Stea 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Nur zu Besuch - oder: Warum manche Schuhe zu eng sind.

Diesen einen Gedanken lässt man los. In die Luft aufsteigen, wie einen Ballon. Und sieht ihm bei Verschwinden zu - ziellos. Taumelnd.

Obwohl ich mittlerweile streng auf die 30 zugehe, konnte ich mir folgende Frage nach wie vor noch nicht beantworten: Warum um alles in der Welt weint man auf Hochzeiten? Ich mag von meiner eigenen Hochzeit vermutlich ähnlich weit entfernt sein wie von einem Lottogewinn, doch ich habe schon genug schluchzende Bräute und knallroten Nasen und Männer mit kugelrunden Tränen auf den bärtigen Wangen gesehen, um mir ernsthaft den Kopf darüber zu zerbrechen.
Weint man, weil man so glücklich ist? Und wenn ja, warum weint man dann überhaupt?
Weint man vor Aufregung? Vielleicht vor Angst? Oder vielleicht doch, weil man nun unwiderruflich in der Klemme steckt und alles, was das wieder rückgängig machen könnte, ein großes Loch auf dem Girokonto hinterlässt?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich finde, dass der schwarze Blazer, den ich trage, absolut schrecklich aussieht und mich meine geliehenen Riemchenschuhe, die bei jedem Schritt klacken und in denen ich aussehe wie gewollt und nicht gekonnt, an jeder Ecke ganz fruchtbar drücken. Und dass mich diese Tatsache fast noch mehr beschäftigt als weinende Männer auf Hochzeiten.
Wie gesagt. Fast.
Du bist eine meiner liebsten Freundinnen, bist bis über beide Ohren verliebt - und Du heiratest.
Du siehst großartig aus. Trotz der fünf Schichten Make-Up und der drei Schichten Puder, die Du im Gesicht trägst, weiß ich, dass Deine Wangen glühen. Die weiße Corsage sitzt wie ein beinerner Griff um Deine magere Taille  und die weißen Berge aus Tüll und Spitze und Seide erdrücken Dich beinahe.
Deinem Mann steht der Schweiß auf der Stirn; er klammert sich an Deine Hand, als würde sie ihn vor dem Ertrinken bewahren und lächelt tapfer in die überaus gerührte Menge. Gezückte Handies, Mütter mit weichen Knien, Blitzlichtgewitter. 
So sieht also Glück aus. Immerhin reicht es, dass die Freudentränen fließen. 
Mein Blick bleibt an Euren Ringen hängen und wandert augenblicklich verlegen zu den Spitzen meiner Schuhe.

Den letzten Ring, den ich trug, habe ich in ein reumütiges, verblüfftes Gesicht geworfen. Dicht gefolgt einem Buch und irgendwelchen Klamotten, die ich zu fassen bekam. (Angesichts der Tatsache, dass ich die schreckliche Angewohnheit besitze, meine Klamotten ungeordnet überall herum liegen zu lassen und unfähig bin, Ordnung in Schränken zu halten, übrigens eine beträchtliche Menge) Der Anblick von Ringen in Schatullen verursacht mir das Gefühl von Magenverstimmungen.
Ich blicke auf Deinen weißen Schleier.
Sicher sieht es ungeheuer lustig ist, mit einem weißen Brautschleier über einer ebenso weißen Klobrille zu hängen und zu versuchen, seinen Magen in den Griff zu bekommen.
Der Gedanke beunruhigt mich so sehr, dass ich ihn augenblicklich verwerfe.
Meine innigsten Bindungen zu meinen Männern  bestand wahrscheinlich höchstens darin, in ihren T-Shirts und Boxershorts auf der Couch herum zu lümmeln und Pizza aus dem selben Karton zu essen. Ich liebe den Gedanken, morgens meine Sachen in eine Tasche zu stopfen und durch die Hintertür zu verschwinden noch immer mehr als den Gedanken an weiße Brautschleier und die Frage "Und wie war Dein Tag, Schatz?", wenn man mit bleischweren Füßen vom Spätdienst nach  Hause kommt.
Ich sehe, wie ich mich auf den Griff des Fensters im Wohnzimmer stürze, mein Tuch vom Hals reiße.
("Was MACHST Du denn nur?")
(....."Ich kann nicht ATMEN. Verstehst Du? Ich bekomme KEINE LUFT.")
Irritierte Blicke. Knallende Türen, die mich wie Faustschläge in die Körpermitte treffen. Fragen in der Dunkelheit.
"Soll ich gehen?"
Man antwortet: "..wenn Du möchtest."
Und wieder die Stimme, so traurig, dass man sich selbst zum Kotzen findet:
"Soll ich bleiben?"
Schweigen.

Ich sehe lächelnde Mütter, die mich reizend finden und mir amüsierte, prüfende Blicke zuwerfen.
"Danke, aber ich habe gerade keine Zeit für eine Tasse Kaffee", beschwichtigt man sie.

"Ich bin nur zu Besuch."

Und auch ich möchte weinen, wenn ich Dich so stehen sehe. Wie hält man es bloß aus, sich von so vielen Menschen hintereinander umarmen zu lassen?
(Vielleicht ist es tröstlich.)
Meine Hand sucht die Deine, ich spüre den glatten, seidigen Stoff Deiner schneeweißen Handschuhe zwischen meinen Fingern.
Verdammt - ich bin alleine.
Ich lasse den Gedanken los, sehe ihm zu, wie er in den Himmel aufsteigt wie ein Luftballon; planlos und taumelnd.

So sieht also Glück aus.

Die Gäste drängen sich neugierig um Euch, noch immer bewaffnet mit Handys und Kameras, denen ihr seit so vielen Stunden tapfer entgegen lächelt.
Ich halte die lieblos zusammem geklatschen Tortenstücke, die man mir eingepackt hat, fast schon verkrampft in meiner Hand und kann meinen Blick nicht von Deinem Rücken wenden, während ihr unter tobendem Beifall auf die Eure Wohnungstür zugeht.
(Wer kommt eigentlich auf die Idee, Terasse und Garten und Einfahrt mit Kerzen und Fackeln zuzupflastern? - Ah ja, Romantik. Stimmt ja.)
Die Tür fällt ins Schloss.
Und ich habe Dich verloren.
Die Gäste ziehen tuschelnd ab und die Lichter gehen aus.
Das schwabbelige Paket in meiner Hand rutscht mir aus den Händen und landet mit einem traurigen Platsch auf meinen Schuhen.
Weil sie so schrecklich eng sind und meine Füße pochen vor Schmerzen, beschließe ich, aus ihnen heraus zu schlüpfen und barfuß nach Hause zu gehen.

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