Schlaf gut, Freundschaft!
Die Abstände werden immer länger. Nachbarn, um die Ecke, heute, übermorgen, Frankfurt, Hamburg, nächste Woche, an deinem Geburtstag wieder, bis bald.
Ich melde mich...
Wenn wir nebeneinander vor dem Spiegel stehen, dann blicken wir in die Vergangenheit. Du, die Kleine mit der Sonne im Gepäck, ich der Chaot, der den Weg nie kennt. Wer hat das plötzlich alles aufgeräumt und in Schubladen verstaut? Mir fehlen deine Anrufe, mitten in der Nacht, ohne Grund und Komma. Heute schweige ich den Hörer an und suche krampfhaft nach Gemeinsamkeiten, die irgendwo auf der Strecke liegen. Es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir unsere Gedanken wie Luftballons, die man nicht auf den Boden fallen lassen will, hin und hergespielt. Es fällt mir schwer mich nicht an Dir festzuklammern, doch loslassen fällt leider noch viel leichter. Mein Verstand beweist mehr Kondition als mein Herz.
Du warst immer ein Mensch auf meiner Wellenlänge, früher waren wir sogar gemeinsam auf dem Wasser unterwegs. Kein Wind, kein Orkan konnte uns die Laune vertreiben. Nun bist du abgebogen aus meiner Welt und ich aus deiner. Wir haben den Blinker wohl nur mit einem Auge wahrgenommen und das Schild "one way" mit Absicht übersehen.
Unser gemeinsamer Freund Alf konnte damals nur ein einziges Mal Zeichen aus Melmac empfangen und so mit seiner Ronda kommunizieren. Wir dagegen kommen trotz E-Mail, Handy, Festnetz oder Auto keinen Schritt mehr aufeinander zu. Fast. Denn ein einziges Mal in drei Jahren, ein einziger Abend, ein einziger Moment, an dem wir beide wie wild an der Angel drehten, um die alte Zeit zurückzuholen. Es war wie die erste Tafel Schokolade nach der Fastenzeit und unser Grinsen nahm ich noch mit auf den langen Weg zurück - bis kurz hinter Hannover.
Irgendwo in den nebeligen Wiesen der Heide riss der Faden wieder. Du hälst das eine Ende in der Hand und ich das andere. Sind wir zu dumm, zu erwachsen, zu beschäftigt oder einfach zu faul einen festen Knoten zu machen und das Seil neu zu spannen? Sind Mann und Frau überhaupt fähig eine Fernbeziehung wie Bruder und Schwester zu führen oder wachsen uns die Schatten unserer neuen Welten über den Kopf?
Es ist eine Freundschaft, die einschläft und nicht weiß ob sie jemals wieder unbeschwert mit Sand in den Augen und der warmen Sonne im Gesicht aufwachen wird. Einfach so durch unsere Hände geglitten und ins Koma gefallen - und wir haben hilflos zugesehen. Nur im Traum sitzen wir wieder zusammen auf der Schaukel – mit unserem Lachen als Hintergrundmusik. Sind unsere Zimmer wirklich schon so voll gestopft, dass wir hinter keiner Tür mehr lauern? „Schwupps, da bin ich“ würde ich Dir ins Ohr flüstern und Dich einfach feste drücken, doch ich bin zu faul die Arme auszubreiten – vielleicht im nächsten Leben denke ich und knipse das Licht aus.




Kommentare
umso älter man wird,
02.12.2009, 16:17 von Seifenblasen.im.Kopfumso öfter muss man das erleben.
wunderbarer, treffender text!
chapeau! Geht ins Herz
14.11.2009, 00:02 von Muh-KuhEs ist schon etwas her... Habt Ihr sie also einschlafen lassen, oder arbeitet Ihr an einer Belebung?
05.06.2009, 22:50 von jane_gatelyJa, eine Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau ist möglich. Davon bin ich fest überzeugt! Ich habe einen Freund aus meiner Kindheit, dem ich vor 2 Jahren nach 13 Jahren begegnet bin. Mit seinen Eltern hatte ich zwischendurch Kontakt, mit ihm in den 13 Jahren gar nicht. Als ich ihn an Weihnachten dann treffen sollte, wusste ich zuerst nicht, wie ich ihn begrüßen sollte. Ich dachte, eine Umarmung könnte ihm komisch vorkommen, obwohl er über die Jahre in meinem Herzen verschlossen blieb. Als er und seine Eltern plötzlich angekommen sind und er aus dem Auto ausgestiegen ist, wurden meine Zweifel in der Luft aufgelöst. Er strahlte vor Glück und hat mich umarmt, als wäre seit unserem letzten Treffen gerade mal eine Woche vergangen....
Ein anderer Freund ist auch nur selten da. Den habe ich hier in Köln kennengelernt. Irgendwie sind wir verbunden, ich finde es merkwürdig... Er taucht immer dann auf, wenn ich am Ende bin. Solange es mir gut geht, höre ich ganz und gar nichts von ihm. Er sagt immer, ich wäre seine kleine Schwester, er würde mich nicht allein lassen. Schade, dass seine Freundin so schrecklich eifersüchtig ist. Langsam vermisse ich ihn, aber ich habe versprochen, nicht anzurufen, damit er keinen Stress hat.
Ich will damit sagen, manchmal hat man mit den tollsten Menschen am seltensten Kontakt, aber wenn die Verbindung stark ist, spielen Raum und Zeit gar keine Rolle. Vielleicht solltest Du versuchen, sie anzurufen und offen über Dein Emfinden sprechen...?
wunder- wunderschöne sprache. verbeugung! ein räucherstäbchen auf den altar deiner tastatur...
29.09.2008, 23:52 von sophietrauerWow, hat mich sehr berührt, mir fehlen die passenden Worte um das zum Ausdruck zu bringen
14.09.2008, 13:07 von Miiezi-Mieztoller text...
22.08.2008, 17:26 von _zimtstern_ich mach auch grad in einer freundschaft so ne phase durch und kenn das gefühl, es tut einfach nur schrecklich weh, wenn die freundschaft so nach und nach einschläft.
Bin voll ergriffen;) und hab Gänsehaut. Gibt auch so einen Menschen in meinem Leben, lg Ela
15.07.2008, 16:20 von Artemisia87schön,wenn man sowas mal erleben durfte,aber scmerzvoll ,traurig und unfassbar wie es einfach verschinden kann,diese verbundenheit....echt schön geschrieben,dabei kommen erinnerungen hoch!
06.07.2008, 23:48 von kristallblau