Alceste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 4

Offensichtlicht

Für T.

Wir schreiben viel zu selten für diejenigen, die es eigentlich verdient haben; eigentlich, denke ich, und unterstreiche ich, eigentlich schreiben wir viel zu selten für die, in deren Gunst wir stehen und deren ungebrochene Gunst uns gegenüber wir mitunter gar nicht verstehen, weil wir all unsere angeblichen Verdienste immerzu bezweifeln. Weil wir auf Grund und Boden gerichtete Spiralen sind, null und nichtig, infiziert vom vergleichenden Denken der herrschenden und beherrschenden Umstände: überall tabellarisches, auflistendes, kategorisierendes Ordnen, Gegenüberstellen, Rechnen mit Zahlen, die nichts bedeuten. Und trotzdem wirken sie! Der allumfassende Vergleich, der solange über den Köpfen schwebte, bis er in die Köpfe drang und fortan bedrängte, zermürbte, enthemmte. Seitdem vernichtet jeder seinen Nichtmehrnächsten. So nicht! Mit denen wollten wir nicht unter einer Decke stecken. Dort nicht! Wir wollten immer anders. Und dachten es und schrieben es. Ihr Dagegen hat mich ja immer bestärkt, immer erleichtert, denke ich, in so vielem, so unbewusst eigentlich. Immer denke ich „eigentlich“, immer hab ich eine Einschränkung im Hinterkopf, aber in diesem Fall denke ich mir: sie war in all meinem Schreiben präsent. Unbewusst, untergetaucht, unter den Zeilen.

All ihre Verdienste, all unsere Versäumnisse, denke ich, wir schreiben viel zu selten für sie; jene lichten Menschen; viel zu selten für und an die, die es am meisten verdient haben, weil sie uns im Gegensatz zu allen anderen im wahrsten Sinne ermöglicht haben; weil sie uns haben gelten lassen, ohne "aber", ohne "eigentlich", ohne Einschränkung. Sie haben alles so viel eher verdient als jene Eintagsflieger, die uns immer sofort dann verlassen, wenn ihr geliebtes Schönwettergebiet von der ersten Schlechtwetterfront verschattet und bedroht wird, und warum nicht, irgendwo scheint immer die Sonne. 


Wir schreiben vielleicht auch in Hoffnung auf eine Erkenntnis jener Leichtfertigen, dass es ernst gemeint und schwer genommen ist. Aber wer heute etwas schwer nimmt, macht sich unweigerlich lächerlich. Die Vernichtung war schon immer einfacher. Wir brauchen keine Prediger, keine Überzeugungstäter. Die ernste Äußerung ist fast immer die lächerliche, eine ironische immer die unangreifbare - aber auch die nutzlose: Wer über der Welt steht, ist außerhalb der Welt, was weiß er schon. Was weiß man schon selbst: Man ist lächerlich. Und: Außerhalb der Welt kann man nicht stehen.


Man nimmt sich immer noch ernst, die sogenannten Geschehnisse immer noch schwer. Und stößt Leute mit dem eigenen Kopf vor deren Kopf, Kopf an Kopf. Mit ihr konnte ich immer Kopf-an-Kopf-Denken. Keine Rede von Rennen. Ihr gilt der Text, das sage ich mir jetzt, nur ihr, niemandem sonst, kein eigentlich, keine Ausflüchte. So ein Text für T., das ist es!, das habe ich jetzt, in der Nacht vom 07.06. auf den 08.06. wieder gedacht, nachdem ich in der Nacht vom 08.09. auf den 09.09. bereits diese handschriftlichen Notizen niedergeschrieben hatte, die ich jetzt wieder zur Hand nehme und mustere und fortführe: jetzt! hatte ich geschrieben und schreibe ich jetzt, jetzt!, will ich diesen Text für T. würdig beschließen, und wenn es bis zum Sonnenaufgang dauert, jetzt! und nicht irgendwann, jetzt endlich die bis heute keimende Idee aufgehen lassen, endlich diesen Text für T. schreiben, die jahrelang und entgegen meiner Ignoranz und entgegen meiner Idiotie und entgegen meiner mitunter katastrophalen Schlechtwetterfrontenaffinität zu mir gehalten hat, einfach so immer zu mir gehalten hat, sich immer wieder als unbeirrbarer Schönwetterfleck in jeden Sturm und jeden Hagel hineingeleuchtet hat, immerzu durch und in meine Gewitterstirn, die verbretterte und mitunter in Gebirgsfalten gelegte und tödlich kalte, hineingeleuchtet hat, T. leuchtet, habe ich gedacht und denke ich jetzt, T. leuchtet!, einfach so, und ich habe das viel zu lange nicht gesehen, und halte mich wie damals noch immer für einen völlig inkompetenten Denkdummkopf, der noch immer, noch immer!, nicht sofort erkennt, was offensichtlich ist. Es ist Tageslicht! - und man sieht nicht!, habe ich gedacht und denke ich auch heute noch. Wir stehen im Tageslicht und begreifen das gar nicht, und werfen einen Schatten, seit je!, seit wir leben, seit wir denken können: dieser Schatten – bis wir ihn überhaupt nicht mehr gesehen, bis wir ihn überhaupt nicht mehr gedacht haben; wir haben ihn ja immer mitgenommen, aber nicht mitgedacht. Immer alles mitdenken, mitdenken!, immer!, alles! - was für ein größenwahnsinniges zum absoluten Scheitern verurteiltes Projekt. Trotzdem! Alles Gedachte und Gefühlte und Begriffene immerzu mitdenken. Begreifen! Würdigen! T. in einem Text würdigen, das ist es, jetzt!, hatte ich gedacht und denke ich jetzt: mit einem Text, der ihr gerecht wird. Aber was für ein grenzenloser Anspruch. Einen Menschen würdigen, für das, was er ist, was er für uns ist, für mich. Welche Worte man erfinden müsste. Muss ja scheitern. Als ob Worte reichten. Dennoch müssen sie stehen. Ohne Einschränkung in all ihrem Scheitern. Auch das Scheitern muss ich mitdenken und gelten lassen, und das heißt, mich davon nicht entwürdigen lassen. Das ist das Wichtigste: Trotzdem. Versuchen. Nicht davon abgehen. Das alles aus mir und aus dem blinden Fleck und aus der Nacht ins Tageslicht ziehen, denke ich, das Offensichtliche sehen!, es ins Licht stellen, veroffensichtlichen, sehen: was ist. T. ist Offensichtlicht. Ja, der geöffnete Blick, die offene Sicht, das ist es, Offensichtlicht, das ist der Titel, denke ich, das ist das Mittel, denke ich, das ist sie, denke ich und schreibe ich, für sie.

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Kommentare

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  • 1

    Anspruchsvolles und intensives Kopfzerbrechen.
    Gut schattiert.

    13.06.2015, 01:38 von Kokomiko
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