endoplasmatisch 10.12.2013, 15:19 Uhr 14 38

Theater im Kopf

Allein sein: einsam sein, eine Trennung erleben, nachts allein Fahrrad fahren, in einer Gruppe der einzige sein, der etwas nicht kann, Angst haben

Weißt du noch, was ich dir erzählt habe? Ich meine, wie ich mir das vorgestellt habe, wenn wir mit der Schule fertig sind und unsere eigene kleine WG haben.

Wir wären nie mehr als eine Zimmertür von einander entfernt und ich könnte zu dir rüber kommen wann immer ich will, meine Ellenbogen auf deinen Schultern ablegen und zuschauen wie du zeichnest. Betrachten was auf dem Blatt Papier vor dir passiert, vielleicht gerührt sein von der Schönheit oder verstört.

Aber meistens würden wir beide einfach in unseren Zimmern sitzen mit offenen Türen. Du würdest malen und ich würde schreiben. Wenn du keine Lust mehr hast, kommst du in mein Zimmer, setzt dich auf den alten Parkettboden und ich les dir vor, was ich gerade geschrieben habe.

Manchmal würden wir zusammen kochen, aber meistens doch irgendwohin essen gehen und dann zusammen in der kleinen Dönerbude in der Neustadt sitzen und man würde sehen, dass wir zusammen gehören. Zusammen gehörend nicht als Liebespaar, aber unzertrennlich in unseren Leben verbunden, selbstverständlich in allem was wir tun, über Alltägliches redend aber im Grunde doch so viel tiefer gehend.

So oft wie möglich würden wir ins Theater gehen, uns die Stücke drei oder vier mal anschauen und dann darüber stundenlang diskutieren, aber niemals würden wir uns einigen können, weil dich nur das Bühnenbild interessiert und mich nur die Schauspieler.

Weil Du es nur toll findest, wie in Hamlet die Bühne am Ende versenkt wird sodass nur noch ein Sternenhimmel bleibt und ich nicht aufhören kann an die bedingungslose Freundschaft zwischen Hamlet und Horatio zu denken, mich ein wenig wie Hamlet fühle, der nicht mehr weiß wohin und darüber den Verstand verliert, aber auch wie Horatio, der selbst im Wahn noch zu ihm hält.

Wir laufen zu unseren Fahrrädern und fahren nach Hause, stehen zusammen im Bad während wir uns die Zähne putzen und ich rede immer noch von dieser wunderschönen Freundschaft während du schon längst wieder woanders in Gedanken bist.

Manchmal im Winter, wenn es kalt draußen ist und der Himmel klar, sitzen wir nachts in Decken eingewickelt auf dem Balkon. Du rauchst und ich trinke warmen Kakao und wir wissen, dass wir es gut haben, weil wir nicht allein sind, weil wir nicht allein sein müssen um Ruhe zu haben, sondern zusammen schweigen eine der Sachen ist, die wir zusammen am besten können.

Ich weiß noch, wie ich dir das erzählt habe und wir beide lachen mussten bei dem Gedanken an das Chaos, das unser Zusammenleben sein würde. Wie wir nachts auf dem Sportplatz vor der Schule saßen, etwas abseits von den anderen und unser Schweigen nichts anderes war als der Ausdruck unserer Verbundenheit.


Und jetzt bist du an der Kunsthochschule in Berlin und wenn du deine Ruhe haben willst, machst du da irgendwo in Kreuzberg deine Zimmertür zu. Und du sitzt nachts im Sommer auf Dächern in Berlin, rauchst Zigaretten mit Regisseuren und Schauspielern, die deine Bühnenbilder ganz toll finden.

Keine Zeit um nach Dresden zu kommen, aber ruf doch mal an, hast du gesagt. Aber worüber soll ich denn reden, wenn sich bei mir nichts ändert und bei dir ganz viel? Ich weiß nicht mal mehr, ob ich noch Literaturwissenschaft studieren will und überhaupt ist Theater ja eine ziemlich oberflächliche Sache und ich habe neulich erst den Schauspieler, den wir beide so toll fanden irgendeine Assistentin beschimpfen sehen, könnte ich sagen.Ich könnte auch sagen, dass wir uns nicht mehr kennen, dass ich immer noch das mache, was ich früher gemacht habe, aber mich so sehr verändert habe.






Tags: Freundschaft, Theater, liebe, Allein, Studenten, Kunst
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14 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Du hast das Gefühl gut getroffen, finde den letzten Satz nur nicht ganz rund...

    15.12.2013, 07:41 von clothesofmyyouth
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  • 1

    Ich mag's, allerdings stört mich teilweise der Zeitenwechsel zwischen Konjunktiv und Präsens. Würde das einheitlicher halten.

    14.12.2013, 20:01 von dreamed
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    • 1

      öhm meinte ich :D ups.

      16.12.2013, 14:23 von dreamed
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    Wundervoll schlicht.

    13.12.2013, 01:01 von Sommerregen03
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    Toll geschrieben! 

    Find' gerade die letzten zwei Absätze entscheidend. Kontrast zwischen dem was Realität ist, wie es eben immer wieder kommt...  Und dem was man sich zusammenspinnt, wünscht und erhofft :)
    Aber die Kunst besteht darin, Freundschaften dennoch aufrecht zu erhalten :D 

    12.12.2013, 09:32 von Nero-Noir-Nitro
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    Ich finds ganz, ganz toll. Ich stoße mich an den letzten zwei Absätzen irgendwie, aber alles davor ist sehr schön. Es kommt oft anders als man denkt, aber die Pläne von damals sind immernoch schön und herzig. Damit ist das wohl mein längster Kommentar unter einem Text, aber es hat mich an Ideen und Träume erinnert, die es nicht in die Realität geschafft haben. Das ist wertfrei - wer weiß wozu es gut ist. Und ob man das jetzt noch glaubt oder nicht: ich steh auf gemeinsames schweigen. ;) "... unser Schweigen nichts anderes war als der Ausdruck unserer Verbundenheit." 

    12.12.2013, 00:24 von Klitzekleinste
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  • 1

    Manchmal ist es nur die Vorstellung von etwas, die bleibt...bittersüß geschrieben, schön.

    11.12.2013, 21:46 von KleineFreiheit
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    • 0

      so siehts aus,
      was oberflächlich is,hängt vom tun ab
      nich von der Sache.

      sollte man den Text da oben trotzdem mal lesen ?

      11.12.2013, 22:33 von schauby
    • 0

      ja, lieber Schauby. :)

      12.12.2013, 00:49 von Tora
  • 0

    Eine wirklich sehr schöne Erzählung.

    Du könntest auch sagen, dass er sich vielleicht sehr verändert hat, durch Berlin und das, was er jetzt dort so macht. Dass Schauspielerei ne ziemlich oberflächliche Sache ist, hast du ja bereits gesagt. :)

    11.12.2013, 14:38 von Tora
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