mondmaedchen7 31.01.2019, 20:04 Uhr 4 3

Sechs Gabeln

Chris dachte immer, dass sie beide zusammen so verdammt unbesiegbar waren; solange sie sich hatten, würde schon alles am Ende gut gehen.

Chris steht ganz nah an der Tür der S-Bahn. Sein Atem beschlägt die kalte Scheibe. Er hat die Augenbrauen zusammengezogen und sein Kiefer ist angespannt. Er hat ein Tattoo am Hals, einen lateinischen Spruch, den er sich hat stechen lassen, als sie mit 17 betrunken durch das Bahnhofsviertel taumelten. In omnia paratus.

Die automatischen Türen ertönen, mit einem Schritt tritt er aus dem Zug und läuft die Rolltreppe hoch, bei der er immer eine Stufe auslässt. Er drängt sich an den Leuten vorbei und seine abgewetzten Sneaker quietschen über das nasse Metall.   

Es hatte immer noch nicht aufgehört zu regnen. Die zerschlagene Bahnhofsanzeige flackerte über seinem Kopf. Er zieht sich die Kapuze seines gelben Sweaters auf. Als er in eine Pfütze tritt, schaut er hoch und sieht eine ältere Frau, die gerade mühsam in ein Taxi einsteigt. Er verlangsamt kurz seinen Schritt und sucht in seiner Jackentasche nach der Packung Zigaretten. Leer.

In der Tankstelle mit der giftgrellen Leuchtanzeige kauft er sich eine Maxi Packung Marlboro Rot. Die begleitete ihn schon sein Leben lang. Sein Vater, der im Wohnzimmer betrunken auf dem Sofa einschlief, mit der Zigarette in der Hand. Später in der sechsten Klasse, als er zum ersten Mal selbst an einer zog und nicht mehr damit aufhören sollte. Und auch das Bild seiner Mutter, die weinend auf dem Balkon stand und eine nach der anderen rauchte; ihren schmerzerfüllten Blick, wenn er von der Hausaufgabenhilfe kam und sie ihn flüchtig begrüßte. Es war immer Marlboro Rot.

Die Plattenbausiedlung steht da wie eine Wucht und die hohen Brocken kratzen am Himmel. In der Ferne hört er Stimmen vom Spielplatz, wo abends oft Jungs aus der Siedlung saßen und kifften.              

Im Aufzug stinkt es nach Pisse. Er fährt in den neunten Stock hoch, an der Metallwand hatte er mit Jasha – seinem besten Freund, der sich vor zwei Jahren aus dem zwölften Stock in die Freiheit gestürzt hatte – seine Namen eingeritzt. „J plus C, wir waren hier“. Jedes Mal, wenn er dort stand, mit dem Kopf an die Wand gelehnt, dachte er daran, und auch daran, dass es nicht fair war, dass er immer noch hier war. Er war immer noch hier.

Als Chris die Wohnungstür aufschließt, hört er wie seine Mutter mit Pavel streitet. Pavel war seit zwei Jahren ihr Freund, ein Tscheche, der selten gut gelaunt war und zu häufig der Flasche verfiel. Chris dachte oft darüber nach, dass seine Mutter sich immer die gleichen Männer suchte und fragte sich dabei immer, wieso sie dann nicht gleich bei seinem Vater geblieben war. Die Mutter, sie hieß Sabine und hatte nachlässig blond gefärbte Haare mit einem dicken schwarzen Ansatz, hatte schon immer einen schlechten Männergeschmack. Da war einmal Gabriel, ein groß gewachsener Brasilianer mit braun gebräunter Haut, der sie in der kurzweiligen Beziehung von drei Monaten mit vier verschiedenen Frauen betrug; dann war da Axel, der in einer Computerfirma arbeitete und es nicht ertragen konnte, dass die Frau so aufmüpfig war, weshalb er ihr regelmäßig eine schöne Ohrfeige verpasste. Es gab da noch Alonso, der sie wieder zum Crack brachte und sie bestahl, kurz bevor er sie verließ, ohne ein Wort. Und dann war da sein Vater.

Aber Sabine brauchte sie, die Männer, sie hat sie alle genommen und wurde schneller von ihnen abhängig, als von irgendeinem Stoff. Bei seiner Einschulung in die erste Klasse, hatte sie Chris in der Turnhalle vergessen, als sie angefangen hatte mit einem Typen zu flirten. Es war nicht der einsamste Moment in seinem Leben, wie er da stand mit der blauen Schultüte, doch dieser Tag stand auf der Skala ziemlich weit oben.

Chris läuft in das Zimmer seiner kleinen Schwester und findet sie zusammengekauert auf dem Bett, sie hält sich die Ohren zu und Tränen laufen über ihr rotes, warmes Gesicht.

„Sie haben nicht aufgehört zu schreien“.                                               

„Hat Mama dir schon was zu essen gemacht?“                                 

„Nein, sie hat mir versprochen, dass wir heute Buchstabensuppe essen, aber sie hat es glaube ich vergessen.“                                                                                       

„Komm wir gehen zu Olga, sie hat bestimmt etwas für uns. Nimm dein Buch mit.“                               

Seine Schwester Toni war sieben und hatte ein Gesicht voller Sommersprossen. Sie war das Kostbarste, das Chris noch hatte. Er nahm sie hoch und lief mit ihr in den Flur. Er schlug die Haustür ins Schloss und keiner bemerkte, dass sie gegangen waren. Er konnte noch hören, wie in der Wohnung etwas auf dem Boden zerschellte. Chris atmete tief aus und nahm Tonis Hand.

Olga, eine dicke Ukrainerin mit roten Haaren, die immer nach dem gleichen, viel zu starken Parfüm roch, wohnte im zwölften Stock. Sie hatte dort ein kleines Nagelstudio, in dem sie für wenig Geld Frauen hier in der Siedlung die Nägel machte und dabei die weltbesten Ratschläge gab. Sie war Jashas Mutter gewesen, doch jetzt war sie auch seine. Sie öffnete die Tür und es kam ein warmer Schwall aus der Wohnung. Olga zog die Augenbrauen hoch und fragte „Habt ihr Hunger?“.        

Wenn Chris die Nase voll hatte, von dem ganzen Dreck, der in seinem Leben abging, kam er oft zu Olga und sie saßen dann zusammen in der Küche, rauchten eine nach der anderen und sprachen über alles und nichts. Als Jasha sich entschied zu gehen, hatte er sich nicht verabschiedet. Deshalb war auch sein Zimmer nach zwei Jahren immer noch unberührt; so als könnte er doch irgendwie zurückkommen.     

Chris dachte oft an die Nächte zurück, in denen Jasha und er auf dem Balkon saßen, sie beide über den Dächern der Stadt, und darüber sprachen, wie sie beide hier rauskommen würden. Dann sagte Jasha zu ihm: „Chris, glaub mir, in ein paar Jahren werden wir auf das Ganze hier zurückblicken und uns denken, fuck, waren das noch Zeiten! Und dann hol ich dich ab mit meiner fetten Karre und wir gehen in diesen Restaurants essen, wo es sechs verschiedene Gabeln gibt und wir werden Champagner trinken und Zigarre rauchen.“ Er sprach dann davon, wie er durchstarten würde an der Börse - Jasha konnte schon immer gut mit Zahlen - und sie alles hinter sich lassen würden. Chris dachte immer, dass sie beide zusammen so verdammt unbesiegbar waren; solange sie sich hatten, würde schon alles am Ende gut gehen. Doch das Leben war nicht immer gut zu einem. Es war nicht immer gut.  Das alles schwirrte in seiner Erinnerung, diese Fetzen kamen immer wieder zu ihm zurück.

Olga stellte drei Teller auf den kleinen Tisch und Toni saß auf zwei Kissen und hielt ihren Löffel in der Hand. Und dann aßen sie zusammen Gulasch, Olga lächelte Chris an und fragte Toni wie es in der Schule war.

Und dann dachte Chris, dass er vielleicht mal ein Buch schreiben würde, über alles was passiert war. Die Menschen lesen zwar nicht gerne traurige Geschichten, das wusste er, aber es war seine und er würde sie schreiben. Er würde alles erzählen, genauso wie es war, mit Jascha und Toni und Olga und Mama und auch den anderen. Und sie würde echt sein, die Geschichte, und die Menschen könnten endlich fühlen, das wollen sie doch immer; etwas fühlen, das echt ist. Und vielleicht würde er dann selbst verstehen, warum alles so gekommen ist, dass er immer noch hier war und Jasha nicht, wieso seine Mutter immer wieder zu den gleichen Männern ging und wieso das Leben manchmal nicht gut zu einem war. Und es würde alles Sinn machen. Er war noch hier und er hatte noch Zeit, das war der Punkt. Er dachte dabei an Jasha, und daran, dass er keine Zeit mehr hatte. Und er wusste, dass er es nicht aufgeben würde, das Ganze hier, er würde weiter machen. Und wenn er später dann in so einem Restaurant sitzen würde mit den sechs Gabeln, würde er lachen, und auf sie beide anstoßen. Und es würde weiter gehen.

Er war immer noch hier.


3

Diesen Text mochten auch

4 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich schließe mich meinem Vorredner an: Der Text hat ein paar Stolpersteine in Form von vermeidbaren Fehlern. Auch richtig ist, dass er beim Lesen einen Film in den Kopf zaubert und das die Fehler wieder ausmerzt. Ich mag deinen Bademantelblues, übrigens.

    02.02.2019, 14:14 von KaffeJunge
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Wirklich schön! Ich hatte einen ganzen Film in mir beim Lesen.


    (mit den grammatikalischen Zeiten hast du es nicht so, aber das kann man ja lernen und üben :) ).

    01.02.2019, 20:15 von Gluecksaktivistin
    • 0

      danke! und ja, ich hab den text danach auch nochmal korrigiert, aber hier lade ich meist die aller erste fassung hoch. (shame on me)

      02.02.2019, 00:54 von mondmaedchen7
    • 0

          :)

      02.02.2019, 09:49 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare