Reden ist Gold
Wir sprachen damals viel über die Geschichte, allerdings nicht mit ihr. Neulich habe ich sie wiedergesehen.
Sie sah wie jemand aus, der mit sich und der Welt im Einklang lebt Die Haare, die Kleidung, der Schmuck: es war eher eine spontane Sympathie, die mich zu ihr hinzog, als ein echtes Wiedererkennen. Dann fiel es mir wieder ein. Ich machte, was ich damals nicht gewagt hatte: Ich sagte Hallo.
Sie war überrascht, vielleicht erfreut, mich zu sehen und lud mich zum Kaffee ein, mit einer entwaffnenden Unkompliziertheit. Seit ihre Geschichte damals die Runde machte, hatte ich mit ihr reden, ihr zuhören und - vielleicht - helfen wollen. Doch ich wusste nie, wie ich sie hätte ansprechen sollen. Wir waren nicht befreundet: Sie fiel auf, als sie zum Mädchen wurde, „dem diese Sache passiert ist“, die „Sache“ selbst war zu furchtbar, als dass wir sie auszusprechen wagten. Sie verschwand hinter dem Wort, das dafür stand, was ihr passiert war.
Ihr gehe es ziemlich gut, sagte sie. Das Studium habe sie beendet, sie liebe ihr Fach, die Jobsuche sei schwierig, aber das gehe mir bestimmt genauso. Wir unterhielten uns über die Unmöglichkeit von aromatisiertem Milchkaffee und über fairen Handel, ich konnte kaum glauben, dass wir nicht viel früher Freundinnen geworden waren.
Als ich es nicht mehr aushielt, platzte ich heraus: „Wir hätten das schon viel eher machen sollen, so miteinander reden“ und kam mir plötzlich dämlich vor. Lieber ungeschickt reden als jahrelang schweigen, dachte ich trotzig. „Und wie geht es dir jetzt, nach dem Scheiß, der dir damals passiert ist?“ Habe es doch nicht über die Lippen gebracht, das V-Wort, das Horror-Wort. Vergewaltigung. Ihr ist es passiert und ich wage es nicht auszusprechen. Ich habe Angst vor dem Wort, sie lebt mit der Tatsache.
Sie sah mich an, geradeheraus. Einen schönen Blick hat sie, klug, klar und offen. „Ich hab gekämpft“. Schaut mich immer noch an. „Hab geheult und gezittert und nächtelang gekotzt. Stells dir lieber nicht vor.“ Doch, genau das tue ich. „Das ging eine Zeitlang so, dann hörten die Alpträume auf. Ich bin wie ein Gespenst gewesen, das sein eigenes Leben bewohnt, nur ob das Gespenst mein Körper oder mein Hirn waren, hätte ich nicht sagen können. Dann kam die Wut. Ich hab mit Karate angefangen und einen Selbstverteidigungskurs gemacht. Der Film lief immer wieder ab, unmöglich, ihn zu stoppen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr in erster Linie Vergewaltigungsopfer bin. Sondern eine, die Karate macht und Zitronenbäume züchtet, die Katzen mag und Japanologie studiert hat. Und die vergewaltigt worden ist. Aber das bestimmt nicht mehr mein Leben.“
„Aber das muss einen doch prägen“, wende ich ein. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist. Beim Versuch schaltet sich mein Hirn ab. Um sie besser zu verstehen, versuche ich es trotzdem. Bei jedem Versuch der gleiche Blackout.
„Tut es auch. Tut es immer noch. Ich habe das nicht entschieden. Ich muss damit leben, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen kann und dass meine Unbekümmertheit, oder wie du es nennen willst, weg ist. Damals hat ein Scheißkerl über mich entschieden. Ab jetzt bestimme ich.“
Wir sprachen über den Scheißkerl, über den Typen, der ihr das angetan hat. Die Worte sind entweder zu abgegriffen oder zu juristisch, zu verschroben - literarisch oder zu sensationsgeil, sie gehen an der Sache vorbei, die sie beschreiben wollen, verzerren eher, als zu sagen, was ist. Trotzdem benutzen wir sie, es sind die Worte, die wir haben. Wieviel größer wird Leid durch Schweigen, wo wir reden müssten, und Scham, wo wir wütend werden müssten? Wir sprechen über die homöopathische Strafe, die er bekommen hat und dass er schon wieder draußen ist. Knapp ein Jahr hat er gesessen. Wie lang hast du gelitten? Messen, aufrechnen kann man das nicht. Über ehemalige Opfer, die zu Tätern werden reden wir und über Therapien, die nicht greifen.
Ihre hat geholfen. Unglaublich hart sei es gewesen, sagt sie. Angst, Selbsthass und Schuldgefühle kämen immer wieder. Sie könnte aber von Mal zu Mal besser damit umgehen. Nur die Liebe sei noch schwierig. Das Vertrauen, die Nähe, der Körperkontakt. Sie wäre aber sicher, dass das mit der Zeit besser werde. Mit jemandem, der versteht.
Sechs Jahre ist es her. Wir sehen uns jetzt öfter. Sie ist Japanologin, macht Karate und züchtet Zitronenbäume. Wir reden über die Unmöglichkeit des deutschen Justizsystems und über fairen Handel. Nur mit der Liebe ist es noch schwierig. Ich habe damals aus Angst, Scham, Unsicherheit nicht gewagt, mit ihr zu sprechen. Inzwischen bricht sie das Schweigen selbst, wenn es ihr richtig scheint. Eins hat sie mir beigebracht, dieses Mädchen : Dass Reden Gold sein kann.




Kommentare
...toller text....ich hab es probiert, aber noch nicht geschafft...ich konnte einfahc nicht drüber reden...fast 2 jahre lang...alle fragten nur, warum ich ihn verließ, er war doch so nett....doch niemand wusste es...ich habe geschwiegen und mir selbst eingeredet, es war nichts ...und außerdem meine schuld...ich hatte angst vor gefühlen...udn hab es immer noch...die mauer wurde immer dicker und höher...gefangen in meiner eigenen festung...eine therapie hat mir nicht wirklich geholfen...ich habe immer onch panikattaken, manchmal heulkrämpfe....aber ich kann sie endlcih wieder spüren, und nicht nur erahnen, gefühle...ich hasse IHN, weil er mir das antat, aber irgendwie auch mich, weil ich das alles zuließ, die ganze zeit lang...aber jetzt kann ich wütend sein, hassen und einfach nur hoffen, dass er mal genauso leiden wird...ich wünsche ihm nicht s mehr als das...über bekannte hab ich erfahren, er hat eine neue freundin, soll sie auch nicht anders behandeln...
04.10.2007, 17:53 von Supaluiaber das soll mir nun egal sein....ich bin verliebt, das erstmal nach langer zeit wieder so richtig...aber ich hab angst...angst, dass er mir näher kommt, als ich das will...aber ich wieß nicht wieviel nähe mir gut tut und wieviel ich brauche...außerdem kommt die angst dazu, wieder zu verlieren,wieder "allein" zu sein...aber ich schaff das...ich bin gefallen, und wieder aufgestanden...und jetzt geh ich zum sport...boxen und mir vorstellen, das is ER...
rund.
07.06.2007, 17:22 von hibSchön, dass das endlich mal jemand so zur sprache bringt - das thema vergewaltigung und dass reden gold sein kann und auch gold wert ist.
20.05.2007, 13:38 von LaRisaich kann sehr gut nachvollziehen dass alle worte daran vorbeigehen und nicht 100%ig richtig sind, das hast du gut rübergebracht. kompliment!
hallo, ich suche ein gedicht, das mit " ich war es, die auf dich zuging. ich war es, die dir die haare aus dem gesicht strich. Ich war es, dir sagte, dass ich dich liebe, das tue ich..." anfing. vor ein paar tagen hab ich es hier noch gelesen aber jetzt finde ich es leider nicht mehr... kann mir vll jemand helfen? danke schonmal ;) =)
19.03.2007, 19:55 von anna102wow... ich hab noch immer gänsehaut..
19.03.2007, 09:45 von Changi"Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist. Beim Versuch schaltet sich mein Hirn ab. Um sie besser zu verstehen, versuche ich es trotzdem. Bei jedem Versuch der gleiche Blackout."
die besten sätze, die genau widergeben was ich dabei fühle/denke
DANKE fuer diesen text. DANKE
18.03.2007, 06:52 von kttyich weiss nicht was ich sonst dazu sagen soll. kommunikation ist das wichtigste und ich finde es so schoen, dass du mit ihr geredet hast.
schöner text
17.03.2007, 22:13 von sleeping_beastIrgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr in erster Linie Vergewaltigungsopfer bin. Sondern eine, die Karate macht und Zitronenbäume züchtet, die Katzen mag und Japanologie studiert hat. Und die vergewaltigt worden ist. Aber das bestimmt nicht mehr mein Leben.“
17.03.2007, 17:18 von vnss--danke-
Vielen herzlichen Dank für diesen Beitrag.
17.03.2007, 14:41 von Dareios"Wieviel größer wird Leid durch Schweigen, wo wir reden müssten, und Scham, wo wir wütend werden müssten? "
17.03.2007, 11:41 von analogfinde ich gut beschrieben und ist sicherlich auf breitere Themen anwendbar. Da wo geschwiegen wird, baut sich eine Barriere auf, die soviel blockiert.