Bluelove 16.04.2007, 17:33 Uhr 33 29

Mitten auf der Autobahn

Sebastian und ich und wie wir den Körper eines Selbstmörders retten wollten. Oder das, was davon übrig war.

Es sind beinahe drei Jahre vergangen seither. Sebastian war damals mein bester Freund. Mit Sebastian hab ich so ziemlich jedes Pferd gestohlen. Aber das darf er nun nicht mehr. Seine Freundin erlaubt es nicht. Sie kann mich nicht ausstehen, weil ich mal was mit Sebastian hatte. Dass das weit vor ihrer Zeit war, spielt für sie keine Rolle.

Sebastian hatte damals einen uralten Audi, der war schon vierzehn Jahre alt und diente vor allem als Baustellen-Fahrzeug. Sein größtes Hobby war: bei Zwangsversteigerungen alte Häuser zu ersteigern und zu renovieren. Alles in Eigenregie. Stieg man zu ihm in seinen Wagen, musste man erst mal etwas Sauberes unterlegen, um sich nicht unfreiwillig in Zementstaub zu suhlen. Dass der Boden zu meinen Beifahrerfüßen überhäuft war mit allem möglichen Werkzeug und sonstigem Kram - auch Geldscheine befanden sich zuweilen darunter - war nicht ungewöhnlich. An Sebastians Audi fehlten der Seitenspiegel auf der Fahrerseite und der Rückspiegel, das Handschuhfach schloss nicht richtig und die Gangschaltung quietschte. Eigentlich war das einzig Intakte an dem Fahrzeug der Verbandskasten.

Meist zog ich es daher vor, selbst zu fahren und ihn abzuholen. Mein eigener Wagen war mir eben sympathischer. Selten hatte Sebastian etwas dagegen. Nur dieses eine Mal, da bestand er darauf, auch einmal Fahrer zu sein. Ich stieg ungern mit meinem weißen Rock und den High Heels zu ihm ins Auto, aber er versprach, ein sauberes Handtuch unterzulegen. Wir verbrachten einen Abend in der Diskothek, wie wir es bis dahin jeden Donnerstag getan hatten und auch nachher noch eine Weile tun sollten. Der Abend an sich unterschied sich in nichts von so vielen anderen Abenden voller Spaß. Spaß, das war eine Symbiose aus Sebastian und mir.

Sebastian hatte drei Bier getrunken. Und zwei Tequila. Draußen stand die Polizei. Wie an den meisten Abenden hatte ich auch an diesem keinen Alkohol getrunken. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich selbst hinter Sebastians Steuer zu setzen, um ihn und sein Auto nach Hause zu bringen.

Die ganze Fahrt über die Autobahn war ich beschäftigt, mich auf die seltsamen Geräusche des Wagens zu konzentrieren. Seltsam, dass einem das als Beifahrer viel weniger auffällt. Ein stetiges Kratzen, das ich nicht lokalisieren konnte, begann mich zu beunruhigen. Deshalb hätte ich beinahe den Gegenstand übersehen, der da quer über beide Spuren lag und ziemlich groß aussah. Zuerst dachte ich noch, es sei ein Tier - vielleicht ein Reh - und wich vorsichtig auf den Standstreifen aus, um dort an dem Hindernis vorbeizufahren. Das war fünfhundert Meter vor unserer Autobahnausfahrt. Weit und breit kein anderes Fahrzeug. Seltsam. Sonst ist die Autobahn immer gut befahren, auch nachts.

