Bender018 30.08.2010, 10:39 Uhr 2 4

Ophelia

Ein Märchen über eine wunderbare, einzigartige Freundschaft.

Auf wundersame Weise wurden eines schönen Tages zwei bildhübsche Mädchen einander vorgestellt: die eine blutjung, aber mit weißen Haaren, die silbrig-hell leuchteten und damit ihr schönes Gesicht und herzliches Lachen unterstrichen. Die andere war schon älter, weiser und von Kopf bis Fuß mit niedlichen Sommersprossen besprenkelt. Lexy, die Jugend, und Ophelia, die Weisheit.

Ophelia verlebte bereits ein paar schöne Jahre auf ihrem Hof mit den zwei Häusern. Das Dach des großen Familienanwesens war blau, das der kleineren Hütte war rosa. Ophelia liebte sie beide, verband sie doch so schöne Erinnerungen mit ihnen. Erinnerungen an ihren geliebten Mann, Othello, der viel zu jung nach schwerer Krankheit vermutlich starb. Vermutlich? Ophelia erfuhr nie, wieso er eines Tages nicht mehr nach Hause gekommen war. Gut, dachte sie oft, wenn sie auf dem rosa Flachdach der Hütte stand, er schämte sich oft dafür, dass er keine Kinder zeugen konnte. Aber dann zum Arzt zu gehen, weil es ihm von heute auf morgen schlecht ging und dann einfach nicht mehr nach Hause zurückkehren... das konnte sie nicht verstehen.

Sie freute sich umso mehr, dass dem Hof endlich wieder Leben eingehaucht wurde, als Lexy eines kühlen Frühlingstages unverhofft vor der Türe des Familienanwesens stand und um Unterkunft bat. Ophelia freute sich über die Gesellschaft der lebenslustigen, angstbefreiten jungen Dame und alsbald wurden sie Gefährtinnen auf dem langen Weg des Lebens.
Die ältere Frau wies Lexy in ein Geheimnis des Hofes ein: Jeden Tag käme ein Riese am Hof vorbei - manchmal wären es sogar zwei - und brächte Nahrung und Geräte. Er wäre aber so laut, dass Ophelia Lexy anwies, bedacht die Ohren zu bedecken, wenn er käme, da sie sonst taub würde. Ansonsten sei der Riese aber friedfertig und verlange keinerlei Gegenleistung. Die junge Frau mit den weiß-silbrigen Haaren nickte nur, als sie diese Sonderheit hörte - hatte sie vorher noch nie einen Riesen gesehen, lediglich von deren Existenz gehört. "Damit kann ich umgehen, wenn ich dafür nur genug zu Essen und Trinken bekomme, damit mein Hunger und mein Durst gestillt würden", dachte sich Lexy.

Als der Riese am Tag von Lexys Ankunft das erste Mal vorbeikam, hielt sich das Mädchen mit weit aufgerissenen Augen die Ohren zu, um nicht taub zu werden. Obwohl sie sonst nichts fürchtete, war ihr beim Anblick eines so großen Lebewesens, das behände die Nahrungsmittel in die dafür vorgesehenen Behältnisse füllte, doch etwas mulmig und sie versuchte sich in der Hütte zu verstecken. Dem Riesen fiel aber sofort auf, dass noch jemand an Ophelias Seite sein musste, weil er die unterschiedlichen Fußabdrücke auf dem Hofplatz wahrnahm. Er musterte die winzige Welt, die sich im zu seinen Füßen bot. Und sein Blick fiel auf die kleine Hütte mit dem rosa Dach und einem weiß-silbrigem Schatten. Er holte aus und fuhr mit seiner Pranke in das Häuschen. Mit einem Ruck hatte er Lexy von den Füßen geholt und sie auf Höhe seines Gesichts gehoben. Er nahm den Zeigefinger der anderen Pranke und strich dem sonderbaren Mädchen, das so jung war und bereits so weiße Haare hatte über den Kopf. Lexys Haar war so weich und faszinierte den Riesen so sehr, dass er das junge Geschöpf von nun an bei jedem seiner Besuche emporhob um ihm über den Kopf zu streicheln. Ophelia und Lexy fanden es seltsam und redeten viele Nächte darüber, ließen es aber jedes Mal geschehen, damit ihre Versorgung gedeckt bliebe.

So verstrichen die Jahre, die für die beiden Freundinnen nicht hätten glücklicher sein können. Bis zu dem Tag, der das Ende der irdischen Freundschaft bedeutete: Ophelia wurde krank. Die Augen waren wässrig, das Atmen fiel ihr immer schwerer und manchmal versagten ihr die Kräfte, sich auf den Beinen zu halten. Lexy half ihr jedes Mal wieder hoch, sprach ihr aufmunternde Worte zu und übernahm die Pflege und Wartung des Hofes als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. "Ich weiß nicht, was mit mir los ist, Lexy", wiederholte Ophelia bei jedem Schwächeanfall. "Ich doch auch nicht, geliebte Freundin", antwortete Lexy jedes Mal. "Wir gehen einfach zum Arzt, ja?!", bat sie ihre Gefährtin, aber Ophelia schüttelte nur den Kopf, was Lexy nie verstand.

Auch dem Riesen fiel auf, dass es der älteren Hofbewohnerin von Tag zu Tag schlechter ging. Er nahm sie von da an oft auf seine starken Arme, strich ihr über den Kopf und musterte sie eindringlich. Doch auch er wusste keinen Rat. Mehr als den zwei Frauen etwas Nahrung und Geräte zu bringen, konnte auch er nicht. Bis er auf die Idee kam, Ophelia zu seinem Wunderheiler zu bringen. Er versuchte es ihr mitzuteilen, doch war seine Stimme zu laut für die kranken, kleinen Ohren der Alten, dass sie ihn nicht verstand. Ihr Kopf schmerzte, weil der Riese immer und immer wieder versuchte, ihr etwas zu sagen, aber da sie die Sprache der Riesen nie gelernt hatte, konnte sie nicht ahnen, was er eines schönen Sommertages mit ihr vorhatte.

Kurz nach dem Frühstück, das Lexy und Ophelia jeden Tag gemeinsam auf dem Hofplatz einnahmen, wenn die warmen Sommersonnenstrahlen sie küssten, kam der Riese in Begleitung eines anderen Riesen. Lexy bereitete sich innerlich darauf vor, die Haare getätschelt zu bekommen, aber die Riesen beachteten sie gar nicht. Sie holten die geschwächte Kranke vom Frühstückstisch. "Ich habe sowieso keinen Hunger", dachte sie nur. Die letzten Tage hatte sie trotz gutem Zureden ihrer Gefährtin keine Mahlzeit mehr angerührt.
Die Riesen öffneten eine Kiste, die sie mitgebracht hatten und legten Ophelia hinein. Diese wusste nicht, wie ihr geschah und bekam Panik. Auch Lexy merkte, dass etwas anders war, als sonst und begann aufgeregt zu schreien. Aber niemand interessierte sich für sie.

Die Riesen drehten sich murmelnd um und verließen den Hof. Sie liefen über Berge, Wiesen, Täler und überquerten Straßen, bis sie den Wunderheiler erreicht hatten. Vorsichtig holten sie die geschwächte Ophelia aus der Kiste und legten sie auf einen für sie überdimensional-großen Tisch. Ein dritter Riese betrat den gekachelten Raum und warf von oben einen scharfen Blick auf die kleine, ausgemergelte Frau. Auch er hob sie hoch, um sie zu begutachten. Er drückte ihren Bauch, er öffnete vorsichtig ihren Mund. Doch der Wunderheiler hatte so viel mehr Kraft als sich Ophelia vorstellen konnte und so schmerzte ihr jede Berührung. Sie war so voller Angst, dass sie dachte, sie würde augenblicklich ihr Bewusstsein verlieren. Doch im gleichen Moment fing ihr Herz an zu schmerzen und dieser Schmerz nahm ihr die Luft zum Atmen.
Augenblicklich bemerkte der Wunderheiler, dass etwas nicht stimmte. Er setzte Ophelia wieder in die Kiste und wandte sich dann an die zwei anderen Riesen.

"Sie hat einen Herzinfarkt und ist bereits so geschwächt von der schweren Erkältung, dass ich nichts mehr ausrichten kann, als sie zu erlösen...", sagte der Wunderheiler. Die beiden Riesen sahen sich traurig an. Der Riese, der die Frauen bis dahin jeden Tag besucht hatte, hatte dem anderen Riesen von der geschwächten Frau erzählt und bereits geahnt, dass Ophelia nie wieder auf ihren geliebten Hof zurückkönne, wenn sie einmal den Rat des Wunderheilers eingeholt hätten. Und so füllten sich seine Augen mit Tränen, die dann wie Sturzbäche über sein Gesicht liefen.

Der Riese wandte sich ein letzes Mal zu Ophelia, streichelte ihre braunen Haare und sprach zu ihr in der Sprache der Riesen:

"Liebe Ophelia,
du hast mir so viel Freude bereitet.
Ich habe dich sehr, sehr gern gehabt und jeder Minute, die ich mit dir verbringen konnte, genossen. Du warst mir eine treue Seele, eine liebe Freundin und das beste Meerschweinchen, das ich je streicheln durfte..."

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2 Antworten

Kommentare

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    hahaha. nimmst du auch auftragsarbeiten an? ich hätte gern ein todesmärchen über bubi, meinen alten wellensittich.

    14.09.2010, 18:21 von hib
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] Kann ich nur zustimmen.

      Wunderschön!

      08.09.2010, 15:37 von MissVen

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