DearMissGarland 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 10

Sommer einer Kindheit

Für Selma.

Vor einem Jahr erreichte mich ein Päckchen.
In der neuen Wohnung, der neuen Stadt, unter all den fremden Leuten.
In dem Päckchen war ein Mixtape.
Sorgfältig zusammengestellt von einer, der ich keine neue Musik zeigen konnte. Jemals.
Lieder über Aufbrüche, Neuanfänge, das Unterwegssein… Lieder über das Leben und mich.
In dem Päckchen war auch ein Foto.
Zweige im Gegenlicht. Ein Vogel im Sonnenuntergang.
Und eine blaue Feder.
Die war aber nicht an dem Vogel. Da bin ich mir sicher. Vielleicht.
Aber jetzt ist sie auf meinem Schreibtisch. 

Und Worte waren in dem Päckchen. Natürlich ein Brief. Handgeschrieben.
Ich schreibe auch gerne, nur kann das dann kaum jemand lesen. Darum schreibe ich selten.
So wie Dir.
Ich wollte dir auch etwas schicken. Doch was sollte das sein?
Du hast deinen Blickwinkel mit mir geteilt. Farben und Lichter. Wunderschöne Bilder.
Ich wollte dir meine neue Welt zeigen, die so anders war als unsere alte.
Aber du selbst machst doch die schönsten Fotos von allen. 

Was kann ich dir schon schenken?
Ein Bild?
Lass mich dir ein Bild schenken.
Ich male es mit Erinnerungen und mit vagen Gefühlen. Ein Bild voll kindlicher Gedanken, die so fern der Realität gewesen sind.

Viele kleine Schritten auf feuchtem Laub. Eilig, doch zu träge für den regen Geist.
Huschende Blicke aus funkelnden Augen im Schatten des Waldes.
Es riecht nach Herbst. Nach dem Wind und seinen Geheimnissen. Geschichten, die er weit fort gehört hat und nun mit sich trägt.
Der Weg steigt an. Unter der Erde ragen morsche Stufen einer alten Treppe hervor.
„Die ist schon immer dort gewesen. Zumindest seit all meinen fünf Jahren schon.“
Sie ergibt sich den Wurzeln der Bäume. Verbiegt sich hier und dorthin.
Doch die Bäume ragen gerade nach oben. Sogar auf dem Hang. 

Siebenundvierzig Stufen sind es bis ganz oben. Das ist viel. Fast Hundert.
Doch das ist nicht schlimm, denn das Licht wird grüner. Immer mehr helle Flecken erscheinen zwischen den Bäumen. Ein kurzer Blick nach hinten verrät, wie hoch wir schon gestiegen sind. Da unten ist alles orange und rot und gelb.
Zusammen sieht das alles sehr braun aus.
Aber am Ende der Treppe sind die Farben ganz anders. Weiß und grün und blau.
Vor allem grün.
Dort oben ist alles anders. Dort oben liegen die Geheimnisse, die der Wind mit sich trägt. Unsere Geheimnisse. Eine ganz ferne Welt.

Ein altes Indianerdorf.
Die großen Tipis stehen noch, nur ihre Planen haben sie mitgenommen. Als hätten sie gewusst, dass wir Tipis ohne Planen brauchen.
Wir müssen schließlich eine Wohnung haben, in der wir auch den Himmel sehen. 

Sie haben sogar ihre Herde da gelassen.
Auf dem ganzen Hügel haben sich die Tiere verteilt und weiden dort.
Sie sind noch nicht an uns gewöhnt, darum beobachten wir sie eine Weile.
Weinbergschnecken sind friedliebende Tiere.
Und groß! Für uns sind sie sogar noch größer… 

Das ganze Dorf wird geschützt von einem dichten Urwald, durch den nur ein Weg führt.
Ein gefährlicher Weg…
Lianen hängen dort, die leicht mit Schlangen zu verwechseln sind.
Pass auf, wo du deinen Fuß hinsetzt, in jedem Tümpel lauern Piranhas! (Die kann man nicht einmal angeln...)
Über den Fluss mit den Krokodilen führt nur ein rutschiger Baumstamm.
Um durch den Treibsand zu kommen, brauchst du einen Freund, der dich festhält.
Alleine hat man keine Chance.
Und wer es nicht schafft, sich an dem dicken Ast über die Löwengrube zu schwingen, fällt hinunter und muss sich den Bestien stellen!

Handschuhe hatten wir damals nur im Winter.
Schiller kannten wir gar nicht.

Wir waren unsere eigenen Helden.

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9 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich verstehe diesen Text nicht...

    29.09.2014, 14:02 von Tanea
    • 0

      Da gibt es eigentlich auch gar nicht viel zu verstehen

      Eine Freundin hat ein sehr schönes Foto für mich gemacht und Ich wollte mich dafür revanchieren
      Also hab ich versucht, ihr mit Worten ein schönes Bild zu malen
      Ein kinderbild

      29.09.2014, 14:50 von DearMissGarland
    • 0

      Achsow.... ein Bild mit Worten...

      30.09.2014, 08:48 von Tanea
    • 0

      ja ganz genau :)

      30.09.2014, 11:09 von DearMissGarland
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  • 1

    Gefällt, sehr sogar.

    Auch auf die Gefahr hin, dass ich das jetzt alles irgendwie zerstöre - wenn man dabei dem Gladiator-Soundtrack lauscht, bekommt der Text einen ganz anderen Sinn. Monströser, epischer, heroischer - zumindest stellenweise...
    ;)

    26.09.2014, 21:02 von DerWesir
    • 0

      Haha die Vorstellung find Ich gut :D

      26.09.2014, 22:58 von DearMissGarland
    • 0

      Ich habe mir den Soundtrack zu Gladiator eben gegönnt ... also ... der passt ja wirklich :)
      Danke für Tipp mit dem Track .. ab Minute 1:04 werde ich das wohl jetzt öfters hören, gefaelllt mir.

      02.10.2014, 00:58 von Cyro
    • 0

      Genau den meinte ich, wobei ich den ersten Teil/das Intro am besten finde.
      Der passt aber nicht nur hierzu, sondern gehört auch sonst zu den absolut besten - nicht nur dieser Song, der gesamte Soundtrack.

      02.10.2014, 08:16 von DerWesir
    • 0

      Mit dem ersten Teil verbinde ich schon andere Erlebnisse, darum habe ich den mal ausgeklammert. Denn der versetzt mich in das Jahr 2006, als ich mit 39 anderen Leuten einen fiesen Gegner monatelang versuchte zu besiegen ... in einer virtuellen Welt.  40 Leute 3 mal die Woche zu organisieren, so dass sie alle gleicheitig online waren, ihre Spielcharaktere ausgerüstet haben für das Event ... trotz vieler Pannen und viel menschlichem .. das war ein Erlebnis :)

      02.10.2014, 10:43 von Cyro
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