surge 26.02.2007, 16:25 Uhr 39 24

Rotes Auto

Der erste Besuch beim Psychologen

Meine Blicke suchen verzweifelt nach dem dunklen Ledersofa – so, wie ich es aus den amerikanischen Filmen kenne. Ahh, da ist es. Eine rote Decke mit Batikmuster, das passt zu ihr. Ich kenne sie erst seit drei Augenblicken, aber das weiß ich einzuschätzen. Warme Farben, so richtig öko, würde man sagen. Ich liege nicht auf dem Sofa, ist mein Vorsatz für das kommende Gespräch. Alles, nur nicht auf dem Ledersofa liegen müssen. Sie setzt sich, ich zittere, auf einmal bin ich ruhig.

Die ganze Fahrt im roten Auto schossen die Gefühle aus mir heraus; ich habe geweint, geschrien, gelacht, nichts gesagt. Und jetzt sitze ich stumm da und lasse mich von erwartungsvollen Augen durchbohren. Wieso fragt sie mich denn nicht? Ich werde ja wohl nicht ohne Grund zu ihr gekommen sein. Ha, ich habe sie durchschaut: sie will anscheinend, dass ich anfange. Kann sie haben; mit ihren psychologischen Durchschauungstricks ist sie bei mir an der falschen Adresse.

Ich spreche über gestern, die Wochen davor; ich ertappe mich ständig dabei, wie präzise ich auf meine Wortwahl achte. Genitiv hier, Fremdwort da – tja, ich weiß mich auszudrücken! Ich merke, wie sich in ihrem Kopf ein Bild formt, über mich. Ich hatte lange warten müssen, doch jetzt nimmt sie ihren Stift und macht sich Notizen. Wieder diese amerikanischen Filme. Ich drehe meinen Kopf, um zu sehen, was sie schreibt, obwohl es mir doch von Anfang an klar war. Wieso schreibt sie auf weißem Papier? Das hat bestimmt eine Bedeutung.

Ich meine, sie ist Psychologin, natürlich muss alles, was sie tut, etwas bedeuten. Das versetzt mich in Alarmbereitschaft. Nicht, dass ich jetzt nur auf meine Wortwahl achte; nein, ich beobachte mich selbst von außen und erschrecke wegen meiner außerordentlichen schauspielerischen Leistung. Gerade sitzen, nicht mit den Händen spielen. Ist Blickkontakt gut oder schlecht? Das ist anstrengend. Sehr anstrengend. Ich will noch nicht aufgeben.

Ich spreche eine halbe Stunde. Sie unterbricht mich nicht. So gut kann ich also sprechen. Sie macht Notizen. Bevor sie den Stift ansetzt überlege ich, was sie schreiben wird. Ich liege oft richtig. Spricht das für mich? Eltern geschieden, Opa gestorben, Stiefvater im Heim aufgewachsen, großer Bruder, Aufmerksamkeit. Aja, ich bin also gar nicht selbst schuld daran. Sie waren es! Sozialkritische Interpretationsmethode eines literarischen Werkes. Ich bin ein literarisches Werk? Ich bin ein literarisches Werk.

Ich habe, was ich wollte. Ich kann gehen. Ich bin still, sie spricht. Ich habe kein weißes Blatt Papier und keinen Stift. Die Welt ist ungerecht, könnte ich denken. Sie spricht, sieht mich an, nickt zustimmend. Ich bin also nicht krank, OK. Aja, meine Eltern, hm. Mein Bruder, der Arme. Ich bin also sensibel. Das weiß ich. Ich muss meine Sensibilität als Stärke sehen. Ich soll stolz auf mich sein. Weil ich statt von einer Brücke zu springen, zu ihr gekommen bin. Ha, das ist ja lächerlich. Ich - von einer Brücke springen! Ich bin eher der Pulsadernaufschlitztyp. Denke ich. Würde ich vermuten. Außerdem ist diese Phase an mir vorbeigelaufen.

