Noch ein Kuss, dann ist Schluss....
Hochzeiten sind der wichtigste Tag im Leben des Brautpaares und können sich zu einem der schlimmesten entwickeln, wenn die beste Freundin die Trauung platzen lässt.
Ich kann mich heute noch ziemlich genau an den Tag erinnern, als Sandy mir ihre Neuigkeit mitteilte. Wir saßen beim Italiener. Bei dem Italiener, bei dem wir immer alles besprachen, was wichtig war. Und überhaupt besprachen wir immer alles zusammen. Okay, meistens waren das Themen wie Liebeskummer oder Umzüge. Dinge, die einen in dem Alter eben so beschäftigen. Das war auch der Grund dafür, warum ich nicht sofort einen Jubelschrei von mir gab, sondern eher schockiert noch einige Male nachfragte, ob sie mir gerade tatsächlich gesagt hatte, dass sie Andi heiraten wolle. Sandy strahlte, als sie mir jedes Mal mit einem todsicheren "Ja" antwortete.
Andi und Sandy waren gerade mal acht Monate zusammen und wohnten damals höchstens vier Wochen gemeinsam in einer schäbigen Wohnung. Ich kannte Andi nur durch sie. Ich hatte die Vermutung, dass Sandy schwanger war und deshalb heiraten wollte. Solche überstürzten Handlungen waren nämlich überhaupt nicht ihre Art. Gerade weil sie sonst immer alles genau nach Vor- und Nachteilen untersuchte, konnte ich mich mit ihrer Entscheidung anfreunden und sie unterstützen. "Wenn ausgerechnet Sandy sowas macht, dann muss das durchdacht und somit wohlüberlegt sein", das dachte ich mir damals.
Ben und ich gingen in den Hochzeitsplanungen völlig auf. Wir suchten gemeinsam mit Sandy das Kleid, die Deko und die Location aus. Monatelang drehte sich alles um den wichtigsten Tag im Leben unserer besten Freundin. Die Zweifel, die wir anfangs hatten, waren wie weggeblasen. Sandy und Andi wirkten während aller Vorbereitungen kein bisschen unsicher und auch als der große Tag endlich kam, strotzten sie vor Freude und Glück.
Ich stand vor der Kirche. Alle außer mir und Wolfgang, Andis bestem Kumpel, waren bereits in der Kirche. Die Uhr tickte und Sandy war noch nicht eingetroffen. Ich versuchte sie per Handy zu erreichen. Als Gäste und Beteiligte immer verwirrter wurden, dachte ich, es wäre Zeit zu handeln. Ich sprang also ins Auto und fuhr zu ihrer Wohnung, während Wolfgang dort warten sollte um mich anzurufen, wenn Sandy eintrifft. Ich parkte mein Auto direkt vor der Haustür und noch bevor ich ausstieg sah ich es: Sandy im Brautkleid, Arm in Arm mit Ben, einen leidenschaftlichen Kuss austauschend. Sofort kam dieses plötzliche Kribbeln im Bauch auf. Dieses Kribbeln, als ob man sich erschrecken würde. Ich konnte nichts mehr denken und wollte auch garnicht denken. Sie hörten auf sich zu küssen, ich stieg aus und es fiel mir leicht so zu tun, als hätte ich nichts gesehen. Beide merkten mir auf dem Weg zurück zur Kirche nichts an.
Wenige Augenblicke später saß ich neben Ben in der ersten Reihe auf einer Kirchenbank. Sandy und Andi standen nebeneinander vor dem Altar. Während der Pfarrer sprach, befand ich mich im größten Zwiespalt meines Lebens. Die typischen Fragen quälten mich. "Sandy ist meine beste Freundin, ich sollte zu ihr halten und es geschehen lassen. Andi kenne ich nur durch sie, er ist kein enger Freund. Vielleicht habe ich mich nur verguckt und es war alles ganz anders. Was ist denn nun fair und was wäre unfair?" Diese und tausend andere Dingen schossen mir durch den Kopf. Ich saß ja schon mehrmals zwischen zwei Stühlen, aber nicht in diesem Ausmaß. Plötzlich bekam der Kinderspruch "Noch ein Kuss, dann ist Schluss, weil ich dann zur Hochzeit muss..." einen ganz neuen Sinn für mich. Eigentlich ergab sich zum erstem Mal überhaupt ein Sinn daraus.
Ben schubste mich an: "Hör`doch mal zu, jetzt wird`s ernst!" "Richtig", dachte ich mir noch und schon hörte ich mich selbst schreien: "NEIN! STOP! Ich kann nicht mehr, das geht doch so alles nicht!" Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich schaute Sandy in die Augen. Allen fehlten die Worte, sie starrten mich nur an. Einen kurzen Moment überlegte ich, mich wieder hinzusetzen und die Sache als peinlichen Scherz hinzustellen, doch die Sache war zu groß. "Sandy es tut mir leid, aber ich muss es sagen. Ich habe gesehen, wie du und Ben....wie ihr euch geküsst habt!" Ich erwartete das Raunen, das in Filmen in solchen Momenten von den Gästen kommt. Doch es war einfach nur Stille. Ich weiß nicht wie lange geschwiegen wurde, aber mir kam es ewig vor. Andi reagierte zuerst. Er packte Sandy am Handgelenk und zerrte sie aus der Kirche hinaus und Ben lief hinterher. Die Gäste fingen ans zu murmeln und ich sprach kurz mit Sandys Schwester. Ich kam mir bescheuert vor und deshalb verließ ich ziemlich schnell die Kirche. Draußen standen die drei und schrien sich an. Sandy rannte hinter mir her und beschimpfte mich, als wären wir Feinde.
Das war das lezte Mal, dass ich die drei gesehen habe. Sandy hat sich nie wieder bei mir gemeldet. Sie ignorierte alle meine Versuche mit ihr Kontakt aufzunehmen. Andi und ich haben einmal telefonisch darüber gesprochen. Ben schickte mir nur wenige Tage später eine Mail, in der er erklärte, dass er umziehen würde und sich bei mir melden wolle, wenn Zeit vergangen wäre. Bis heute habe ich allerdings nie wieder etwas von ihm gehört.
Manchmal frage ich mich noch, ob ich richtig gehandelt habe und ich weiß es noch immer nicht. Wer kann schon wissen, ob nicht vielleicht trotzdem alle glücklich geworden wären. Vielleicht war es der letzte Kuss gewesen. Auf der anderen Seite denke ich, dass man nur heiraten sollte, wenn man die "wahre Liebe" getroffen hat und die betrügt man doch nicht, oder? Ich hätte damals gerne mit meiner besten Freundin bei unserem Italiener darüber gesprochen.



Kommentare
Ich gehe davon aus, das der Kuss eindeutig war, ein Zungenkuss. - Bei der zeitlichen Verspätung der Braut, der Situationsbetrachtung wird das Bauchgefühl kaum falsch gewesen sein und im Auto mit den zwei Beteiligten war das sicher nicht leicht dort das schnell klären zu wollen. - Was mich hier schockiert ist, wie viele Menschen hier die Unaufrichtigkeit befürworten, scheinbar selbst praktizieren.
11.10.2009, 15:52 von azzurro- Das ist wirklich zum Kotzen! - Und eine Freundin die so herum macht und alle Beteiligten für ihren Kick in eine miserable Situation bring ist so hundertmal mies, das es keine Schwierigkeiten macht die Autorin hier für ein möglichst richtiges Verhalten zu loben, wo sie mies zwischen die Stühle gesetzt wurde, wie auch der zukünftige Gatte, wie die Familie und Angehörigen. - Wenn es für die Braut noch peinlicher möglich gewesen wäre, dann bitte auch das! - Glückwunsch!
also wenn alle anderen ausser der erzaehlerin und wolfgang in der kirche waren... wieso war ben dann bei der braut? haette ja auch mal wem auffallen koennen... hoffentlich fiktiv das ganze... meine herren. und die frage ob das richtig ist oder falsch, sollte vielleicht jeder fuer sich selbst klaeren...
30.01.2008, 16:16 von laermKrasse geschicht und es tut mir leid das du gleich deswegen deine beste freudin verlogen hast! aber ich an deiner stelle hätte es auch gemacht weil ewig mit der lüge im herzen leben geht nicht und freunde kann man überall finden!!!
28.01.2008, 19:02 von AnniMausiund echt toll geschrieben!!!
lg anni
einerseits auf jeden fall richtig gehandelt abr andererseits hast du dadurch das leben deiner besten freundin zerstoert..verdammt ganz schoener gewissenskonflikt...
13.12.2007, 19:52 von lenamauoooah toller letzter Satz!
08.10.2007, 21:14 von BlondBlauBloedKlingt sehr traurig, alles...und nachher fragt man sich natürlich immer - Wenn....
Schlimm, aber nicht mehr zu ändern und außerdem glaube ich, dass es richtig war.
Hut ab, das war Rückrat!
06.10.2007, 00:26 von azzurroHaut mich jetzt nicht grad vom Hocker die Geschichte...
28.09.2007, 13:48 von raketensommerUnd zudem muss ich sagen, find ich's daneben was du da, wenn es so passiert ist, gemacht hast... ist nicht dein Leben, wenn sie vorher noch rumknutschen will, ist das ihr Ding!
respekt für den mut, du hast richtig gehandelt! =)
26.09.2007, 19:43 von chevelleQkrass... also ich hab echt keine ahnung, was ich getan hätte. sicherlich war es arg im stile eines hollywoodstreifens während der trauung "nein" zu brüllen, aber auch das wirklich nie darüber gesprichen wurde, verwundert mich sehr. egal was zwischen freunden passiert, wie falsch oder mies oder sonstwas es gewesen ist, ich könnte mich nicht einfach in die welt verkrümeln, ohne darüber zu reden, oder auch sich darüber anzubrüllen ... irgendetwas.
06.09.2007, 10:17 von schokodrachenwenn sie sich also jemals wieder melden, schreibe darüber, was hinter den kulissen passiert ist.