Berlinette 30.11.-0001, 00:00 Uhr 65 19

Pall Mall aus Rache und das Alleinsein

Eine wahre Geschichte über S., die keine Gauloises mehr raucht und sich mit der Liberté toujours nicht anfreunden kann.

.S. sitzt vor mir und trägt eine Mischung aus Stolz, Verwirrung und einem krummen Lächeln.
"Es ist wahrscheinlich vorbei, aber ich hab gerade meine optimistische Phase", sagt sie triumphierend.
Ich schiele zu L. um von ihr einen Blick zu erhaschen, ob das jetzt gut oder schlecht sei.
L. lächelt eher zaghaft. Ich fürchte mich ein Wenig.
"Optimistische Phase, ja?", frage ich also nach. "Oh ja.", L. nickt bedächtig, "Erzähl ihr von der Tanke"
S. dreht ihr Handy zwischen ihren Fingern und sagt, "Na ja, ich war vorhin bei der Tanke, geh zu dem Typ an der Kasse und sage ich hätte gerne die gegensätzlichste Zigarettenmarke zu den blauen Gauloises. Er runzelte nur die Stirn, also erklärte ich ihm höflich, dass ich gerade von meinem Freund verlassen wurde und er den Mist raucht und ich deswegen die gegensätzlichste Marke brauche, die sie haben.
Er nimmt also seine blaue Käppi ab, streicht sich über seine dürren, braunen Haare und sieht was er mir so zu bieten hat, während er gluckst 'Dat ja mal nen Ding, andre zerreißen Fotos oder so'n Kram, wennse vom Macker verlassen worden sind. Aber sie ja..' "
Ich muss auch lachen. Das war typisch S.
"Aber das mit den Fotos hatte ich ja auch schon versucht!", S. schluckte energisch. Fragend sah ich zu L. "Hat nicht geklappt. Scheiß Fotopapier", erklärte diese, umrahmt von einem Schulterzucken.

Die Teeblätter malen kapriziöse Formen in S.'s Wasser. Es färbt sich Honiggelb, schwebend langsam. Sie nimmt den Löffel und zerreißt die Prozedur.
"Was machste dir auch das Leben schwer mit dem Kerl..", murmelt Li. hinter der Theke des Coffee's. Sie nippt schon an ihrem Feierabendbier, während sie Gläser abtrocknet. "Lass ihn sausen, er hat nichts anderes verdient."
"Eben, bist ja nicht irgnend'ne Käthe", beende ich ihren Gedanken und tippe mit den Lippen am Sahne-Schokosoßen-Berg in meiner Tasse, Li. war großzügig gewesen.

Später stehen wir zusammen auf dem Bahnsteig. S. raucht. Pall Mall. Pall Mall aus Rache, denn "irgendwo muss man ja anfangen". Pall Mall schmeckt nicht. Sie ist schlecht im Alleinsein und froh über jeden Satz, der ihren Gedanken ins Wort fällt.
Und sie hat einen Rock an um sich schöner zu fühlen, wahrscheinlich auch für den M., den sie gleich treffen wird, aber das sagt sie nicht, stattdessen zieht sie noch einmal an ihrer Zigarette. Direkt unter dem Rauchen-verboten-Zeichen und dabei sieht sie ein wenig traurig und trotzig zugleich aus.

Und am nächsten Abend stehen wir in der Videothek. Der kleine bebrillte Mann mit dem Anzug voller Katzenhaare versucht tapfer einen lustigen Film ohne Liebeshappyend zu finden.
Alle Dvd's mit schmachtenden Liebespaaren auf dem Cover werden mit verachtendem Blick zurückgewiesen.
Ich seh', dass es schwierig werden wird, auch der bebrillte Mann schweift recht ratlos durch die Regale und ich erinner' mich, wie wir das letzte mal alle zusammen hier standen.
Wir haben damals eine Komödie gesucht, sie aber wollte uns den Horrorfilm "Funny Games" unterjubeln, mit der Begründung, dass der Titel doch recht viel versprechend sei. "F - u - n - n - y". Ich weiß gar nicht mehr, worauf wir uns am Ende geeinigt hatten.

Er ruft zweimal an. Einmal um ihr zu sagen, dass sie ihn doch später anrufen soll. Einmal um das wieder abzusagen. Er wolle jetzt schlafen gehen. Um halb elf. Sie solle nicht mehr anrufen. "Ich könnte dich aber schon in fünf Minuten anrufen", sagt sie. Er will aber jetzt schlafen.
Und sie schrumpft zusammen wie ein Gummiboot mit Leck. Aus ihrem Mund werden nur zwei Mundwinkel, ihre Augen sind zwei trübe Kuller und sie sitzt so gekrümmt da, als ob sie in sich selbst hineinkriechen wollte um nie wieder raus zu gucken.

In der Bahn singt eine Frau im Rollstuhl mit geschlossen Augen und tiefster innerlicher Überzeugung "Ich will immer an deiner Seite sein, ich will immer mit dir zusammen sein". Immer nur die gleichen zwei Zeilen. Der Rest wird gesummt. Alle drehen sich zu ihr um, aber ich glaube, selbst wenn sie es merken würde, es würde sie nicht stören.
Sie sieht recht meditativ aus, obwohl sie neben jedem Ton hängt, mit der prolligen Kleidung und dem strähnigem Haar.
Und S. kann sogar schon darüber lachen, als wir Friedrichstr. aussteigen und bis zum Potsdamer Platz zurücklaufen (weil's so schön ist, an der Spree).
Am Platz to be, der niemals dunkel wird, treffen wir C., weil "er mich immer bis zur Haustür bringt, obwohl er dann die ganze weite Strecke zurückfahren muss", sagt sie. Und das tut er später wirklich, nachdem sie getrunken und rumgealbert hat und mir in die Arme gefallen ist und sie rauchen zusammen seine Zigaretten und ich kriege sogar meinen letzten Bus.

Am Telefon ist ihre Stimme dann wieder leise.
Und ich sage ihr, man ist immer so lang einsam ist, bis man lernt allein zu sein.
Und sie nickt und flucht ein bisschen.


Tags: Alleine sein
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65 Antworten

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    Meine Fresse! :D
    ich habe mich jetzt durch dieses Geschwulst an Kommentaren durchgearbeitet. Jetzt darf ich auch mal, ja?
    Kurz und gut: ich find' den Text dufte!
    Und jetzt das ABER: Ein wenig zu sprunghaft sind mir die Absätze teils schon gewesen aber es ist ja nicht so, dass man doof ist (ich nicht und die anderen, die lesen können wohl auch nicht). Insofern ist das nicht schlimm, sondern eine Herausforderung. Rechtschreibfehler sind völlig Banane, wenn es nicht katastrophal schlimme sind und ich finde, das ist hier nicht der Fall. Letztendlich eine schöne kleine Geschichte, in die ich mich mit Kenntnis der Schauplätze gut hinein versetzen kann!

    Danke!

    22.02.2009, 21:44 von upsidedown
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    jeder der sich ein bisschen hineinversetzen kann und ein bisschen einfühlsam und verständnisvoll ist, verbindet den text mit etwas persönlichem.

    20.02.2009, 16:09 von definitely..maybe
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    Wegen dem kleinen Fehlerchen so ein Tumult? Ich finde den Text gut. Gerade der Zusammenhang zwischen Gauloises und Liberté toujours am Anfang fand ich toll.

    15.02.2009, 20:49 von caroooho
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    Aus dem Text hätte sehr viel mehr werden können, finde ich. Manche Sätze sind gelungen und haben mich auf mehr hoffen lassen. "Sie ist schlecht im Alleinsein und froh über jeden Satz, der ihren Gedanken ins Wort fällt." Ist aber leider nichts gekommen und der Text hinterlässt bei mir einfach keinen Eindruck, er ist belanglos.

    15.02.2009, 19:59 von Snow.
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    Aus manchen Sätzen lässt sich schließen, dass daraus viel mehr hätte werden können.Sie ist schlecht im Alleinsein und froh über jeden Satz, der ihren Gedanken ins Wort fällt.
    Ist es aber leider nicht und der Text wirkt irgendwie sehr belanglos.

    15.02.2009, 19:56 von Snow.
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    wenn man selbst in der situation ist, ist der text einfach nur gut. ohne wenn und aber, abgekürzte namen oder rechtschreibfehler.

    15.02.2009, 12:50 von danceintothenight.
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    die ist ja schräg ;)

    13.02.2009, 18:16 von einsiedlerkrebs
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