Sandkastenjunge
http://www.youtube.com/watch?v=4QIe59S7kMk
Wir saßen auf der Couch, Mama und ich, und schauten gerade eine Folge "Lipstick Jungle", als er anrief. Er hatte eine ruhige und freundliche Stimme mit amerikanischem Akzent und ich mochte sie von der ersten Sekunde an. Er sagte, wir würden uns schon ewig kennen. Ich überlegte nur kurz, ob ich sein Angebot für ein Treffen ablehnen sollte, schließlich konnte ich mich nicht an diesen fremden Jungen erinnern, doch seine schöne Stimme drang mich dazu, zuzusagen.
Mama war verletzt, weil ich unseren wöchentlichen Joggingsausflug absagte. Für ihn. Doch das war es mir wert.
Ich hatte mich ein wenig zurecht gemacht und traf ihn in einem modernen Cafe in der Altstadt. Wir verstanden uns sofort bestens, lachten zusammen und beschlossen, das Treffen zu wiederholen.
Zuhause dachte ich oft an ihn. Wir waren ein ungleiches Paar. Er war groß und hatte kurze, dunkelbraune Haare. Ich war relativ klein und hatte rötliche, glatte Haare. Ich würde sagen, wir ergänzten uns.
Wir trafen uns immer häufiger, mindestens zweimal in der Woche. Gingen im Winter ins Kino und im Sommer an den See. Meine Mama versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen, sie hing so sehr an mir und wollte nicht, dass ich von ihm verletzt werde.
Ich war froh um diesem 20-jährigen Mann, bei ihm fühlte ich mich sicher. Einmal nahm er mich zu einem Pokerabend mit seinen Freunden mit, die bei meinem Anblick nicht sehr begeistert waren. Was wollten die schon mit einer 15-jährigen Teenagerin? Ich ging nicht mehr dort hin. Es stank mir ohnehin zu sehr nach Bier und Rauch.
Lieber traf ich mich mit alleine mit ihm, ich wollte möglichst viel Zeit mit ihm verbringen, da ich ihn endlich gefunden hatte, den Jungen, der mit mir im Sandkasten gespielt hatte.
Zwei Jahre nach seinem ersten Anruf, sagte er mir, er sei krank. Keine Erkältung oder Kopfschmerzen. So richtig krank. Irgendein Tumor im Hirn.
Wir trafen uns noch öfter, ich vergaß alle meine Freunde und verbrachte die Zeit fast nur noch mit ihm. Wir kochten amerikanische Gerichte und deutsche, die wesentlich vielfältiger waren, er bastelte ein Fotoalbum für mich, ich versuchte, ihm das Klavierspielen beizubringen, hoffnungslos. Das alles machten wir, als er noch nicht im Krankenhaus lag.
Ein Jahr später starb er.
Meine Schwester ging mit mir zur Beerdigung. Meine Mama blieb zu Hause. Sie war zu verletzt, dass er sich, nach allem was sie für ihn getan hatte, für den Vater entschieden hatte. Dafür kam dieser aus Amerika zur Beerdigung meines Bruders.




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