Annfaenge 30.11.-0001, 00:00 Uhr 5 19

Schall und Rauch

Über Abschiede und Neu-Anfänge.

„Denkst du, es wird immer so weitergehen? Ich meine, naja, meinst du, es wird alles so werden, wie wir es uns vorstellen?“ Niko lachte: „Auf keinen Fall. Auf gar keinen Fall.“ – „Was, warum nicht?“ – „Naja, überleg doch mal. Geh in deinem Leben nur fünf Jahre zurück. Hast du da gedacht, dass es so wäre, wie es jetzt ist?“ Marie schwieg. Sie lagen auf dem Dach ihrer gemeinsamen WG und blickten in den dunklen Nachthimmel. Der Mond schimmerte gelblich durch die Wolkenberge. Es wehte ein lauer Wind, in den sie die Nebelschwaden ihrer selbst-gedrehten „American Spirit“-Zigaretten bliesen. „Naja, vor fünf Jahren, hm, da wollte ich hauptsächlich weg; in einer echten Stadt wohnen, in einem Viertel, in einer WG. Zumindest das habe ich doch geschafft.“ Marie lächelte und wandte den Blick zu Niko. „Und du? Wie hast du dir dein Leben vor fünf Jahren vorgestellt?“ – „Puh, willst du das wirklich wissen?“ – „Klar.“ Niko zog an seiner Zigarette, sodass die Glut hell aufleuchtete. „Vor fünf Jahren dachte ich, ich werde erfolgreicher Künstler. Nun bin ich brotloser Fotograf bei der Lokalzeitung. Bestes Beispiel für die Diskrepanz von Erwartung und Realität, oder?“ Niko beobachtete den Zigarettenrauch, der langsam an ihnen vorbei gen Himmel zog. „Freust du dich, mit Paul nach Berlin zu ziehen?“ – „Ja, naja, also, abgesehen davon, dass ich nie nach Berlin ziehen wollte. Wahrscheinlich ist es doch wie du meinst: Vor fünf Jahren habe ich beteuert, niemals nach Berlin zu gehen, denn – tss – das kann ja jeder! Aber langsam spürt man eben auch tatsächlich, dass jeder nach Berlin zieht und allein in Dresden zu bleiben, das will man dann doch auch nicht.“ Nikos Hände zitterten leicht. „Ist dir kalt, sollen wir reingehen?“, fragte Marie, als sie seine Unruhe bemerkte. „Nee, alles gut, danke.“ – „Meinst du, du wirst noch lange in Dresden bleiben?“ – „Ich? Ich werde immer hier bleiben. Ich gehöre nach Dresden wie der goldene Reiter und die Semperoper. Während Pegida in der nächsten Elbflut untergehen wird, werde ich hier auf unserem Neustädter Dach stehen und ausharren.“ Voller Lokalpatriotismus stand er auf und erhob beide Hände. Dann lachte er, ließ sich wieder aufs Dach fallen und pikste Marie in die Seite. Sie lagen nun einander zugewandt und blickten sich in die Augen. „Mann, wir kennen uns jetzt schon vier Jahre, oder?“ – „Ja.“ Niko räusperte sich. „Was wir schon alles erlebt haben.“, Marie lachte. „Weißt du noch, wie wir diese Wohnung gefunden haben? Wie wir das erste Mal hineingingen und dachten, das absolute Highlight sei dieses Dach?“ – „Ja“, antwortete Niko. „Und wie wir unsere Einweihungsparty gefeiert haben und auf einmal dieses Mädchen in deinem Zimmer stand und dachte, das Zimmer sei leer und in Seelenruhe zwanzig Minuten telefoniert hat?“ – „Ja.“ Niko verzog sein Gesicht zu einem Lächeln. „Und wie wir eines Morgens beide im falschen Bett aufgewacht sind? Du bei mir im Zimmer und ich bei dir?“ – „Ja.“ Er drehte sich wieder auf den Rücken und blickte in den dunklen Himmel. „Oder weißt du noch, als Tom bei uns gewohnt hat und ihr täglich Zimties gefrühstückt habt, weil er sich gerade von seiner Freundin getrennt hatte?“ Auch Marie hatte sich wieder auf den Rücken gedreht. Sie lagen da und schwiegen für einige Minuten. Aus der Küche erklang leise „Die Küchen-CD“ – ein Remix aus Beatles, „Into the Wild“-Soundtrack und Reggaeton. Es war die einzige CD, die jemals in der Küche gelaufen war, denn weder Marie noch Niko hatten die CD-Vorräte aus ihrer Jugend dem anderen zumuten wollen. „Dass ich morgen echt ausziehe“ Marie ließ diesen Satz halb ausgesprochen stehen und spürte, wie er langsam in der Nacht verhallte. Sie schluckte.
Dann drehte Niko sich erneut zu ihr. Die Klarheit seines Blickes erschreckte Marie für einen Moment. Als wäre es das Normalste der Welt, ergriff sie seine Hand. Er strich leicht über ihr Gesicht und sie küssten sich, während der Mond unergründlich am Himmel stand und aus der Küche „Eleanor Rigby“ erklang.

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5 Antworten

Kommentare

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    Faust, while Faust equates phrases to "mere sound and smoke" and pronounces that "feeling the whole thing." Every one of the 2 actions Goethe's conjecture that phrases wants in no way to be able to express their feelings and, in this case, music can. Consequently, Those titles coursework serve Merely as starting points for individual interpretation and shoulderstand no longer intervene with the tune itself.

    04.05.2018, 13:28 von kevinkruse26
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    Wirklich schön, danke.

    23.09.2016, 07:04 von Koralle86
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    Ein wirklich schöner Text!

    17.08.2016, 15:40 von Fragilelightss
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    Schöner Text :)

    16.08.2016, 12:22 von pfannenhelden1
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    Wie man manche Dinge vermißt, die einem vorher gar nicht wichtig waren ...

    15.08.2016, 23:18 von alter_hund
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