Trauer und Wut
Ein Anruf meiner Schwester - meine Freundin, die im Koma lag, ist gestorben
Der Tod gehört zum Leben. Aber nicht zum Leben eines 15-jährigen Teenagers. Trotzdem ist er gekommen. Nicht still und leise, über Nacht. Nein, er kam angekündigt, laut und mit voller Wucht. Ich wusste, dass sie nie wieder aufwachen würde, ich glaube, wir alle wussten es. Aber wir haben es über all die Wochen nicht wahrhaben wollen, nicht akzeptieren wollen. Und dann kam er, der Tag, der mir heute, sechs Jahre später noch so gut und so klar in Erinnerung ist.
Ich war zu Besuch bei meiner Oma. Es war der 4. März 2000.
Wir hatten gerade gefrühstückt als das Telefon klingelte. Meine Oma bat mich, für sie dranzugehn.
Die folgenden Sekunden veränderten mein Leben. Sie ist tot, gestorben, am frühen Morgen. Meine Schwester, nur ein Jahr jünger als ich, hatte die schwere Aufgabe übernommen, mir das mitzuteilen. Sie war so unendlich tapfer, sie weinte, und ich liebe sie sehr für die Stärke, die sie aufbringen musste.
Ich konnte nicht weinen. Keine Träne kam. Nicht, als ich die Nachricht erfuhr, nicht, als ich den Hörer auflegte und nicht, als ich zu meiner Oma sagte: „Meine Freundin ist heute gestorben." Ich war wie betäubt. Meine Oma nahm ich kurz in den Arm. Ein kleiner Versuch, mir einen Teil des Schmerzes zu nehmen. Stundenlang saß ich am großen Fenster im Dachgeschoss, ein Fenster mit breiter Fensterbank. Die ersten warmen Strahlen versuchten die Erde zu wärmen. In mir drin war alles taub. Ich fühlte nichts. Ich war nicht in der Lage zu weinen.
Gegen Mittag holte mich mein Vater ab. Er versuchte so zu tun, als wäre nichts geschehen, versuchte, mit mir zu reden. Aber ich sprach nicht, starrte nur aus dem Autofenster. Ich dachte an das letzte Jahr mit ihr. Hatten wir nicht vor ein paar Wochen noch Pläne für die Zukunft geschmiedet?
Doch an diesen 4. März stand die Welt für mich still. Daheim war es ruhig. Meine Schwester hatte geweint. Sie nahm mich in den Arm. Erst da kamen mir die Tränen.Tränen der Trauer und der Wut. Trauer um eine gute Freundin, Wut auf die Ärzte. Denn nach einer Blinddarmoperation sollte man nicht im Koma liegen und sterben müssen. Das war mein 4. März 2000. Die Wochen danach sind verschwommen. Viele Gedichte sind in dieser Zeit entstanden. Voller Trauer und Sehnsucht.
Seit dem sind sechs lange Jahre vergangen, aber der Schmerz über diesen Verlust ist noch da. Und manchmal gehe ich zum Friedhof und trauere um meine verlorene Freundin. Manchmal frage ich mich auch, was aus uns geworden wäre, würde sie noch leben.






Kommentare
es tut noch immer weh, oder? es wird mit der zeit nicht besser.
13.05.2010, 16:35 von notforsaleEin unendlich trauriger & wunderbar geschriebener Text.
04.02.2010, 21:37 von MeikiiiDer mir zwar Angst vor der Zukunft mit der Trauer macht aber auch die Hoffnung gibt, dass eine früh verstorbene Freundin doch immer ein Teil des Lebens bleibt.
Erst mal mein Beileid
24.01.2008, 10:04 von DanceIch finde das sehr traurig ich habe beim Lesen fast geweint da mich das an meine Freundinn erinnert die auch Ihre Freundinn verloren hat und sie das auch immer noch sehr trieft wenn sie von Ihr spricht
Ich weiß nicht ob das für dich ein guter rat ist aber hast du mal an eine Selbsthilfe Gedacht? Ich denke das könnte dir vieleicht helfen
Ich weiß gar nicht was ich sagen soll...
25.12.2007, 19:21 von MiroMaBelladas tut mir wirklich leid und ich finde es supermutig von dir, sowas aufzuschreiben. Vielleicht hilft es ja ein bisschen, ich war noch nie in so einer situation, kann es daher nicht nachvollziehen.
Ich wünsche dir alles erdenklich gute!!
scheiße. mein schlimmster tag war 20 tage später. der schlimmste tag in meinem leben. auch weiß genannt und als text verarbeitet.
13.12.2007, 12:24 von airygreenDie Besten sterben jung, leider ist das oftmals wirklich so.
11.12.2007, 17:40 von puppenkoeniginIch kenne das Gefühl leider nur zugut...
Dieses leere Gefühl, dieses Nichts das so groß in einem ist kenne ich. Einer meiner besten Freunde ist an meinem 18. Geburtstag bei einem Unfall gestorben. Das ist jetzt fast fünf Jahre her und trotzdem vergeht kein Tag wo ich nicht an ihn denken muss.
23.11.2007, 22:09 von curious317Was aus uns geworden wäre, frage ich mich auch oft.
Für mich existiert er weiter in meinen Gedanken. Wenn ein so junger Mensch so schnell aus dem Leben gerissen wird, dann lässt sich das nur schwer, bis gar nicht begreifen. Ach die Zeit kann die Lücke die da jetzt ist nicht wieder füllen!
ich möchte dir viel kraft geben das du zur ruhe kommen kannst.
13.11.2007, 09:42 von katinka8das ist einer der härtesten schicksalsschläge...
alles gute für dich :)
Der text ist echt traurig,aber wunderschön geschrieben...es tut mir leid, was da passiert ist!
16.10.2007, 18:58 von plusmag-girlMan weiß nicht, wie doll so etwas weh tun kann, bevor man so etwas nicht selbst erlebt hat...Aber ich finde es richtig gut, dass du darüber schreibst.
alles gute =)