Dank der Fahrerin des roten Autos kann ich sprechen. Über die Dinge, die mich bewegen. Sie nimmt mich ernst, da wo andere schon nicht mal mehr zuhören. Ich habe ein Glück. Wenn die Fahrerin des roten Autos also nicht wäre, wäre ich tot. Sehr gewagter Ansatz. Zum Glück habe ich das nur gedacht, und nicht gesagt. Ich bekomme Kopfschmerzen und meine Stirn glüht. So ist das immer, wenn ich weinen muss oder möchte. In letzter Zeit ist aber auch viel aufeinander gekommen. Wobei ich das aber auch nur als Ausrede benutze. Zumindest vermute ich das. Sie braucht noch meine Krankenkassenkarte. Wir verabreden uns zu einem neuen Termin. Erst im Januar. Das ist in zwei Monaten. Sie sagt, sie traue mir das zu. Ich gebe ihr die Hand. Ich denke, ich wirke sehr distanziert, schließlich saß ich am runden Tisch nicht neben ihr, sondern habe einen Stuhl zwischen uns frei gelassen. Das hat bestimmt auch eine weltbewegende Bedeutung. Aber nur vielleicht.

Ich schließe dir Tür. Mir ist kalt. Ich gehe den Weg zurück, den ich gekommen war. Ich war noch nie hier, hoffentlich finde ich die Fahrerin des roten Autos. Da kommt sie schon. Sie umarmt mich zur Begrüßung. Ich muss weinen. Sie bringt einen Brief zur Post, ich halte währenddessen ihren Hund. Ich weiß noch, als wir ihn im Sommer zum Baden mitgenommen hatten; dieser Riesenhund im winzigen roten Auto. Ich hatte damals Fotos gemacht. Eines der Bilder hängt jetzt als Poster im Zimmer der Fahrerin des roten Autos/Hundebesitzerin. Ich hatte es entwickeln lassen und ihr geschenkt. Ich möchte ihr ständig etwas schenken. Sie freut sich immer so schön. Das freut mich.

24

Diesen Text mochten auch

39 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    das Gefühl, dass man den Anfang machen muss, und nicht die Psychologin, ist schrecklich. Es gehen einem soviele Dinge durch den Kopf und man weiß nicht wo man anfangen soll.Schrecklich.

    29.10.2007, 09:53 von schin
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schön, dass du das aufgeschrieben hast.
    ist dir gut gelungen.

    liebe grüße ♥

    27.10.2007, 11:49 von Wanna.Be
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    die wahrnehmungen sind gut verpackt, ansonsten ist der Text zum Heulen. Er trieft geradezu vor Dramatik und tiefschlürfenden Gefühlsbewegungen. Genial wäre er nur, wenn ich unkritisch, ungebildet und abgestumpft, sowie empfänglich für derartige Ausführungen wäre.

    08.10.2007, 23:44 von Geigheimabspaltung88
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    hm, und, durchgehalten? ich war vielleicht 4, 5 mal da. Dann bin ich einfach nicht mehr hingegangen. Eine Rechnung hab ich interessanterweise nie bekommen.

    27.08.2007, 01:10 von messenger_bird
    • Kommentar schreiben
  • 0

    gut zu wissen was mich erwartet wenn ich doch mal zur therapeuten gehen sollte. aber ich wehre mich weiterhin vehement, aber irgendwann wird meine mutter mich da bestimmt an den haaren hinschleifen... ich mach ihr einfach so viel angst durch meine art.

    11.08.2007, 19:11 von schischa
    • Kommentar schreiben
  • 0

    tsss...und was ist jetzt die essenz?
    ...du warst da.
    ...das wars.
    wow.

    17.07.2007, 18:57 von Der-Steppenwolf
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wenn es nach meiner Mutter geht, hätte ich schon vor 5 Jahren mal einen Psychologen aufsuchen sollen. Ich habe Angst. Nicht davor jemandem alles über mich zu erzählen, sondern davor dass ich jemandem Zeit raube. Schön bescheuert.

    Danke, dein Artikel macht den Schritt nicht so schwer für mich.

    16.06.2007, 21:07 von Krambambuline
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich denke,mit den psychologen ist das so ähnlich wie mit den schmerztabletten.
    Oft sind sie nicht wirklich nötig,der schmerz vergeht auch so,man muss nur durchhalten,aber sie vereinfachen das ganze.
    Manchmal sind sie allerdings auch wirklich hilfreich und notwendig.Man muss unerträgliche schmerzen nicht sinnlos aushalten,um sich selbst oder anderen etwas zu beweisen

    20.05.2007, 22:47 von salatgurke
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
15. Juli 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android