RAZim 06.07.2012, 16:56 Uhr 15 18

Stille Nacht

Ich begutachte uns im Spiegel gegenüber und muss lächeln. Deine Haare sind weniger und mein Bart ist länger geworden.

Als ich die Augen schließe sehe ich jede Menge Farben.

Wie damals, wenn wir so hoch schaukelten, wie es das klapprige Gerüst gerade noch zuließ. Ich liebte dieses Gefühl der kurzen Schwerelosigkeit und wie der Magen sich ein kleines Stückchen zusammenzog, kurz bevor es wieder hinunter ging. Mit geschlossenen Augen konnte ich dann ein Meer von ineinander verschwimmenden Farben vorbeiziehen sehen.

Im Moment fehlt allerdings das Kribbeln im Bauch und mein Kiefer schmerzt, genau wie meine Nase.

„Sie wird wohl zumindest angebrochen sein, du Trottel“, höre ich dich schimpfen. Als ich aufschaue hast du die nächste Runde Wodka bestellt und streichst über dein Veilchen.

Schweigend sitzen wir nun nebeneinander an der Theke. Trinken und rauchen und spüren beide, dass sich nichts verändert hat. Ich begutachte uns im Spiegel gegenüber und muss lächeln. Denn deine Haare sind weniger und mein Bart ist länger geworden.

Wortlos stehe ich auf und gehe pissen. Die Menge auf der Tanzfläche teilt sich vor mir und für einen Augenblick fühle ich mich wie Moses, als sich das rote Meer teilt. Wie ein verprügelter Moses.

Ich lasse eiskaltes Wasser über mein Gesicht laufen und denke daran wie unterschiedlich unsere Leben verlaufen sind. Wie große Pläne durch Schicksalsschläge zerstört wurden. Wie der Zufall uns mitgespielt hat und letztendlich doch alles immer irgendwie gut wurde. Mit kratzigen Papiertüchern wische ich mir über die Stirn und meine Gedanken weg.

Als ich zu dir zurückkehre, reicht dir die Bedienung gerade etwas Eis zur Kühlung und mit einer kurzen Handbewegung bitte ich sie um mehr Wodka. Stumm beobachten wir die Frauen und nicken uns wortlos zu, wenn wir ein hübsches Gesicht entdecken.

Stunden später, als wir durch die verlassene Altstadt torkeln, wildfremde Menschen aus ihren Betten klingeln und in Briefkästen pinkeln, wird mir klar was ich an dir habe.

Wir sind immer noch die gleichen dummen Jungs.

Und mit niemandem rede ich so gerne nicht, wie mit dir.

18

Diesen Text mochten auch

15 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    der letzte satz macht die nummer hier echt rund. sehr schön! 


    11.08.2012, 19:19 von FrauTina
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Irgendwie musste ich an den Nikolaus denken

    06.07.2012, 19:24 von EliasRafael
    • 1

      http://www.neon.de/bilder/bild/5-monate-bis-nikolaus/904074/524455

      chr chr chr :P  :D

      07.07.2012, 15:08 von Jackie_Grey
    • 0

      Schmutz!

      07.07.2012, 15:19 von EliasRafael
    • 1

      man muss auch mal loslassen können ;)

      07.07.2012, 20:21 von RAZim
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich hasse es, wenn Betrunkene nachts bei mir klingeln. Bekomme immer so einen Schreck! Nicht machen, bitte.

    06.07.2012, 18:46 von B.tina
    • 1

      Versprochen!

      06.07.2012, 18:57 von RAZim
    • 0

      Danke.

      06.07.2012, 19:06 von B.tina
    • 3

      In den Briefkasten pinkeln geht aber klar, oder?

      06.07.2012, 19:07 von RAZim
    • Kommentar schreiben
  • 0

    He's back.

    06.07.2012, 18:31 von cosmokatze
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Ich liebte dieses Gefühl der kurzen Schwerelosigkeit und wie der Magen
    sich ein kleines Stückchen zusammenzog, kurz bevor es wieder hinunter
    ging."

    RAZim! jajaja!
    wunderwunderschön!
    macht mich lächeln...

    06.07.2012, 17:11 von pocket
    • 1

      Als ich die Stelle las, hatte ich genau das Gefühl.

      06.07.2012, 18:31 von cosmokatze
    • Kommentar schreiben
  • Die Rahmensprengmeister

    Wenn es laut wird, prollig und klug, und man dazu hüpfen muss, haben Deichkind eine neue Platte gemacht. Wie wir das neue Album fanden, lest ihr im Blog.

  • Links der Woche #43

    Diesmal u.a. mit weinenden Fashion-Bloggern, wandelbaren Schönheitsidealen und einem schnarchenden Papa.

  • Mord auf dem Reiterhof

    Eine junge Frau wird erdrosselt. Haben ihr Freund und seine Mutter aus Habgier ihren Tod geplant? Unsere Autorin hat den Prozess begleitet.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare