Surecamp 24.06.2010, 20:36 Uhr 95 222

Nach fest kommt ab

Als wir uns auf einer Party kennenlernten, malte sie Bilderrätsel für mich auf kleine Zettelchen.

und ich musste raten, welche Redewendungen die Bilder darstellten.

Das einzige Bild, das ich nicht erraten konnte, war das mit den zwei Tieren, zu deren Füßen eine seltsam bemalte Kugel lag.
Ich überlegte den ganzen Abend, lief durch das Menschengewühl, in alle Zimmer und fragte meine Freunde, ob sie auf die Lösung kommen würden und die murmelten mir Phrasen, wie "Geht da noch was?" oder "Alter, du siehst ja verknallt aus." zu, aber das ignorierte ich, wurde verlegen und hoffte, dass sie es nicht gehört hatte.

Als ich sie später nach Hause brachte, nervte ich sie den ganzen Heimweg, mir doch bitte die Lösung zu verraten, aber sie lachte nur, schüttelte ihren Kopf.

Sie schüttelte ihren Kopf so stark, dass ihr Haar durch die Luft wirbelte und ich sagte ihr, dass ihre Haare wie Tentakel aussahen, die ihren Kopf verschlangen und sie schüttelte den Kopf noch mehr und murmelte, dass ihr Kopf wirklich gerade verschlungen wurde.
Und dann fing meine Fragerei von vorne an, was sie denn damit nun wieder meinte.

Ich kam mir wie ein kleiner Schuljunge vor, wie ich ihr hinterher rannte, an ihrem Mantel zog und dabei nach Antworten quengelte.

Und in dieser Nacht begann der Sommer, unser Sommer, den wir nicht eintauschen wollten.

Der Sommer, den wir tagsüber am See verbrachten, in der Sonne lagen, uns mit Grashalmen kitzelten, aus Büchern vorlasen und uns gegenseitig Abends die verbrannte Haut eincremten.

Der Sommer, in dessen Nächten wir zwischen Open-Air Kino, nächtlichen Einkaufstouren in Tankstellen und auf dem Autodach, unter den Sternen verbrachten.

Uns dabei über die Menschen lustig machten, die in solchen Nächten auf Sterne zeigten und sich romantisch fühlen.

Wir fühlten uns so romantisch.

Wir streiften mit kurzen Hosen durch Wiesen und Wälder, erzählten uns aus unserer Vergangenheit, zerkratzten uns die Waden an ehemaligen Liebschaften, zogen die Köpfe vor den Pollen und Samen neuer Bekanntschaften ein und ließen uns an Stellen fallen, an denen das Gras hoch genug gewachsen war.

Der Sommer, in dem ich morgens zur Arbeit ging, viel zu müde, noch betrunken von ihrem Duft und der süßen Schwere, die an meiner Haut klebte.

Dann tuschelten die Kollegen und fragten spöttisch, ob ich eine heiße Nacht hinter mir hatte.

Ich winkte lachend ab und las heimlich SMS von ihr, in denen sie schrieb, dass sie sich auf die nächste "heiße Nacht" freute und malte lachende Gesichter mit Satzzeichen.

Der Sommer, in dem wir uns gegenseitig unsere Lieblingslieder vorsangen, ohne Scham und viel zu schief, aber das Original war tabu, erst mussten wir das Lied aus dem Mund des Anderen hören und wenn wir dann doch die Originale hörten, waren wir enttäuscht, denn die klangen dann nur wie schlechte Coverversionen.

Also ließen wir auf langen Autofahrten das Radio ausgeschaltet und verlangten immer neue Lieder vom anderen, nannten uns Jukebox oder iDepp, und konnten die Melodien irgendwann mitsingen. Genauso schief und mit den gleichen falschen Texten.
Denn es waren unsere Lieder. In unserem Sommer.

Wir wussten von Anfang an, dass es nicht über den Sommer hinausgehen sollte und so tat es nur kurz weh, als wir gemeinsam ihre Umzugskartons packten.

Wir waren ja darauf vorbereitet.

Ein Umzugswagen, eine neue Adresse und eine neue Telefonnummer mit komischer Vorwahl und die Gewissheit, dass wir trotzdem glücklich bleiben würden. Auch ohne den anderen.
Das war so abgemacht.

" Nach fest kommt ab" sagte sie außerdem und ich wusste, was sie meinte.

Wir warfen zwei Euro ins Phrasenschwein und klatschten uns ab.

Das war vor fünf Jahren.

Jedes Mal, wenn im Radio eine Coverversion von einem ihrer Lieder kommt, viel zu glatt gesungen, mit einem falschen Text, schalte ich das Radio aus und singe ganz laut die Originalversion von ihr.
Der Text stimmt dann, aber meine Stimme knickt am Ende ein und die Nase fängt an zu laufen.

"Die ganze Welt geht vor die Hunde. Dummkopf"
Das hat sie mir am letzten Abend ins Ohr geflüstert und mit ihren verheulten Augen gelacht.

Ich wusste nicht, was sie meinte.
Erst als ich Abends ihre Briefe und Postkarten in einen Schuhkarton packte, fiel mir der Zettel mit dem ungelösten Bilderrätsel in die Hände.

Und da musste ich auch lachen.

Mit meinen verheulten Augen.

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95 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Super toll :-)

    05.09.2013, 13:31 von Camillo19
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  • 0

    turbostaat :D sry wegen dem titel

    sanfter text

    15.04.2013, 05:45 von akym
    • 0

      wegen DES Titels...

      16.04.2013, 13:41 von Surecamp
    • 0

      ..war Dialekt

      16.04.2013, 21:04 von akym
    • 0

      trotzdem falsch.

      21.04.2013, 00:44 von Surecamp
    • 1

      absolut egal :D

      22.04.2013, 22:17 von akym
    • 1

      winkeladvokat^^

      27.06.2013, 21:50 von akym
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  • 2

    Schöner Frauentext

    03.07.2012, 18:55 von mirror87
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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  • 2

    Deine Texte kann man einfach immer wieder lesen.

    03.07.2012, 12:28 von Tanea
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  • 0

    Es ist perfekt.

    26.06.2012, 01:23 von Crazyblu
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  • 3

    och ist das wunderschoen :D jetzt sitz ich auch hier und kann sagen:

    Und da musste ich auch lachen.

    Mit meinen verheulten Augen.

    09.03.2012, 00:00 von snaty
    • 0

      genau das... :-)

      09.03.2012, 00:38 von sunshine-baby
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  • 1

    "Es sind die kleinen Dinge im Leben, die das Leben lebenswert machen" ...

    08.03.2012, 23:21 von TrustYourself
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  • 0

    Herzallerliebst!

    08.03.2012, 23:03 von Miripopiri
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  • 0

    einfach nur schön - sowas sollte jeder mal erlebt haben...

    07.03.2012, 08:07 von time2B
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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