dir durchwachte Nächte an der Seite eines Menschen, der dich liebt und dir deswegen die Haare zu Berge stehen lässt, der dir in den Po beißt, wenn du zu lange schläft und der dir zuhört, wenn du abends im Bett Geschichten über das anthropologische Prinzip vorlesen möchtest. Ich wünsche dir, dass dir jemand einen Kuchen zum Geburtstag backt und den Mut hat, deine Zweifel auszuhalten, deine Traurigkeit und deine endlose Suche, die zu dir gehört wie dieser Name, der so schön klingt. 
Ich wünsche dir, dass du einen Menschen so gut kennen lernst, dass ihr immer gemeinsam Schluckauf bekommt und immer in derselben Sekunde hicksen müsst. Dass du den ganzen Tag durch diese zerstreute Welt spazierst und ihre auseinander gefallenen Fragmente einsammelst, aber abends nach Hause kommst und durch die Haustür in ein Wolkengemisch aus frisch gewaschener Wäsche, trockener Heizungswärme und Kartoffelbrei mit Röstzwiebeln steigst. Weil da ein Mensch ist, der den ganzen Tag auf dich gewartet hat. Und der dir darum gar keine Zeit, keinen Raum lässt, um all die Wege zu bedauern, die du nicht gegangen bist und nie gehen können wirst - weil der deinige, der jetzige, so echt ist. So lebendig. So hell wie die Morgensonne, die lange Goldteppiche durch die gebauschten Gardinen am Fenster wirft. Ein Anblick so schön, dass er alles andere verdrängt.

Ich wünsche dir Liebe. 
Von ganzem Herzen.

165

Diesen Text mochten auch

41 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    mal ein schöner text !

    10.11.2016, 20:39 von EC_Lino
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ein klein wenig Zauberstaub ist wohl auch von deinen Händen gerieselt..! 

    25.02.2016, 22:58 von kopfkinokaos
    • Kommentar schreiben
  • 2

    "Ein Anblick so schön, dass er alles andere verdrängt."

    - Hatte ebenso Tränen in den Augen, ein unendlich schöner Text, der tief im Herzen berührt.. Danke dafür..

    27.01.2015, 20:54 von Crazyblu
    • Kommentar schreiben
  • 1

    dein Text hat mir Tränen in die Augen getrieben.

    03.01.2015, 15:18 von traumtaucherin
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Also irgendwie bin ich jetzt deprimiert. Der Part mit dem Nachhausekommen ist wirklich schön! 

    18.11.2014, 20:35 von See_Emm_Why_Kay
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schlichtweg schön!

    18.11.2014, 20:04 von hen_rouac
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    schöner text. regt an. malt bilder. mag ich

    01.09.2014, 23:07 von Kristjan_Momo
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ein einzigartig schöner Text, der ein Kribbeln auf der Haut hinterlässt. Danke dafür !

    28.07.2014, 16:46 von Espria
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 5

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare