„Scheiße, werden wir geil sein“
So ist unser Jahr, denn so erleben wir es, immer und immer wieder, Honey.
Es ist Winter, das Jahr hat gerade erst begonnen und in uns reift die Hoffnung auf einen Neuanfang, alles auf null, noch mal von vorne, mit mehr Gefühl vielleicht, mit mehr Erfahrung, mit mehr Vorsicht. Oder aber mit offenen Augen in die nächsten Katastrophen stürzen, sie auskosten, sie gemeinsam durchstehen, sie auslachen, atmen, hinter uns bringen. Wir fangen neu an, nicht mit uns, sondern mit dem um uns herum. Wir wollen alles neu sehen, mit anderen Augen, aus einem anderen Blickwinkel, wir wollen die Chance nutzen. Hand in Hand.
Es ist Frühling und unser Hormonhaushalt ist ungefähr so explosiv wie Backpulver mit Essig. Überschäumende Schwärmerei, heiße Blicke. Wir legen uns nicht fest, wir fliegen durch das schrille Nachtleben der Singles und lachen über uns. Wenn wir wollen sind wir die Tussis, über die wir so gerne lästern, rauschen mit selbstbewusstem Hüftschwung durch die Stadt und kichern albern. Wir shoppen teure Taschen und begutachten die Hintern von dürren, röhrenjeanstragenden Angebern, kreischen wild über eine ausgefallene Kette und seufzen leidig, wenn wir uns das ersehnte „billabong“-Shirt nicht leisten können. Wir sind jung, wild, exzentrisch. Wir kriechen im wahrsten Sinne des Wortes aus unseren Zentren, denn wir wissen, wer wir sind.
Es ist Sommer und der Sonnenbrand klebt auf unseren Körpern. Während Du braun wirst, verfärbe ich mich von bleich zu rot, trotzdem sonnen wir uns wie Eidechsen und genießen. Wir ruhen, denn Ruhe ist nicht Stillstand. Abends trinken wir billigen Rotwein aus der Flasche und baden nach zu vielen Cocktails nackt im See. Wir vertreiben uns nicht die Zeit, wir kosten sie, probieren sie, schmecken sie. Sie schmeckt bunt, wild, süßlich, würzig, wie trockenes Gras und raue Steine. Sommer mit dir bedeuten barfüßige Konzerte, Sand zwischen den Zehen, Brückenbilder. Sommer mit dir bedeutet, sich nach demselben auf den nächsten zu freuen.
Es wird Herbst und es ist wie Frühling. Raschelndes Laub und neue Stiefel. Endlose Gespräche mit Früchtetee und Regenwetterspaziergängen. Betrinken abends im Keller und Diskussionen über den Sinn des Lebens. Wir laben uns an unserer Naivität, obwohl wir wissen, dass das naiv ist, manchmal ist alles an uns naiv. Wir wollen nichts wissen von den Problemen in fernen Ländern, wir ignorieren den ewigen Kreislauf des Sterbens um uns herum. Wir genügen uns, denn das genügt vorerst. Unsere Probleme haben Priorität, unser Scheitern, unser Schmerz. Letztlich sind wir uns selbst am nächsten.
Der Winter bricht herein und er ist kalt und glatt. Wir schlittern über unsere Scherbenhaufen des vergangenen Jahres, stolpern über Ungereimtheiten, fühlen jeden erlebten Schmerz nach und lachen diejenigen aus, die uns verletzt haben.
So ist unser Jahr, denn so erleben wir es, immer und immer wieder, Honey.
Wir fantasieren uns unsere Zukunftsutopie zusammen, träumen von Geschlechtsumwandlungen und Instrumenten, von Millionären und Oldiebands. Und wenn wir so träumen, bin ich froh, dass wir ganz am Anfang stehen, vor einem hoffentlich langen Leben voll von unfassbaren und unvergesslichen Erlebnissen.
Ich weiß, dass wir am Anfang von etwas ganz Großem stehen, Honey.




Kommentare
wirklich grandios geschrieben!
24.09.2009, 18:24 von keep.going@keep.going Dankeschön =)
26.09.2009, 09:22 von klangkoerper*seufz*
22.01.2009, 21:01 von Kaddinskydas erinnert mich an mich mit 16. Dieser Narzissmus, diese Naivität - ist schon geil gewesen! :)
geil.
22.01.2009, 20:48 von misspringledu bist wunderbar.
21.01.2009, 21:47 von lebensweisendanke. danke, dass es dich gibt. das es diese momente gibt. dass all dies in meinem leben so einen hohen wert hat & ich keine verlustängste habe. dass ich nicht jede minute anders darüber denke.
danke.