herz.ist.trumpf. 04.05.2010, 13:36 Uhr 41 33

Treppenhausgeschichten

Dreiundvierzig Ticke, bis sie bemerkt, wie ordentlich gerade ihre Bücher nebeneinander stehen, fünfundvierzig, bis er ihren Namen flüstert.

Die Uhr tickt zwölf Mal bevor er klingelt. Der Tag fühlt sich lang an, obwohl er gerade erst angefangen hat, Tag zu sein, jeder Schritt fällt ihm schwer. Es dauert sieben Ticke, bevor sie ihm die Tür öffnet, sieben weitere steht sie schon vor dem Summer und überlegt. Beide haben ihr eigenes Gefühl für den jeweils anderen, dahinter steckt immer ein anderes Motiv. Er besucht sie seit geraumer Zeit, die Nachbarn ahnen schon, dass etwas anders ist, sie sehen ihn kommen und gehen und kennen nicht einmal seinen Namen.

Vierundzwanzig Ticke später steht er vor ihrer Wohnungstür, zwei Ticke, und sie lächeln sich an, fünf Ticke, und er betritt ihren Raum. Er wartet immer ein paar Sekunden, bevor er wirklich zu ihr hoch kommt, als beschließe er, jemand anders zu sein, sobald er die erste Stufe des Treppenhauses nimmt, als beschließe er, er selbst zu sein, wenn er bei ihr ist.

Es dauert immer eine Stunde, bis sie sich küssen, eine Halbe, bis er ihre Hand nimmt, eine Viertelstunde, bis sie ihn irgendwie berührt. Sie lachen dann aus Unsicherheit, sie kennen sich aus, mit ihrem Spiel. Er weiß mittlerweile, wo der Kaffee steht, die Schrittfolge zu ihren Tassen, den Rhythmus zu ihrem Sofa. Wie der Teppich sich anfühlt ist ihm geläufig, nur barfuß hat er ihn noch nicht erlebt, doch er kennt die Struktur, die Geschichten, die Geheimnisse, die ihre Wohnung bergen, die Lügen und falschen Gesichter, die beide aufsetzen, sind andere im Raum.

Manchmal schweigen beide, dann ist der Moment vollkommen. Dann fragen sie einander, was sie denken, die wirklich intimen Augenblicke verlaufen ohne Ton, ohne Bewegung, selbst das laute Ticken der Küchenuhr ein Zimmer weiter ist dann stumm. Wenn das Ticken wieder einsetzt, zählt sie die Sekunden zu seinem nächsten Wort, in der Hoffnung, es gäbe eins. Dreiundvierzig Ticke, bis sie bemerkt, wie ordentlich gerade ihre Bücher nebeneinander stehen, fünfundvierzig, bis er ihren Namen flüstert, der sich immer anders anhört, seitdem er ihn sagt, so zerbrechlich stark.

Weitere vierundfünfzig Ticke der Küchenuhr, bis er bemerkt, wie wenig Kinder draußen noch singen, nur ein kleiner Junge läuft am Fenster vorbei und summt die Melodie der Leichtigkeit. Ihm fällt auf, wie gerade ihre Bücher nebeneinander stehen, so ordentlich, und bringt es nicht mit ihr in Verbindung. Aber was er mit ihr in Verbindung bringt, ist der Sommer, wie gerne wären sie Kinder des Sommers, wie unmöglich es jedoch scheint.

Dreiundsiebzig Ticke, bis zu ihrem Bett. Zwölf Schritte, es sind immer die Gleichen. Vierzehn Mädchenschritte, zwölf Männerschritte, sie tänzelt, er stolziert. Einhundertdreizehn, bis er sie anschaut, als sei er verliebt, einhundertvierzehn, bis sie ihn an der Wange berührt, und ihm zeigt, wie viel Gefühl sein kann.
Sechszehn weitere , bis sie überlegen miteinander zu schlafen, zwei weitere, bis der verführerischste Kuss fällt, den es je gab, ein weiterer Tick aus der Küche, und beide wissen, dass sie es sich aufheben, bewahren. Sie zelebrieren das Verschieben ihrer Leidenschaft, lachen lautlos zweiundzwanzig Ticke lang und erzählen Geschichten mit ihren Augen. Er erzählt von seiner Vergangenheit, sie von ihrer Zukunft. Er malt ihr Märchen auf die Haut, nur mit seinem Atem, sie hört gespannt zu.

Nach zweihundertachtundvierzig Ticken wird klar, dass er gehen muss, nach langen vierundsiebzig geht er wirklich. Die Verabschiedung ist hektisch, oftmals mit Blicken, die mehr sagen, als Worte es je könnten, er zählt die Stufen bis zur Haustür, dreht sich vier Mal um, sie steht noch in der Tür, wie sehr ihn das erleichtert. Sie schaut ihm hinterher, ihm und ihrer Sehnsucht, alles was sein kann und wird, dreiundsechzig Ticke, und sie schließt die Tür, wartet auf das Läuten der Glocken der Kirche gegenüber, lächelt, begrüßt die Melancholie.

Vierunddreißig Ticke, und hinter ihm fällt schwer eine Tür ins Schloss, zwei, er holt tief Luft, vier lange, die er braucht, um zu merken, wie glücklich er ist, dann begrüßt er den Sommer. Wie selbstverständlich nimmt das Leben weiter seinen Lauf, während die Welt der beiden für ein paar Ticke lang still steht .

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  • 1

    "Er malt ihr Märchen auf die Haut, nur mit seinem Atem, sie hört gespannt zu."
    Der Satz ist wunderschön, dein Schreibstil auch!
    Ich halte den Atem an und genieße jeden Buchstaben und jedes Wort.

    12.01.2011, 15:18 von insatiable
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    gefällt.

    24.05.2010, 13:32 von SieLiebt.
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    es ist zauberhaft erfrischend. ich finde es etwas neues unglaublich... ja... ich will es auch so formulieren können!

    20.05.2010, 11:49 von Die.mit.rotem.Haar
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    gefällt mir sehr gut . wirklich schön geschrieben.

    19.05.2010, 15:20 von Hochgefuehl
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    sehr schön...

    13.05.2010, 22:59 von ladybugs_and_ducks
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    haaaaaat was.

    12.05.2010, 01:19 von saruschel
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    Eine relativ einfache Situation genau so schnell und kurzweilig beschrieben, wie man sie von Außen wahrnehmen würde. U.a. mit Hilfe der "Ticke" konnte ich den Text angenehm lesen, da ja jede Bewegung und Aktion in eine einzelne Episode eingeteilt wird dadurch...
    Für die beiden Protagonisten jedoch eine unglaublich lange und intensive Zeit...Ich finde das für mich absolut nachvollziehbar und kenne diese "Tick"-Momente. Sehr hübsch.

    11.05.2010, 19:41 von MadActor
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    olle kamellen. ich ertrag diese immer nach gleichem muster ablaufenden geschichten nicht mehr.

    das die protagonisten nicht einpennen dabei, wundert mich wirklich.

    11.05.2010, 19:24 von YOLK
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