Thymianwidderchen 29.12.2007, 18:01 Uhr 29 15

Nichts als Rauch

Seit ein paar Wochen schon verweigere ich den Griff zur Zigarette. Wie ich neben dir herlaufe, bitte ich dich um ein Feuerzeug.

„Du rauchst wieder?“ fragst du mich und drückst mir dein Feuerzeug in die Hand. Nein, sage ich „Nein. Nur die eine. Als Ausgleich.“
Schweigsam läufst du neben mir her. Die langsamen Schritte lassen den Weg viel länger erscheinen als er tatsächlich ist. Gerne würde ich schneller laufen, doch weiß ich, dass du diesem Wunsch nicht nachkämst. Du magst es so. Langsam, damit du zu Ende rauchen kannst.

Was ich hier mache, weiß ich nicht. Eigentlich wolltest du mir helfen. Das computertechnische Problem bei mir zu Hause wird sich nicht von alleine lösen - und die Zeit drängt. Aber du musst noch einkaufen. Hast ja sonst keine Zeit dazu. Dein Job ist stressig – du arbeitest am Wochenende, bist kaum noch daheim. Selbstverständlich also, dass ich dich von deiner Arbeit abhole und mit dir ins Einkaufszentrum fahre, bevor wir das PC-Problem lösen können.

Die Differenz zwischen meinen Wohn- und deinem Arbeitsort beträgt 51 km. 51 km x 2 = 102 km. Und nach Hause fahren sollte ich dich ja dann auch noch - bei mir zu übernachten wird erst gar nicht in Betracht gezogen. Bräuchtest ja schließlich morgens so lange zur Arbeit. 51 Kilometer.

Als eine Beschwerde solltest du das nicht abtun. Ich mache das alles hier aus freien Stücken. Damit du mir anschließend hilfst.

Wir betreten das Einkaufzentrum. Neue Schuhe sollen es sein. Selbstverständlich nicht irgendwelche 0815-Treter, nein. Dein Job ist kein Bürojob, du bist in der kreativen Branche unterwegs. Angemessene Spießer-Kleidung erwünscht. Obwohl du bei deinem Verdienst alles andere als groß herumprotzen kannst. Aber Mami und Papi greifen dir sicher gerne unter die Arme.

Neue Schuhe also. Gemeinsam betreten wir die Exquisit-Abteilung dieses Einkaufstempels. Im Grunde genommen bin ich gar nicht wirklich dabei, agiere nur als lästiges Anhängsel. Monsieur möchte explizit von der exquisiten Verkäuferin beraten werden und dabei auf meine Vorschläge verzichten. Habe ja schließlich keine Ahnung von Schuhen.

Kleinlaut laufe ich auch dann noch neben dir her, als du die Suche schon längst aufgegeben hast. Entweder die Schuhe waren „einfach scheiße“, die Verkäuferinnen „so was von unfreundlich und inkompetent“ oder du hattest einfach „keinen Bock“ dir „den ganzen Mist hier noch länger zu geben“. Verstehen, das tu ich dich schon lange nicht mehr. Deine Schuhe vom letzten Winter sind doch noch völlig in Ordnung? „Nicht studiotauglich“, meinst du. Achso.

Ich stehe neben dir, als du dir am Schnellimbiss die zweite Pizza an diesem Abend genehmigst. Halte dein Getränk und starre vor mich hin. „So ein scheiß Abend“ höre ich dich sagen und denke insgeheim dasselbe. Wenn auch aus einem anderen Grund. Das Klingeln meines Handys lässt mich aus meiner Trance erwachen. Meine Mutter, die sich erkundigt, wann ich mich um das PC-Problem kümmern werde. „Wir kommen gleich. Waren noch einkaufen“, sage ich und beende das Gespräch.

Du gibst vor zu verstehen, verstehst aber nicht wirklich. „Hab keine Kippen mehr“, sagst du.

Wenn das mal nur dein einziges Problem ist. Meine scheinen dich ja nicht sonderlich zu interessieren. Du weißt ganz genau, wie es gerade bei mir aussieht. Dass ich vor einem riesigen Schuldenberg stehe, mein ganzes Gehalt abtreten muss um von den Schulden wegzukommen. Dass meine Gesundheit sehr zu wünschen übrig lässt. Psychisch und physisch. Dass mich gerade alles stresst. Weil mir alles über den Kopf wächst. Dass der PC nicht funktioniert ist noch das kleinere Übel. Meine Eltern sehen das anders. Und ich kann sie verstehen.

Die Serviette deiner Pizza liegt mittlerweile im Mülleimer. Ich stehe neben dir auf der Rolltreppe. Nur noch schnell Zigaretten kaufen und weg von hier. Aber sogar das kannst du nicht mehr auf normalem Wege. Normalerweise rauchen wir dieselbe Marke. Schon seit langem. Doch Tabak und Zigarettenpapier, das soll es heute sein. Zum Selbstdrehen. Weil deine Kollegin das auch so macht. Das ist in eurer Branche so üblich. Verständnislos schaue ich dich an. „Brauchst du nicht zu verstehen. Bei euch Tippsen läuft das anders.“ Bei euch Tippsen.

Schweigend laufen wir zu meinem Auto, in dem du dir natürlich erst einmal eine Zigarette drehen musst. Natürlich viel zu kompliziert für dich, brauchst für eine einzige über 5 Minuten.

Ich starte den Motor. Doch das ansonsten so friedliche Schnurren weicht einem komischen Zitterton. Ich starte den Wagen neu. Unverändert. Dieses Zittern. Lege den Rückwärtsgang ein und verlasse den Parkplatz. Sogar bei Schrittgeschwindigkeit gibt der Motor unnatürliche Laute von sich. Eine Warnleuchte leuchtet auf und mein Hirn schaltet ab. In die nächstbeste Straße eingebogen und Auto abgestellt. Du drehst weiter deine Zigarette.

„Guck halt ins Handbuch“ verrätst du mir. Welch glorreiche Idee. Das bringt meinen Motor aber auch nicht zum Laufen. Innerlich breche ich aus.

1 ½ Stunden habe ich damit verbracht, deine Belange zu stillen. Jetzt stehe ich vor dem nächsten Problem und du hast nichts Besseres zu tun, als an deinen Zigarettenkonsum zu denken.

Als ich aus dem Wagen steige um mich in der Kälte der Nacht ein klein wenig abzukühlen bleibst du sitzen. Die Kunst des Zigarettendrehens verschlingt nun mal viel Zeit. Und Zeit in eine vermeintlich gute Freundin zu investieren, die gerade im Tal der Tiefpunkte spazieren geht, das ist unzumutbar. Lieber steigst du aus, zündest eine Zigarette an und telefonierst mit deinem besten Freund.

„Brauch jemanden, der mich abholt. Ist blöd gelaufen. Ihr Auto ist liegen geblieben.“
Blöderweise ist dein Handy ziemlich laut. So bleibt mir auch die Antwort deines besten Freundes nicht erspart.
„Ich dachte, das muss sie sowieso verkaufen. Wegen ihrer Schulden. Da ist das ja egal.“

Als der Pannendienst eintrifft, breche ich unkontrolliert in Tränen aus. Du stehst daneben und sagst kein Wort. Verabschiedest dich nicht von mir, als du zurück zum Einkaufszentrum läufst um dort von deinem besten Freund abgeholt zu werden.

Es ist komisch daran zu denken, dass wir im Sommer noch die besten Freunde waren und uns eine Schachtel Zigaretten teilten…

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29 Antworten

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    du wirst vielleicht lachen, aber zum jahreswechsel 2006/2007 hab ich in einer zeitung mein horoskop gelesen. es stand drin, dass ich zum neuen jahr meine ausnutzerfreunde loswerden soll.
    der größte ausnutzerfreund von mir war mal "mein bester freund". es gab weder einen streit noch eine auseinandersetzung zwischen uns, trotzdem haben wir keinen kontakt mehr. gemeinsame freunde von uns haben immer gesagt:" der ist doch jetzt voll der spast geworden. was gibst du dich noch mit ihm ab?"
    sie hatten recht.

    27.01.2008, 00:00 von ich.lese.gern
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    vielleicht ... EIN BISCHEN VIEL selbstmitleid?

    14.01.2008, 11:42 von FR
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      @FR Es ist dein gutes Recht das so zu sehen.
      Ich wollte hiermit jedoch lediglich ausdrücken, wie eine Freundschaft sich verändern kann (bzw. wie sich die betreffenden Menschen verändern können) und nicht wie achso-schlecht es mir geht (was ich im übrigen nie behauptet habe). Man kann zwar Probleme haben, aber trotzdem glücklich sein.

      14.01.2008, 12:23 von Thymianwidderchen
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    gut geschrieben schöne Geschichte, danke dafür

    11.01.2008, 17:27 von Tanahtos
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    Ähä? Vermutlich war es immer Deine Schachtel Kippen, die ihr geteilt habt.

    07.01.2008, 01:25 von chessige
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    Am Ende des Textes dachte ich nur: Was für ein Arschloch! °__° Hoffe du kommst auch ohne seine Hilfe irgendwie zurecht !"

    04.01.2008, 15:42 von DarkAngel9434
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    ja, man muss jetzt hier aber auch nicht im kollektiv weinen. so unglaublich ist die geschichte jetzt auch nicht oder wer hatte nicht schon mal mit komischen leuten zu tun.

    04.01.2008, 13:11 von NeonBlond
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    *sadface*

    04.01.2008, 02:46 von durden1337
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    scheiße wenn man denkt eine erklärung für so ein verhalten wäre wichtig - diese aber nicht bekommt (und auch nicht bekommen kann, weil derjenige sich ja sonst hinterfragen müsste).

    03.01.2008, 22:06 von tomg
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