Konservendose 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 3

Sprung vom Dach - Mein einigermaßen-Freund Maus

Man kann jetzt nicht sagen, dass wir super gut befreundet waren.

Ich weiß nicht ob es dir auffiel, aber man konnte nicht wirklich mit ihm reden. Er war jetzt nicht unbedingt immer still, aber eine richtige Unterhaltung hat er in meiner Anwesenheit nie geführt. Wirklich sympathisch war er mir auch nie. Ich hörte hin und wieder heraus, dass er im Internat war und auch sonst nicht gerade eine geborgene Kindheit hatte. Dadurch war er für mich der Stereotyp eines jugendlichen, sich Drogen reinschaufelnden, aggressiven Vorstadt-Ganoven. Er rauchte Gras ohne Ende, schmiss sich Pepp und Dinger rein, hatte ständig Schnupfen, sah immer kränklich aus (ich weiß, später war er muskulöser, aber das war dann nicht mehr meine Zeit, da war ich schon weg). Einen lustigen, sehr coolen Tanz hatte er drauf, auch wenn dieser wohl ohne die chemischen Zutaten nie zustande hätte kommen können.


Im Grunde fallen mir zwei Momente ein, an denen wir unter uns waren:
Der eine war die Rückfahrt aus Holland, als Maus, Ahmed und ich festgenommen wurden. Maus und ich wurden ja ohne Anzeige freigelassen, weil Ahmed uns entlastete. Nachdem wir, ich glaube 5 Stunden in getrennten Zellen gesessen hatten (immerhin hatte Maus eine Matratze und pennte die Stunden weg, während ich nur einen Stuhl in der Mitte meines Raums stehen hatte, die ganze Zeit um ihn herum Kreise drehte, mit der Gewissheit meine Zukunft zerstört zu haben) fuhr ich uns beide in meinem Polo nach Hause. Wir hatten, so weit ich mich erinnere, kein Wort miteinander gewechselt. Ich war wütend auf alles. Auf Lingen, auf Ahmed, auf meine junge Existenz, Maus hatte Schnupfen und Husten. Da es schon 6 Uhr Morgens war, fuhren wir mit allen vier Fenstern offen, so schnell wie möglich zurück. Mein Vater brauchte das Auto um 7 Uhr und es stank im Fahrzeug nach Gras. War also kein Wunder, dass wir nicht groß redeten, bei vier offenen Fenstern auf der Autobahn. Man hätte eigentlich glauben können, dass so ein Glück (immerhin hätten wir auch angezeigt werden können) uns zusammenschweißen hätte müssen, aber ich fuhr ihn einfach Heim, gab ihm den obligatorischen Handklatscher und die Faust zum Abschied und brachte das Auto pünktlich auf die Sekunde nach Hause. Ich Parkte den Polo ein, stieg aus, gab meinem gerade rauskommenden Vater den Autoschlüssel, wir grinsten uns an, er fuhr zur Arbeit, ich fiel ins Bett. 

Der zweite Moment passierte vor dem Ersten. Ich erzähle ihn aber trotzdem zuletzt, weil er wesentlich mehr Bedeutung hatte. Das war der einzige Augenblick, wo ich das Gefühl hatte, es stecke mehr hinter diesem scheinbar hohlen Typen. Ich erinnere mich nicht mehr warum wir beide zu ihm nach Hause gingen. Ich weiß bloß noch, dass es mich sehr interessierte wie er wohl lebte. Wie die Eltern von so einem Typen aussahen, wie sein Zimmer eingerichtet war, welche Poster an den Wänden hingen. Als wir reinkamen, rief Maus ins offene Wohnzimmer einen Gruß. Mir viel damals auf, dass er nicht "Hallo Mama" oder "Mom" oder etwas in die Richtung rief, sondern einen weiblichen Vornamen: "Hallo Ulla", glaube ich, ich erinnere mich leider nicht mehr welcher Vorname es war. Zurück kam etwas über "Essen auf dem Tisch", was darauf schließen lies, dass er nicht bei seinen leiblichen Eltern lebte. Er verneinte das Angebot und führte mich in sein Zimmer. Es war recht groß, hatte in einer Ecke ein Einzelbett, in der Mitte ein Sofa als Raumtrenner, einen Fernseher, Regale usw. Was mir auffiel, waren alte Spielzeuge auf einem Regal, und viele Fotos von - vermutlich - seiner echten Familie. Es war alles sehr liebevoll aufgereiht, passte so gar nicht zu allem was ich bisher von Maus kannte. Dieses Regal hatte was von einem… Schrein. Auch dort redeten wir kaum miteinander. Ich weiß auch wirklich nicht mehr, weshalb wir dort waren. Ich weiß nur noch, dass er sehr liebevoll mit seiner, Adoptivmutter redete. Von diesem Tag an hatte ich den Eindruck, das alles was er tat und sagte immer einen Hauch Melancholie versprühte. Tief in seinem Inneren war er ein Anderer, hatte Sehnsucht nach seiner echten Familie. Nun sah ich, dass seine Wortkargheit einen Grund hatte. Er kehrte in sich, sah in den normalsten Dingen etwas bedeutsames, etwas, dass ihn erinnern ließ. Wenn ich jetzt so zurückdenke, hätte ich wahrscheinlich, mit etwas mehr Menschenkenntnis, schnell erkannt, dass er es nicht schafft. Ich war einfach zu jung damals..

3

Diesen Text mochten auch

6 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0


    14.12.2015, 22:18 von riverboat_amy
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ist er tot?

    08.12.2015, 12:50 von riverboat_amy
    • 0

      nein, er lebt jetzt in der mäusestadt.

      08.12.2015, 14:15 von JackBlack
    • 0

      Er mietete sich ein Hotelzimmer in Münster, lebte dort einige Tage und sprang dann vom Dach des Hotels. Was er die Tage wohl getrieben hatte?

      14.12.2015, 10:30 von Konservendose
    • 0

      Verstehe ich nicht ganz. Reden wir gerade von einem Mensch?
      Also ich fand den Text schon interessant, nur schön ist sowas ja nicht. Hätte mich nur interessiert.

      14.12.2015, 22:16 von riverboat_amy
    • 0

      ich geh dann mal in die mäusestadt...

      16.12.2015, 11:11 von Konservendose
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare