jetsam 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 5

Muchacha II

Habseligkeiten. Besser kann man es nicht beschreiben. Ich war also an dem Punkt angelangt, an dem ich nie sein wollte. Keine klare Line, kein roter Faden an dem man sich orientiert, hangelt und hält, der Richtungen aufzeigt und wie ein Zielpunkt am Horizont mit der Ewigkeit verschmilzt. Oder war ich etwas schon da, an diesem Punkt am Horizont, den ich vorher nicht sehen konnte oder wollte?  Eröffnete er mir ein neue Perspektive, einen neuen Blickwinkel, der mich nun wortlos werden ließ? Ich weiß es nicht. Ich hatte nie darauf geachtet. Es lief  - ich lief einfach. Vielleicht war es auch ein schleichender Prozess mit einem finalen Abriss. Lüderhoff, dieser verdammte Verleger und Menschenkenner hatte Recht. Inspiration kommt von außen, braucht klare Gedanken und einen luftigen Raum zur Entfaltung. Jetzt war es so, dass sich auf meinem Schreibtisch unzählige gelbe Klebezettel befanden. Notizen in Form von aufgeschnappten Gedanken und Zitate. Früher reichte ein Gespräch oder ein Blick auf eine Skizze und schon wob sich wie von selbst eine Geschichte um einen der notierten Gedanken. Nun aber war mein Kopf gefüllt von einer Leere. Dumpf und matschig fühle es sich an. Kann passieren. Hängengeblieben oder falsch abgebogen. Und immer wenn ich neu ansetzte, dann kamen die Fragezeichen nach den richtigen Worten. 

Ich war nie gut, wollte auch nie für eine - nennen wir es mal Lesergemeinschaft - schreiben. Titelstorys und Kolumnen waren nie etwas für mich. Vielleicht war es nur der Wille etwas einwegig zu transportieren. Nie hätte ich erwartet, dass etwas zurück kommt. Jetzt fing ich an zu begreifen, dass gegenseitige Inspiration der Quell eines guten Schreibers ist. Umso verdutzter war ich über die Aussage töten zu sollen. „Setzen Sie sich in einen Zug und fahren Sie zu Ihrer Muchacha. Töten Sie sie, oder lieben Sie sie.“ Irgendwie mochte ich die klaren Ansagen von Lüderhoff. Er war einer der wenigen Menschen, die mich besser kannten als ich mich selbst. Mindestens die Seite von mir, die ich in die Öffentlichkeit trug.  

Es war keine fünf Minuten her, als ich noch in seinem Büro stand. Wie im Nachhall spielten seine Worte in meinem Kopf Ping-Pong der Gegensätzlichkeit. Töten war nie eine Option! Etwas irritiert setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Manchmal fragte einer unserer neuen Schreiberlinge nach alten Textvorlagen.  Ich zitierte sie spontan. Verdammtes Elefantengehirn! Und da war sie wieder, die alte Beziehungskistengeschichte, Quell und Muse meiner Sichtweisen als Schreiber über unterschiedlichen Ansichten unter dem Arbeitstitel: Vergängliche Liebeskiste mit Ring am Finger. In zahlreichen Schriftwechseln tauschten Muchacha und ich unsere Sichtweisen über Liebe, Beziehung, Wollen und nicht Können aus. Unsere teils gegensätzlichen Auffassungen erlaubten eine über Wochen andauernde Argumentationskette, die von außen betrachte vielleicht einem mit Quak belegtem Knäckebrot glich, welches wir hin und her schoben. Letztlich würde jedes Brot unappetitlich weich werden. Wir jedoch gruben gegenseitig immer tiefer in den Empfindungen des Anderen, um letztlich eine Gemeinsamkeit als Basis von Beziehungen zu finden. In einer ihrer Mails fiel der Satz, der mich lange beschäftigte. „Töten ist keine Option. Töten ist die Flucht vor der Einsicht sich selbst verändern zu müssen, wie auch das eigene Unvermögen eine Veränderung des anderen als neue Basis zulassen zu können. Beziehung ist Bewegung. “ Und lieben? Was wusste Lüderhoff den schon von Liebe, was von meiner Muse und dem Buch, welches wir zusammen schrieben? Losgelöst von der Realität ließ er schreiben und veröffentlichte, was seine Leserschaft lesen wollte. Für ihn zählte die Auflage. Und ich? Ich stand also an meinem Horizont und musste mich entscheiden weiter Teil meiner Vergangenheit zu sein, oder neue Wege zu gehen.  

Mein Blick hing an einem Karton neben dem Kopierer, stand auf, leerte ihn und füllte ihn sogleich mit den wenigen persönlichen Habseligkeiten, die mir in den letzten Jahren auf meinem Schreibtisch ein Gefühl von einem geschützten persönlichen Raum vermittelten. Ein kleines filigranes Kinderkarussell aus Papier, eine Topfpflanze aus Holz mit abnehmbaren skurrilen Blättern in Herzform und nicht zu vergessen das übliche Familienfoto aus vergangen Tagen im rosa Plüschrahmen. Meier und sein Killefit. Ich glaube den Sinn hinter den Dingen hat hier nie jemand wirklich verstanden.  Dazu legte ich den Stapel an Notizen, die 2 Sticks mit Foto- und Textmaterial und schob den Deckel auf die Kiste. Mein Telefon klingelte. Mir bleib nicht verborgen, dass Lüderhoff mich die ganze Zeit beobachtete, missachtete  jedoch die Leuchtschrift – Cheffe verlangt nach dir – auf den Display und meldete mich mit einem zögerlichem „Ja“ und blickte auf. „Meier ..., ich habe und werde sie nicht rausschmeißen. Betrachten Sie sich für unbestimmte Zeit beurlaubt.“ Wortlos schaute ich über zahlreiche Köpfe hinweg bis unsere Blicke sich trafen, nickte, bedankte mich mit einem Handgruß und legte auf. Nach vielen Worten war uns beiden nicht. So stand ich einfach auf, verabschiedete mich von einigen Mitstreitern als wäre es ein normaler Freitag und verließ das Redaktionsgebäude zielstrebig in Richtung Park.

Wenn es einen Ort gibt, an dem ich ich sein kann, an dem ich mich wohl fühle, dann ist es eine Parkbank. So war das Ziel die kleine Bank unter den Linden, die ich als „Meeting Point for us“ bezeichnete. Warum bin ich auch einer der Menschen, der eine sterbende Sonne mehr liebt, als ihren Zenit? Wenn andere sich gesellig in Kneipen treffen, dann zieht es mich auf einsame Bänke. Hier hatte unser Buch angefangen und sollte noch viele Seiten füllen. Mindestens fühlte es sich in den letzten Jahren so an. Muchacha? Ich schaute hoch zur Seite und blickte auf eine Gestalt, die einerseits vertraut, jedoch wie versponnen in ihrem Äußerem kaum noch zu erkennen ist. Raupen versterben nicht. Sie schützen sich mit einer Hülle aus seidigen Fäden, um als Schmetterlinge wiedergeboren zu werden. Aber Menschen? Meine Muchacha? Sie hatte sich in den letzten Monaten immer mehr zurückgezogen. Und ich? Viel zu weit weg und mit meinen Dingen war ich beschäftigt. Wenn sie sich bemühte einen Kontakt herzustellen, dann kamen nur noch kurze Antworten. Wenn es jemanden gibt, der mir zuhört und Sinn im Unsinn findet, Bälle zuwirft und anfängt lächelnd zu spielen, dann war ich mir immer sicher, dir auf einer solchen Bank zu begegnen. Wie absurd es klingt. Einwegig.  Nun scheint es mir, als wäre sie unerreichbar, versponnen in ihren Unwegsamkeiten des Lebens. Ich hätte viel früher kommen müssen und statt zuzuhören auch reden sollen. Muchacha schrieb ich. Morgen komme ich wieder, bringe Kaffee, Knäckebrot und Quark mit, schlage eine neue Seite in unserem Buch auf und werde auf dich warten.


Muchacha (1)

http://www.neon.de/artikel/fuehlen/liebe/muchacha/1452565


Tags: ich kann es noch immer nicht besser
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