T-Shirt-Bekanntschaften
Hier sieht's nett aus, steigen wir hier aus?
Die Warnleuchte beginnt bereits zu blinken und die Tür setzt sich trötend in Bewegung. Ich hechte gerade noch dazwischen, obwohl in nur drei Minuten die nächste Bahn in meine Richtung fährt und obwohl es unangenehm werden wird, bei diesen Temperaturen an schwitzende, genervte Körper gepresst zu werden. Ich denke an die Rushhour in Tokio, bei der das nette Personal so lange Hand anlegt, bis der letzte Fahrgast hineingezwengt wurde ohne dass der Rockzipfel in der Tür einklemmt und freudig durch die Luft flattert.
Ich lange blind zwischen ein paar Schultern hindurch nach der Haltestange, erwische fremde Finger und letztendlich ein freies Plätzchen für zumindest zwei meiner eigenen. Kein Problem, umfallen wäre ohnehin dank meiner zahlreichen Nebenmänner und –frauen undenkbar. Es klingt wohl nicht so, aber ich liebe Bahnfahren. Es ahnt wohl keiner, aber ich liebe Berlin.
Als sich der Trubel ein wenig legt, bin ich zumindest in der Lage zu erkennen, auf welchen T-Shirtaufdruck ich nun schon seit fünf Minuten gestarrt habe. Es ist mein T-Shirt in anderer, aber zugegeben guter Farbwahl. Erwischt - ich shoppe ab und an in der Männerabteilung. Ich verfolge den Hals, an dem das Shirt hängt und treffe auf Augen, die ebenfalls einen wahrscheinlich meinem eigenen sehr ähnlichen dümmlichen Blick zwischen meinem Gesicht und meinem Shirt austauschen. Wir lächeln uns schief an und stehen auch dann noch voreinander, als längst Sitzplätze freigeworden sind und als ich längst meine Haltestelle verpennt habe. Der Gute ist nicht mein Typ und das macht die Attraktivität der ganzen Sache aus. Das erste und einzige Mal, als eine Bahnbekanntschaft meinen Geschmack getroffen hat, gehört zu der Art Begegnung (mit Fortsetzung), die man konsequent vergeblich versucht zu vergessen (besonders die Fortsetzung).
Hier sieht’s nett aus, steigen wir hier aus?, ist das erste, das ich von seinem netten Stimmchen zu hören kriege und ich bin so selbstlos und steige mit einem wildfremden Kerl in einer wildfremden Gegend aus der S-Bahn. Noch vor Namen, Alter und Schuhgrößen klären wir, dass er bereits in der Stadt war, die wir beide auf unserem Shirt spazieren tragen, während es für mich ein großer, langersehnter Traum bleibt. Als ich verkünde, dass mir gefällt, dass er auf Männer steht, weil ich mir schon immer einen schwulen Kumpel gewünscht hatte, merke ich, dass ich diesem Kerl, von dem ich nicht einmal den Namen kenne, mein Leben vor die Füße legen will. Er soll es ohne Scheu angucken, zerstückeln und mit in Hoffnung getränkten Händen wieder zusammenbasteln.
Irgendwann liege ich in einem fremden Stadtteil, in einer fremden Wohnung, in einem fremden Bett neben einem fremden Jungen. Ich sage ihm, dass ich nichts mehr auf die Reihe kriege und Angst habe, in Selbstmitleid zu schwimmen, zu versinken, zu ertrinken. Seine hoffnungsvolle Hand legt sich auf meine, drückt sie ganz fest und ich drücke zurück, weil er mich so sehr an mich selbst erinnert, dass ich ihm nicht in die Augen sehen kann.
Zwei Jahre später sitze ich hier und frage mich tatsächlich, warum mich diese Stadt dazu treibt, alle ach so vernünftigen Zukunftspläne über Bord zu werfen und dorthin zurückzukehren, wo der Mist nicht von den Bäumen fällt.





Kommentare
Der letzte Absatz hinterlässt ein Fragezeichen, aber das davor war angenehm und spannend zu lesen. Ich mochte sehr den Satz
06.07.2012, 05:31 von Mrs.McH