Soundtrack des Lebens
Menschen sind wie Lieder.
Häufig sitze ich da und meine Mitmenschen dudeln wie Radiomusik um mich herum. Selten ist ein guter Song dabei, dafür wiederholen sich die Lieder in bemessbar regelmäßigen Abständen. Manchmal höre ich mich dabei an bestimmten Menschen satt.
Radiomusik streift die Seele nur, man wippt vielleicht ein wenig mit dem Knie mit. Vielleicht bastelt man sich im Kopf kleine Anmoderationen für die Stücke zusammen. Doch die meisten Lieder, die als große Hits verkauft werden, sind im Endeffekt großer Müll. Je öfter ich sie höre, desto mehr wird mir das bewusst.
Trostlos wär die Situation, wenn man nicht seinen eigenen Soundtrack hätte – die Lieder, die man sich selbst zusammen stellt, die man auf Kopfhörern laut hören kann und die durch ihre Worte und ihren Klang das Herz berühren. Unvergessen sollen dabei auch nicht die großen Party-Hymnen bleiben, die in einem die Freude erblühen lassen, das Glas zu heben und das Tanzbein zu schwingen. Manche Lieder sind am Anfang so leise, dass man zunächst genau hinhören muss, bevor sie sich einem in Tiefe und Schönheit offenbaren. Wie ein Epos von Pink Floyd. Einige Menschen sind wie klassische Musik – manche auf die schnöde, andere auf die anspruchsvolle schöne Weise.
Selten begleiten einen Lieder ein Leben lang; je älter man wird, desto häufiger erlebt man, dass sich Menschen einem als Coverversionen von Althergebrachten versuchen zu verkaufen. So manchen lernt man als Sommerhit kennen, der einen bisweilen sogar über den Sommer hinaus begleitet. Andere lernt man eher an nebligen Novembernachmittagen zu schätzen.
Meistens ist der Songtext das, was mich berührt – Aussagen mit Substanz, aber auch Menschen, die mit einfachen Worten, aber starker Melodie so viel zu sagen verstehen. Und bei manchem Song sind es gerade die Soli, die den Reiz ausmachen.
Wer Hiphop macht, aber nur Hiphop hört, betreibt Inzest. Wenn ich meine Hitparade betrachte, blicke ich in ein buntes Potpourri verschiedenster Musikrichtungen, wobei mir eine klare Genre-Zuordnung nicht nur meistens schwer fällt, sondern auch widerstrebt. Wie auf Youtube kann man im realen Leben nach neuer Musik suchen. Immer mehr Menschen bevorzugen dazu das Internet, andere schätzen eher den traditionellen „Plattenladen“ oder das hippe Konzert in der Nachbarschaft. Ab und zu gibt es vielleicht mal ein One Hit Wonder, manchmal entdeckt man einen Song für sich, den man schon lange kennt, oder man kramt in Momenten der Stagnation oder Nostalgie in alten Plattenkisten. Und dann sind da noch die Ohrwürmer, die man sich nicht aus dem Kopf schlagen kann, so sehr man es auch versucht.
Manche Lieder gewinnen Preise, doch ist man selten derjenige, der sie erhält, geschweige denn vergibt. Dabei kommt man ab und an auf den Gedanken, das eigene Lied sei ein Flop. Das Gefühl drängt sich auf, dass sich Menschen langsam an einem tot gehört haben und man deshalb aus den Hitparaden gestrichen wird. Man zweifelt an der eigenen Komposition. Einige verzweifeln darüber so sehr, dass sie versuchen als Coverversionen ihrerselbst auf dem Markt zu landen. Andere hinterfragen ihre Aussage, versuchen sie zu ändern oder probieren einfach selbstbewusst bei einem anderen Publikum damit zu landen.
Des Öfteren stelle ich fest meine eigenen Verse so oft gehört zu haben, dass ich den Sinn dafür verloren habe, was sie meinen. Dann brauche ich Stille um mich herum, um mir Klarheit zu verschaffen. Ein andermal suche ich den Lärm der Menschen, um nicht meinen eigenen Melodien nachzuhängen. Gelegentlich habe ich Angst mit den Bluenotes anderer den Beat in mir zu ersticken.
Bei manchen Menschen bemerke ich, wie sie im Laufe der Zeit ihre Harmonie verändern. Andere, die ich in Dur kennen lernte, klingen nun in Moll. Die einen schreiben sich groß auf die Fahne, dass Musik ihr Leben ist, die wenigsten davon meinen es so, während andere sich darin verlieren. Wiederum andere kommen mit weniger „Nebengeräuschen“ aus, wie sie es nennen würden.
Das ganze Leben ist ein Lauschen, Rauschen, ein Hinhören und Weghören und leider oft auch Überhören. Nun sitze ich hier, summe meine eigene kleine Melodie und denke voller Musik im Herzen an alle Menschen, die sich als ewige Evergreens den Platz auf meiner Hitliste gesichert haben. Ich scheiß drauf, was die Charts versuchen zu dirigieren – heute und in zehn, zwanzig Jahren.




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