odradek 25.02.2007, 20:41 Uhr 3 8

Seelenverwandt

Kathrin lernte ich beim Frankreichaustausch kennen. Meine Austauschpartnerin war doof, ihre auch. Aber Kathrin und ich verstanden uns auf Anhieb. Ich sah ihr in die Augen und es war, als würde ich mich selbst sehen. Ihr ging es ebenso, sagte sie mir später während eines unserer langen Telefongespräche. Die Woche in Nancy verbrachten wir zusammen, wichen kaum auseinander, wir küssten drei Franzosen, aber selbst da saßen wir nebeneinander. Ein paar meiner Freundinnen wurden ein bisschen eifersüchtig und ließen hin und wieder spitze Bemerkungen fallen, weil Kathrin und mich so gar nichts auseinander bringen konnte, obwohl wir uns erst wenige Tage kannten.

Am Ende des Austausches heulten alle Französinnen, nur unsere beiden nicht. Kathrin und ich blickten uns an und lächelten verschwörerisch, beide wussten wir, dass es für uns keinen Abschied gab. Zuhause telefonierten wir gelegentlich, nicht häufig, wie das Freundinnen normalerweise so machen, aber das war auch nicht nötig, denn jede trug ein Stück der anderen in sich und so waren wir immer zusammen. Fünfzig Kilometer trennten uns und wenn man keinen Führerschein hat und die Nahverkehrsverbindungen praktisch nicht existieren, dann sind fünfzig Kilometer weit. Trotzdem trafen wir uns so oft es ging.

Eines Abends fuhr mein Vater meine Freundinnen und mich zu einer Party und ich hatte die Hoffnung, Kathrin dort zu treffen, weil ich wusste, dass einige ihrer Freunde auch dort sein würden. Im Auto erzählte mein Vater dann beiläufig, dass eine entfernte Verwandte von mir gestorben sei, ganz plötzlich an einer Lungenembolie, sie war so alt wie ich. Ausführlich erklärte er mir wie wir verwandt waren, sie war die Tochter einer Cousine zweiten Grades von ihm, wir hatten also dieselbe Ururgroßmutter. Von dieser Ururgroßmutter hängt ein Ölgemälde in unserem Flur. Als Kind hatte ich Angst vor diesem Porträt, weil ihre Augen mich zu verfolgen schienen, egal von welchem Standpunkt aus man es betrachtete, immer blickte sie einen an. Dann sagte er ihren Namen. Es musste eine andere Kathrin sein, da war ich mir sicher, es konnte nicht diese Kathrin sein, ich sah sie doch leibhaftig vor mir, wenn ich an sie dachte. Aber diese Illusion raubten mir meine beiden Freundinnen, sie wussten es bereits. Trotz der Trauer über die Nachricht, glaubte ich einen leisen Triumph zu spüren, als sie mir mitteilten, dass es diese Kathrin war, diese und keine andere.

Ich habe lange das Ölgemälde studiert, der Punkt, der uns verbunden hat, ohne dass wir es wussten und habe Gemeinsamkeiten gesucht. Ich kann nicht sagen, ob wir das gespürt haben, ich kann nur sagen, dass vom ersten Moment an ein starkes Band zwischen uns bestand, noch bevor wir ein Wort gesprochen hatten und dass ich das noch nie so erlebt habe. In meiner Erinnerung sind Kathrins Augen und die Augen meiner Ururgroßmutter schon längst verschmolzen und jedes Mal wenn ich an diesem Bild vorübergehe, grüße ich sie im Stillen.

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    Gänsehaut.
    Gleichzeitige Bluts- und Seelenverwandtschaften sind einfach was ganz besonderes. Und im Text klingt es fast wie ein - zugegebenerweise tragisches - Märchen.

    26.02.2007, 09:32 von LudwigMartin
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