alicewonderland 05.05.2007, 18:22 Uhr 28 26

Moment mal, wohin geht ihr?

Mein Leben und die Leben meiner alten Freunde sind kaum noch dieselben. Einer nach dem anderen hat die Party verlassen.

Es ist Freitag Nachmittag, ich sitze am anderen Ende der Welt und rufe meine Freundin an. Dort ist es Freitag Nacht, sie ist gerade in Berlin angekommen, bei ihrem Freund, den sie im Moment nur am Wochenende sehen kann und oft nur jedes zweite. Trotzdem hat sie ein offenes Ohr für mich, wie immer. Ich erzähle ihr von meinen Sorgen, doch nach fünf Minuten ist mein Guthaben aufgebraucht. Ich versuche es mit einem anderen Telefon und nun haben wir ein paar Minuten länger, ich fasse mich kurz, denn ich will ihr nicht den Abend zu zweit verderben.

Zwischen mir und meinen Freunden liegen sechs Stunden und etwa 6000 Kilometer. Diese Entfernung allein ist es jedoch nicht.

Bis vor kurzem noch - so scheint es zumindest - haben ich und meine Freunde in einer Stadt gewohnt. Oder zumindest in demselben Land. Wir waren Kaffee trinken, sind abends zusammen weggegangen und wenn mal jemand keine Zeit hatte, dann waren da immer noch andere. Klar war man manchmal einsam, schließlich waren wir in Berlin und da hat jeder unheimlich viel mit sich selber zu tun. Aber am nächsten Morgen trifft man sich zum Kaffee und ist wieder unter sich.

Heute arbeitet meine Freundin in Bonn. Ich bekomme davon, hier am anderen Ende der Welt, allerdings nicht viel mit. Sie führt ein Leben was ich kaum kenne. Wie viele meiner Freunde. Von Montag bis Freitag arbeiten sie, manchmal bis spät und dann wartet ein Partner oder eine Partnerin, manchmal sogar eine schwangere. Jeder scheint, mit Ende 20, jemanden gefunden zu haben. Jeder hat ein Leben, das mit meinem nicht mehr viel zu tun hat. Da scheint es fast egal zu sein, ob nur ein paar Straßen oder ein ganzer Ozean dazwischen liegt.

Neu ist mir diese Entwicklung nicht, aber in der Ferne blicke ich auf sie wie durch eine Lupe.

Natürlich habe ich Menschen gefunden, die mir an Ort und Stelle etwas bedeuten. Doch mit den alten Freundschaften können sie nicht mithalten, noch nicht. Auch mein Partner kann und soll nicht der Ersatz für meine Freunde sein. Zum Glück denken sie da genauso wie ich, und sie kennen dieses Gefühl, es kommt ganz plötzlich und man merkt - alles hat sich verändert.

Es ist als sei man auf einer großen Party, man tanzt, quatscht, trinkt und hat unheimlich viel Spaß, doch dann schaut man um sich und ist fast ganz alleine. Einer nach dem anderen ist unbemerkt nach Hause gegangen. Aber wo ist denn das eigentlich, dieses zu Hause?

Auf meinem Schreibtisch steht ein Festnetz-Telefon, neben meinem Computer, mit dem ich stündlich meine Emails lese und täglich übers Internet telefoniere, daneben liegt mein Handy. Es ist aufgeladen und das Guthaben ist aufgefüllt. Zwischen mir und meinen Freunden liegen sechs Stunden, ein Ozean und die Tatsache, dass jetzt jeder auf seiner eigenen Party feiert.

Am Wochenende hat mich eine gute, alte Freundin besucht, ich kenne sie seit der 7. Klasse. Sie lebt schon seit einigen Jahren in England – sind es wirklich schon so viele? In Deutschland gibt es schließlich, das weiß jeder, keine guten Jobs für Architekten. Sie kam mit ihrem Freund, mit dem sie seit über einem Jahr zusammen ist. Ich kannte ihn noch nicht.

In einigen Wochen fliege ich zu ihr nach London. Sie gibt eín großes Fest, denn es ist ihr 30. Geburtstag. Dann wird sie den Arm um mich legen und wieder zu mir sagen: Wenn du da bist, habe ich gar nicht das Gefühl weit weg von zu Hause zu sein. Und ich werde zufrieden zustimmen.

26

Diesen Text mochten auch

28 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich wohne seit einem Jahr in Paris.. mir geht es genauso.. Irgendwie lässt man die Fäden los und kriegt sie dann nicht mehr wirklich zu fassen.

    22.05.2007, 13:06 von Lena381
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hätten da die Worte gestanden "...hier vom Arsch der Welt..." und nicht vom Ende der Welt, könnte der Text sehr gut von mir sein.


    MC

    11.05.2007, 09:53 von SirMCPedta
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr toller text... auch vom thema sehr interessant finde ich.
    das mit den freund bzw bekanntschaften ist es immer eine sache. obwohl ich noch schülerin und nirgendwo im ausland bin fragt man sich ja schon nach 3 wochen urlaub in den sommerferien wo der faden geblieben ist... alles hat sich sowas von schnell geändert. und letztendlich ist es wirklich maloche freundschaften zu erhalten bei denen man sich nicht halbwegs regelmäßig sieht :(

    10.05.2007, 17:56 von Anschowi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Wenn du da bist, habe ich gar nicht das Gefühl weit weg von zu Hause zu sein. Und ich werde zufrieden zustimmen."

    Dieses Gefühl kenne ich. Nach dem Studium bin ich in eine andere Stadt gezogen, ans andere Ende von Deutschland. Die Freundschaften haben in diesem Jahr kaum gelitten, täglich gingen Emails oder Anrufe hin und her. Dann habe ich mich entschieden, im Ausland ein zweites Studium zu beginnen. Habe mit meiner besten Freundin "Luftschlösser" gebaut, wie es wäre, wieder in der gleichen Stadt zu leben, Und schließlich sind wir gemeinsam umgezogen und jetzt seit fast drei Jahren "weg". Der engste Freundeskreis leidet kaum darunter, wenn wir zuhause sind, treffen wir uns, wir telefonieren oder schreiben uns, oder Freunde kommen zu Besuch.
    Neue Freunde sind hinzugekommen. Gute Freunde, und doch bin ich froh, dass meine Mitbewohnerin gleichzeitig meine beste Freundin ist und gleich nebenan wohnt. Denn sie kennt mich besser als manch andere(r), ihr muss ich nichts erklären, wenn ich Probleme habe o.ä. .

    Was ich als schlimmer empfinde, sind die ganzen Bekannten, die einfach nicht verstehen können, dass ich mich im Ausland wohlfühle, die alten Schulkameraden, die "zuhause" geblieben sind und jetzt immer fragen, wann ich zurückkomme.
    Freundschaften halten viel aus, wenn man sich darum kümmert. Ungute Gefühle entstehen bei mir eher durch die Menschen, die mich kaum (noch) kennen...

    10.05.2007, 11:21 von Fata_Morgana
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich finde es auch schade, dass es so schwer ist zu seinen „alten“ Freunden Kontakt zu halten. Ich habe nur eine wirklich gute Freundin und da wo ich jetzt bin natürlich einen neuen Freundeskreis. Was ich aber noch habe, sind meine vielen Geschwister und die hat man, einfach so. Klar muss man diese Beziehungen auch pflegen, aber selbst wenn man sich nicht so oft sieht, weiß man, dass man den anderen nicht so schnell verlieren kann. Für mich macht das vieles leichter, ich muss mir nicht ständig eine neue beste Freundin suchen ich weiß, dass im schweren Zeiten immer ein paar Menschen da sind mit denen ich Party machen kann und mich aber auch super gut stundenlang unterhalten kann. Ich hab echt Glück gehabt und deshalb würde ich am liebsten eine Großfamilie gründen, das kann so viel wert sein und einen vor der Einsamkeit bewahren…

    10.05.2007, 10:52 von fluffy
    • Kommentar schreiben
  • 0

    das ist das leben.

    09.05.2007, 20:14 von sophistic
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schöner text, so irgendwie.

    09.05.2007, 18:10 von grenzenlos
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare