Kokomiko 03.11.2011, 02:05 Uhr 60 66

Sorgenkind

Wenn ich die Geschichte erzähle, muss ich mit Katrin anfangen. Ja. Das ist wohl das Beste. Also Katrin.

...
Katrin war damals, als die Sache losging, meine Freundin. Meine einzige. Eine Freundin der Art, wie sie Männer eigentlich nicht haben, weil sie es nicht können. Oder weil sie es nicht wollen. Katrin war zu schön und begehrenswert, um für einen Mann eine richtige Freundin sein zu können. Wenn es jedoch, wie oft in allen Leben eine Konstellation von Umständen und Zufällen gibt, die zulässt, was sonst unerlebt und ungeschehen bleibt, dann kann eine Frau wie Katrin eine Freundin für einen Mann wie mich werden. Oder eines anderen. In jedem Leben geht es doch zu, wie in einem Steckspiel. Wenn zwei ineinanderpassen. Arsch auf Eimer. Und Katrin war es. Sie passte rein in mich. Und ich in sie. Über die Ereignisse und die Begebenheiten, die ich hier erzähle, wurde sie Vertraute. Eine Rettung. Eine irgendwann über den Rausch der ersten Begegnung hinaus gewordene Seelenverheiratete, die man lieben muss, wenn man noch irgendetwas an und in sich selbst liebt, oder wenigstens meint, irgendwann mal wieder lieben zu können oder geliebt zu haben. Mein Sorgenkind.

An dem Abend, als ich Katrin in einer Bar in Charlottenburg kennenlernte, liebte ich nichts mehr an mir, was noch irgendwie nennenswert gewesen wäre. Ich war selbst Strandgut aus Schiffbruch in erwachsener Welt, die mich gelehrt hatte, dass ohne Existenzkompass der Untergang aus Orientierungslosigkeit in treibendem Dasein so oder so beschiedene Sache ist. Warum sollte ich mich weiter wehren? Ich hatte daher seit Längerem beschlossen, mich langsam und angemessen zivilisiert zu Tode zu trinken und empfand es mittlerweile als eine angenehme Art und Weise, dem Rest der Menschheit das Feld zu überlassen. Ich störte sie nicht auf der Überholspur. Sie ließen mich im Gegenzug in Ruhe auf dem Standstreifen in die letzte Ausfahrt ausrollen.
Das war vor etwa 5 Jahren und diese erste Begegnung hätte mich damals eigentlich schon wissen lassen müssen, dass Katrin irgendwann mit ihrer Art in Schwierigkeiten geraten würde, aus denen sie nicht mehr alleine herauskommen könnte. Schwierigkeiten mit Männern. Erwachsene Schwierigkeiten.

Sie war ziemlich betrunken und hatte einen mindestens ebenso betrunkenen Verehrer im Schlepptau, als ich das erste Mal ihre Stimme hörte. Sie stand etwa 2 Meter hinter mir. Die Bar war gut besucht und über die Lautstärke von Musik und Stimmengewirr hörte ich sie eindringlich irgendjemand zurufen.
„Das ist mein Mann. Der daa! Also bitte lass mich jetzt in Ruhe, bevor er sauer wird. Ich habe Dir doch gesagt, ich bin mit meinem Mann hier. Da sitzt er. Schaatz?!“
Ich saß auf einem Barhocker, selbst nicht mehr ganz nüchtern aber noch nüchtern genug, um zu verstehen, dass der schlanke Arm, der mir plötzlich von hinten mit sanftem Nachdruck um den Hals gelegt wurde, zu der Frau gehörte, die soeben mich als ihren Ehemann vorgestellt hatte, um eine offenbar zudringliche männliche Abendbekanntschaft von der Aussichtslosigkeit zu überzeugen, ihr näher als bisher an diesem Abend kommen zu dürfen, was dieser offenbar mit Nachdruck anstrebte.  Der Arm um meinen Hals roch ausgesprochen gut. Die Frau schmiegte ihren schlanken Körper an mich und ich sah im blau beleuchteten Barspiegel, dass ihr Verehrer mit dem debilen Blick eines Betrunkenen die Umarmung und damit das finale Zeichen für ihn zum Abgang nicht ohne Unmut betrachtete. Er schwankte leicht und  ich schätzte im Spiegel kurz sein Gewicht und seinen Zustand ab, falls es gleich Unannehmlichkeiten mit ihm geben sollte. Dann überlegte ich einige Sekunden, ob ich mich mit der offenbar sehr attraktiven Besitzerin des Arms, der so gut roch verbrüdern sollte, oder ob ich weiterhin das tun wollte, was ich am liebsten tat und am besten konnte. Mich weiter alleine betrinken,
sie entlarven und für mich das Schauspiel beenden, in das ich hier gerade durch sie verwickelt wurde.
„Ey Du?!“ Der Kerl nahm mir die Entscheidung mit einem kräftigen Druck seiner Hand an meinen linken Oberarm ab.
„Is das Deine Frau?“
Zu dem schönen Arm kam jetzt ein zweiter dazu und ein Kopf mit weichen schwarzen Haaren legte sich zärtlich, wie betrunkene Frauen in Zuneigung, oder wie in diesem Falle, aus gurrendem Kalkül heraus sein können, an meinen. Sie küsste mir ganz sanft den Hals. „Schick ihn weg. Ich will mit Dir alleine sein.“ flüsterte sie und küsste mein Ohr. „Bitte.“
Die Szene geriet mir außer Kontrolle. Ich drehte mich langsam zu dem liebestrunkenen Troglodyt um.
„Das ist meine Frau. Ja. Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn sie uns jetzt bitte alleine lassen würden, bevor ich die Security bemühen muss.“
Ich gab dem Barkeeper ein Handzeichen.
„Sie sollten besser auf ihre Frau aufpassen. Sie hat MICH angemacht, nicht ich sie.“
„Er lügt.“ Das sanfte Flüstern küsste wieder mein Ohr. Diesmal ganz leicht mit Zunge. Ich spürte, wie mir das Blut zwischen die Schenkel strömte.
Der Barkeeper war herangekommen und beugte sich über den Lärm geschäftig über die Theke zu mir herüber. Ich sah den Betrunkenen Romeo an.
„Was möchten sie trinken?“ Er stutzte, hatte er doch erwartet, ich würde ihn dem Barkeeper als Belästigung melden.
„Ich gebe ihnen einen aus und wir verbringen weiter einen entspannten Abend. Entschuldigen sie meine Frau. Sie verträgt den Alkohol nicht.“
Ob der Mann verstand, dass ich ihm gerade eine Brücke baute, mit Unentschieden aus der heiklen Situation herauszukommen, mag ich nicht beurteilen. Jedenfalls überlegte er nur sehr kurz und grunzte dann ein „Gin Tonic“  hervor. Der Barkeeper nickte. „Der geht auf mich. Und meine Rechnung bitte.“
Katrin hing immer noch an meinem Hals und obwohl ich die Befürchtung hatte, sie könne gleich kollabieren und mich mit sich zu Boden ziehen, empfand ich ein sehr angenehmes Gefühl dabei, diese Schönheit im Arm zu haben.
Ich zahlte die Rechnung, gab dem verhinderten Kavalier seinen Drink, den er ausdruckslos entgegennahm und sofort in einem Zug zu ¾ austrank. Ich ließ ihn stehen und bewegte mich mit Katrin Richtung Ausgang. Wie hoch ihre Absätze unter den endlos langen schlanken Beinen waren, nahm ich erst jetzt wahr. Mehrmals knickte sie auf unserem Weg zur Türe darauf um. Das nahm ihr den Sex ganz erheblich und mein Verstand kam wieder. Hoffentlich muss sie nicht kotzen, wenn wir an die frische Luft kommen, dachte ich und kam mir total bescheuert vor. Die Szene erschien mir mehr und mehr surreal und je weiter wir kamen, desto angestrengter überlegte ich, wie ich sie am schnellsten und trotzdem noch angemessen galant loswerden könnte. Ich musste ein Taxi finden, solange sie noch ansprechbar war.

..

„Wo gehen wir hin?" fragte sie mich, als wir den Ausgang endlich erreicht hatten und sie das erste Mal seit ihrer Umarmung den Kopf hob. „Erstmal raus hier." raunte ich ihr zu, während ich die schwere Eingangstür der Bar mit meiner freien Hand aufschob. Immer noch hing sie an mir mit beiden Armen um meinen Hals. Mein rechter Arm umfasste fest ihre Taille, dauernd darauf gefasst, dass ihr Gewicht, dass ich auf knapp 60 Kilo schätzte, mir beim Versagen ihrer Beine entgleiten würde. Die frische Luft erinnerte mich an die 15 Martinis, die ich über den Abend verteilt getrunken hatte und ich verfluchte meine Entscheidung, mich nicht rausgehalten zu haben, als sie eben ihr Schauspiel eröffnet hatte. Ich brauchte jetzt dringend eine Zigarette. Aber dazu musste erstmal diese Frau von meinem Hals. Ich sah mich um und schaute auf meine Armbanduhr. Es war halb 4 und auf einmal wurde ich müde. 50 Meter die Straße runter konnte ich eine Bushaltestelle erkennen. Die Luft tat auch bei meinem Anhängsel ihre Wirkung und das Gewicht an meinem Hals wurde merklich lästiger.

„Kommen sie. Da vorne können wir uns hinsetzen und ein Taxi rufen." Sie hatte ihren Kopf wieder an meiner Schulter vergraben und ließ sich willenlos von mir in Richtung der Haltestelle führen. „Du riechst so gut. Mein Held." nuschelte sie. Dann ließ mich plötzlich ein Schmerz aufstöhnen. Sie hatte mich in den Hals gebissen. „Aua! Verdammt! Sind sie verrückt?! Warum beißen sie mich?" fuhr ich sie an und ließ ihre Taille los. Sie rutschte sofort eine Etage tiefer, umklammerte aber immer noch meinen Hals. Ich begann zu schwitzen, fasste sie wieder fest um die Taille und zerrte sie hoch. Dabei spürte ich ihre feste kleine Brust unter dem schwarzen Minikleid. Sie trug keinen BH. Soviel stand fest. „Du tust mir weh Schatz." flüsterte sie, als ich sie wieder aufrecht im Griff hatte, um endlich die letzten 10 Meter zur rettenden Haltestelle zurückzulegen. „Du mir auch. Warum hast Du mich gebissen?" „Du riechst so gut und ich hatte Lust darauf, Dich zu beißen." Das sagte sie so selbstverständlich, als hätte ich nach der Uhrzeit gefragt. „Machst Du immer, was Du willst?" Meine Frage war sinnlos. Sie antwortete trotzdem. „Meistens…schon." Wir waren angekommen und ich bugsierte sie auf die Bank. Besser gesagt, uns beide, denn sie machte immer noch keine Anstalten, mich loszulassen. Im Gegenteil. Ihr linker Arm klammerte sich nach wie vor um meinen Hals, während sie nun im Sitzen ihren rechten, um meinen Bauch legte. Meine Lust auf eine Zigarette wuchs ins Schmerzhafte.

„Muss das sein? Fremde Männer in den Hals beißen?" fragte ich leicht angenervt und versuchte mit meiner freien Hand an die Zigaretten in der hinteren Tasche meiner Jeans zu kommen. „Was machst du denn da?" fragte sie meinen Hals. „Ich will rauchen und komme nicht an meine Zigaretten, solange du so an mir hängst. Kannst du mich mal bitte kurz loslassen?" „Nein. Nimm meine. Mach uns eine an. Ich will auch rauchen." flüsterte sie wieder zu meinem Hals und ich spürte ihren warmen Atem. „In meiner Tasche sind welche. Und ein Feuerzeug." sagte sie, ohne ihren Arm um mich zu lockern. Mir schlich durch den Kopf, dass sie gleich „Überfall! Hilfe!" schreien würde, wenn ich in ihre Handtasche greifen würde, die an ihrem rechten Arm baumelte. Sie tat es nicht. So fummelte ich die kleine Handtasche auf, entdeckte beim Herumtasten sofort die Zigarettenschachtel darin, fingerte eine Kippe heraus und steckte sie mir in den Mund. Dann begab ich meine Hand auf die Suche nach dem Feuerzeug. Ein kleiner Barren, zu schwer für einen Lippenstift, oder was Frauen sonst so in vergleichbarem Format in ihrer Handtasche mit sich herumtragen, ließ mich vermuten, ich hätte es erwischt. Ich zog es heraus. Es wog wenigsten 100 Gramm und war aus massivem Metall. Silber, wie ich vermutete, als ich es anmachte, die Zigarette damit ansteckte und den leichten Schlag auf die Lunge genoss, den mir der erste Zug bereitete.

Diese Frau hatte gefährliches Gottvertrauen. Total verrückt. Im Herumkramen hatte ich einen Geldbeutel getastet, einen Schlüsselbund, ein Mobiltelefon und einen einzelnen Autoschlüssel mit Anhänger. Ich könnte sie jetzt in eine dunkle Ecke zerren, sie vergewaltigen oder ihre Handtasche stehlen, oder beides. Oder beides gleich hier. Stattdessen legte ich das Feuerzeug zurück in ihre Tasche und nahm noch einen zweiten tiefen Zug von der Zigarette. Es ging mir schon besser. „Hier." Ich hielt ihr die Zigarette hin. Sie sagte nichts. „Willst Du nicht mehr rauchen?" fragte ich. Stille. Nur ihr ruhiger warmer Atem an meinem Hals. Sie war eingeschlafen. Und ich saß da, auf einer Bank an einer Bushaltestelle in Charlottenburg um 4 Uhr morgens, hatte diese betrunkene Göttin im wahrsten Sinne des Wortes am Hals, der mich an der Stelle schmerzte, in die sie gebissen hatte. So beschloss ich, zunächst einmal gar nichts zu tun, sie schlafen zu lassen, nachzudenken und in Ruhe die Zigarette fertig zu rauchen. Mehr konnte ich im Moment ohnehin nicht tun. Wieder ertappte ich mich trotz langsam einsetzender Kopfschmerzen dabei, dass sie sich gut anfühlte, es sich sogar überaus angenehm anfühlte, diese Frau in meinem Arm zu haben von der ich nicht wusste, wer sie war und was ich als nächstes mit ihr anstellen sollte. Die frühen Vögel wurden lauter wie auch die Stadt und ich entschied, dass es erstmal nicht das verkehrteste sei, mir noch eine Zigarette aus ihrer Tasche zu nehmen. Ich rauchte. Sie grunzte zweimal leise wie ein schlafendes Baby. Es wurde hell und ihre schwarzen Haare schimmerten glänzend im Frühmorgenzwielicht. Sie kuschelte sich an mich. Ich bekam Lust, mit ihr zu schlafen, verbot es mir aber sehr schnell und die ganze Szene, mein ganzes Leben mahnte mich, sie loszuwerden. Da sie sich schon auf Gedeih und Verderb in meine Arme hatte fallen lassen, mich so frechdreist benutzte, konnte ich auch ohne weiteres ihre Tasche nach Hinweisen durchsuchen, um heraus zu finden, aus welchem Stall sie kam. Das tat ich. Ihr Geldbeutel war ein teures Stück aus braunem Wildleder. Liebeskind Berlin. Das passte ja. Etwa 400 Euro in Scheinen. Daneben eine schwarze American Express Centurion, eine französische Visa Infinite, UBS MasterCard Excellence, Diners Club. Ich pfiff leise durch die Zähne.  „Lufthansa-Senatorin sind wir auch. Nicht schlecht mein liebes Kind." Ich musste grinsen.

