Siegel-7 12.06.2012, 16:15 Uhr 5 6

Nur Fleisch und Blut

Nichts anderes.

18  Als hätte man ihr den Stecker rausgezogen, so lag sie am Boden eingerollt und zupfte kleine Fädchen aus dem schmutzigen Teppich. „Wo sind deine Haare?" „Die habe ich verkauuuft. Für Drooogen." wisperte sie. „Sie wachsen mir nach. Alle wachsen mir nach. Bis ich steeerbe wachsen sie naaach." Er zog die Gardine zur Seite. „Mach das Licht weg. Mach es weg! Mach es weg!" Sie kroch hinter das Sofa und fing an zu weinen. Er zog die Gardine wieder zu und zündete sich eine Zigarette an. „Du sollst nicht rauchen." wimmerte sie. „Das ist ungesund. Davon stirbst Duuu. Du bist nicht Gooott. Du bist nur sein Bruuuder."

24  „Ich lebe nicht. Das, was du ein Leben nennst, läuft mir wie Pisse am Bein runter, während ich hier stehe und den Narren zuschaue. Es stinkt und tropft in den Rinnstein, bis er überläuft. Dann gehe ich zum nächsten. Ich will nicht mehr sterben. Die Zeiten sind vorbei. Du hast keine Ahnung. Dabei…wie wäre es? Ich habe da eine Idee. Zieh dir was an. Wir fahren weg." Es waren 2 Tage und 3 Nächte gewesen und sie hatte gehalten, was es versprach. Eingemauert in ihren eigenen Turm. Dabei so zerschlagen kaputt und so schön, so unglaublich schön. „Wo willst Du hin?" „Heiraten. Wollen wir heiraten?" „Bist Du verrückt?! Ich will Dich nicht heiraten." „Dann leck mich am Arsch und verpiss dich."

26  „Ja. Ich will."

29  „..Ich weiß nicht..ich glaube schon, es wäre an der Zeit. Es wäre an der Zeit jetzt. Manchmal kommen die Fragen. Das ist wohl so. Das muss wohl so sein. Alles, was sie..sagen, ist bestimmt richtig..für sie. Daher bin ich auch nicht traurig oder wütend. Manchmal bin ich müde. Aber ich schaffe es nicht, es gelingt mir nicht. Wenn ich denn außerhalb stehe und es betrachte, dann gehört es in eine andere Welt. Ich war das nicht, ich bin das nicht. Und man sollte doch krank sein und leiden und hoffen und wünschen. Doch es ist einfach nur..es ist…ich weiß wohl zu viel. Oft glaube ich, ich weiß einfach zu viel. Zu Vieles, was sie nie erfahren. Für mich ist das wertvoll. Aber für sie ist es nicht zu fassen. Ich mache ihnen Angst. Also bleibe ich lieber so, wie ich bin. Gekreuzigt. Und jetzt mach bitte die Kerzen aus. Das Licht tut mir weh" „Wirst du bleiben?"… „Nein. Ich war noch nie da. Es tut mir leid. Das musst Du mir glauben."

34  Sie trat einen Schritt aus dem Schatten heraus. Nur einen Schritt auf ihn zu. Aus ihrer Wirklichkeit auf ihn zu. Es war dieses Unendliche, dieses einfach und wahrhaft Unendliche, das sie den Kopf heben ließ, um ihn anzusehen. Ein Gefühl von Lebendigkeit, das nicht sterben wollte. Mehr brauchte es nicht. Mehr wollte sie nicht. Einen Augenblick Freiheit. Freiheit von sich selbst. Der Straßenwind blies ihr 2 glänzende haarschwarze Strähnen vor das Gesicht. Sie senkte den Kopf und weinte. „Du rauchst ja immer noch. Das ist ungesund." Er blieb stehen und sagte nichts. „Ich hab Dich vermisst. Wo warst Du?"…"Komm. Lass uns gehen." „Ich kann nicht. Ich…kann nicht."

Verloren

Mein Himmel herrscht mit der Gewalt einer ewigen todschwarzen Mutter über mich. Und mit einem Mal ist das Blut mir wie kochender, tobender Sturm. Wie vergessener eiskalter Berg in mir. Dann sehe ich, wo ich bin. In meinen Träumen. In meiner Zukunft. Wie es war. Nichts anderes als ihr. Nichts anderes. Nur Fleisch. Nur dieses Blut.

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5 Antworten

Kommentare

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    wahnhaft wahrhaft.

    14.06.2012, 10:13 von mo_chroi
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    Mein Himmel herrscht mit der Gewalt einer ewigen todschwarzen Mutter über mich.

    Düster und bedrückend. Schön beschrieben.

    13.06.2012, 11:38 von Die.sass.da
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  • 0

    Schwierigtraurige Situationen sehr gut beschrieben. Kam bei mir direkt an der richtigen Stelle an.

    13.06.2012, 11:32 von nyx_nyx
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Sehr intensiv...Gänsehaut, mag ich. Auch die düsteren Bilder.

    13.06.2012, 09:43 von LeyluraLegbreaker
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