Wenn sie nicht selbst reich war, hatte sie zumindest sehr exklusiven Zugriff auf viel Geld. Dieses Plastik bekam man nicht als Verkäuferin an der Fleischtheke im Supermarkt. Die Bezahlung des Taxis war damit wenigstens geklärt. Auch ihren Namen wusste ich jetzt. Wenn es ihr Geldbeutel war, wovon ich ausgehen konnte, schlief eine sehr unvorsichtige Katrin Stallmeister in meinem Arm ihren Rausch aus. Neben diversen Kundenkarten, ihrem Führerschein und dem Personalausweis steckten auch Visitenkarten in einem der Fächer. Das törichte Goldkätzchen wohnte am Hagenplatz. Grunewald. Wilmersdorf. Topadresse. Komplett unerschwinglich für Normalverdiener. Außer sie waren Angestellte in einem der Villenhaushalte dieser Gegend. Danach sah es bei ihr aber nun wirklich nicht aus. Ich sollte später erfahren, dass Katrin das war, was man Spross einer Familie aus ‚altem Geld’ nannte. Sie war mit mindestens einem goldenen Löffel im Arsch geboren und Geld zu besitzen war ihr so selbstverständlich wie anderen Menschen, es zu begehren. Auf der Karte stand keine Berufsbezeichnung oder Firmenadresse. Keine Telefonnummer. Sollte ich einfach ein Taxi rufen und dem Fahrer den Auftrag geben, sie bei ihrer Wohnung abzuliefern? Ich würde ihm 50 ihrer Euros in die Hand drücken, damit er sie in der Wohnung abliefern würde. Ich schloss den Geldbeutel und legte ihn zurück, da klingelte ihr Handy in der Handtasche. Sie wachte auf.

Ohne ihre anschmiegsame Haltung zu verändern, hob sie den Kopf und sah mir ins Gesicht.  „Guten Morgen." Sie lächelte mich an. „Wo sind wir? Wer bist du?" Es schien ihr kein bisschen unangenehm oder sogar peinlich zu sein, ohne nähere Orientierung umschlungen neben einem fremden Mann an einer Bushaltestelle aufzuwachen, der gerade ihre Geldbörse untersuchte. Sie nahm den Arm von meinem Bauch und strich sich die langen Haare aus dem Gesicht. „Gehst du bitte ran. Ich will jetzt nicht telefonieren." Ohne meine Reaktion auf diesen absurden Wunsch abzuwarten, nahm sie das Telefon aus ihrer Handtasche und gab es mir. „Das ist bestimmt mein Mann. Sag ihm bitte, dass ich später komme. Und dass alles in Ordnung ist. Er soll sich keine Sorgen machen." Mir war schon einiges im Leben mit Frauen vorgekommen, aber das verschlug mir jede Sprache. Ich hatte das läutende Telefon in der Hand und war völlig perplex. „Nun geh schon ran. Bitte. Er macht sich Sorgen." Wie als sei es das normalste der Welt, legte sie ihren Arm wieder um meinen Bauch, ihren Kopf an meine Schulter, küsste mich wieder auf den Hals und schlief tatsächlich weiter. Ich konnte gar nicht so schnell denken, wie sie mich mit ihrer sanften Selbstverständlichkeit um den Finger wickelte. Ich hielt das Telefon an mein Ohr und ging ran.

„Hallo?" Kurze Stille in der Leitung.

„Guten Morgen. Hier ist Stallmeister. Könnte ich bitte mit Katrin sprechen? Ist sie da?" fragte eine angenehme Männerstimme sehr ruhig.

„Sie ist da. Ja. Aber sie schläft und kann jetzt nicht telefonieren." hörte ich mich sagen und kam mir vor wie ihr Handlanger. Dabei erwarteten die Reste aus Erfahrung und Realitätssinn in mir jeden Augenblick, dass der Mann am anderen Ende der Leitung gleich ärgerlich werden würde und hielt vorsichtshalber das Telefon einige cm auf Abstand. Nichts dergleichen geschah. Er klang alles andere als überrascht und zu meinem weiteren Erstaunen sagte er nur im gleichen freundlichsympathischen Tonfall:

„Oh. Dann entschuldigen sie bitte die Störung. Lassen sie sie bitte schlafen. Geht es ihr gut?"

„Ja. Es geht ihr gut."

„Dann sagen sie ihr bitte, sie soll sich melden, wenn sie wach ist."

„Ich sage es ihr."

„Vielen Dank. Auf Wiederhören."

Er hatte aufgelegt. Ich starrte auf das Telefon in meiner Hand und glaubte nicht, was da gerade geschehen war. Hatte ich doch schon, so schnell es meine Verwirrung mir erlaubte, darüber nachgedacht, was ich sagen sollte, falls er mich fragen würde, wer ich sei. Wo wir seien. Was ich mit seiner Frau zu schaffen habe morgens um 4 Uhr. Er hatte nicht gefragt. Und sie hatte es gewusst. „Danke Schatz. Was hat er gesagt?" flüsterte sie. Ich blies durch meine Nase das stille Lachen eines soeben Verrücktgewordenen aus. „Och, er wollte nur wissen wie es Dir geht. Du sollst Dich melden, wenn Du ausgeschlafen hast."  „Siehst du. Ich habe es dir doch gesagt. Er hat sich Sorgen gemacht. Können wir jetzt zu dir? Ich bin müde. Und ich will mit dir schlafen." Wie sie das sprach, nestelte sie ohne den Kopf zu heben 2 Knöpfe meines Oberhemds auf, schob ihre warme Hand auf meinen Bauch und fing an, mich zu streicheln. Dazu legte sie ihre Beine auf meine Oberschenkel. „Ziehst du mir bitte die Schuhe aus? Sie drücken mich."

Der ehemals mit dem Kopf denkende Rest des Mannes, der ich vor ihr gewesen war, schrie sie leicht hysterisch in mir selbst an: „Nein! Verflucht. Ich ziehe dir deine Schuhe nicht aus. Das kannst du selber machen. Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Wer ich bin?! Ich rufe jetzt ein Taxi und du fährst nachhause, oder wohin du auch immer willst. Und ich fahre nachhause. Zu mir. Allein! Ich habe Kopfschmerzen und das ist total verrückt. Das geht so nicht! Jetzt nimm deine Hand da raus, lass mich los und setz dich hin! Das ist ja alles total irre! Bis hierhin und jetzt ist Schluss!" Weiter kam er nicht. Der Mann. Der ich noch vor 2 Stunden gewesen war. Sie öffnete mein Hemd noch einen Knopf weiter, schob ihre Hand wieder unter den Stoff, bearbeitete zärtlich meinen Oberkörper, küsste dazu sanft meinen Hals auf und ab und ließ seinen letzten Widerstand in einer Erektion sterben, die sich gewaschen hatte. Ich kapitulierte, zog ihr mit der freien Hand vorsichtig die Schuhe aus, legte meinen Kopf an die Rückwand der Bushaltestelle, atmete tief durch, sah eine Weile ins blauorange Pastell des Morgenhimmels, schloss meine Augen, roch sie, spürte sie, ließ sie geschehen und fing an, sie zu genießen. Es sollte sich lohnen. Vorerst.

 

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60 Antworten

Kommentare

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    schlummert die fortsetzung in irgend ner schublade von dir?
    oder in ner datei?
    hau ma raus das ding - bin grad so schööön im lesefluss.

    DANKE!

    02.02.2012, 14:47 von Der_Misanthrop
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  • 0

    Das Längste, was ich hier bisher gelesen habe.

    Einzigartig. Habe ich unglaublich gerne gelesen.
    An der Stelle, als sie ihn beißt, habe ich lachen müssen. :)

    02.02.2012, 13:52 von NeverGrowUp
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  • 1

    Guter Schreibstil. Angenehm flüssig zu lesen und deine Umschreibungen machen Spaß :)

    23.11.2011, 09:41 von HerzInFucked
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  • 1

    M.E.H.R.!

    21.11.2011, 21:05 von nine1011
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  • 1

    Fortsetzung! 

    21.11.2011, 18:32 von Morgenrot
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    fortsetzung kommt, hat mir der werte herr zugesichert!

    17.11.2011, 18:53 von RAZim
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  • 1

    da muss unbedingt eine Fortsetzung her!!

    Absolut lesenswert geschrieben Juhu!!!!!

    17.11.2011, 18:38 von ZachM
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  • 1

    ja koko.... wie gehts weiter? sie vögeln und er wird ihr sklave? da bin ich mal gespannt :)

    17.11.2011, 16:12 von Faraduna
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  • 2

    Koko? Du bist ein Sadist! Warum weisste selber, neh?

    17.11.2011, 13:27 von Jingeling89
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  • 1

    Wow, toll geschrieben. Wann gehts weiter?

    17.11.2011, 12:41 von wunschpunkt
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