Erst beim Vorbeifahren blieb uns beiden das Herz stehen. Was da lag, war kein Tier - sondern ein Mensch. Noch immer kein anderes Fahrzeug in Sicht. Mit aller Macht versuchten wir beide, die aufsteigende Panik zu unterdrücken, während ich den Wagen auf dem Standstreifen zum Stillstand bremste, die Warnblinkanlage anschaltete und die Notrufnummer wählte. Noch wussten wir ja nicht, was gleich auf uns zukommen würde. Die Stimmung war gespenstisch. Auf der sonst gut befahrenen Autobahn herrschte Totenstille, als wir aus dem Wagen stiegen. Sebastian kramte im Chaos seines Kofferraumes nach dem Warndreieck, während ich auf den scheinbar leblosen Körper zuging. Ich wunderte mich über die Gestalt, die da vor mir auf dem Bauch, mit dem Gesicht zum Boden lag. Ein stattlicher Mann in beigen kurzen Hosen, Sandalen, kariertem Freizeithemd - und einer roten Krawatte? Es dauerte einen Augenblick, bis in mein Bewusstsein vordrang, dass das Rote unter dem Kopf des Mannes keine Krawatte war. Im gleichen Moment, in dem ich ungläubig, den ersten aufkeimenden Würgereiz unterdrückend, auf die Blutlache sah, kam ein Wagen herangeschossen. Ich stand da - mitten auf der Autobahn - frierend mit meinem weißen Rock und den Stöckelschuhen und winkte wie verrückt, doch der Wagen war viel zu schnell und bemerkte so den Menschen vor meinen Füßen viel zu spät. Keine Zeit mehr, um zu bremsen. Lediglich zum Ausweichen reichte es noch, so, dass er den Mann nicht überfuhr. Die Rücklichter verschwanden in der Nacht und es herrschte wieder Ruhe. Sebastian war neben mich getreten. Aufgerissene tote blaue Augen blickten uns aus dem aschfahlen Gesicht des Mannes an, der zu unseren Füßen mitten auf der Autobahn lag. Mit dem Kopf auf der rechten und den Beinen auf der linken Spur. Ich glaube, das war der Moment, in dem uns erst richtig bewusst wurde, dass der Mann tot war. Wir standen da und wussten nicht, was wir tun sollten, als ein weiteres Fahrzeug in der Ferne auftauchte. Mit unglaublicher Geschwindigkeit preschte ein Geländewagen daher. Schreiend und wild gestikulierend versuchten wir noch, auf uns und den leblosen Körper aufmerksam machen. In seinem Geschwindigkeitsrausch schien uns der Fahrer nicht wahrzunehmen. Sebastian schaffte es noch, mich zur Seite zu ziehen, das Krachen, als der Geländewagen dem toten Mann über die Beine fuhr, schleuderte und mit der linken Wagenseite die Leitplanke streifte, klingt mir heute noch in den Ohren. Er fuhr einfach weiter. Sebastian rannte zu dem Mann, schrie mich an, wir müssen ihn beiseite schaffen, ich schrie zurück, dass wir das nicht dürfen. Zu spät. Sebastian hatte ihn in einem Zustand aus Schock, Angst und Wut an einem Bein gepackt und schleifte ihn zur Standspur. Dabei drehte sich der Körper und zeigte uns einen aufgeplatzten Brustkorb samt seinen Eingeweiden. Ich war nicht mehr Herrin meiner selbst und begann zu schreien, mühsam beherrscht, mich nicht mitten auf der Autobahn zu übergeben. Erst als das erste Polizeifahrzeug, gefolgt von Feuerwehren, Notarzt und Krankenwagen eintraf, ging mein Schreien in Weinen über. Ich wusste nicht mehr, ob ich vor lauter Kälte oder vom Schock zitterte. Ein Beamter brachte Sebastian und mich zu einem Dienstfahrzeug. Zu zweit vernahmen sie uns bis in die Morgenstunden. Zwischenzeitlich wurden wir vom Notarzt, von Feuerwehrmännern und anderen Rettungskräften gefragt, ob sie uns irgendwie helfen können. Aber da war ich schon wieder ganz ruhig. Alle Fragen der Polizisten beantwortete ich mit Bedacht. Bald stellte sich heraus, dass der Mann in Selbstmordabsicht von der Autobahnbrücke gesprungen sein musste. Sebastian hatte kaum etwas gesagt und mich sprechen lassen. Langsam wurde mir wieder wärmer. Ich war die ganze Zeugenbefragung über so ruhig, dass die Polizisten nicht darauf bestanden, uns nach Hause zu bringen. Ich durfte selbst fahren. Es waren ja nur noch fünfhundert Meter. Sebastian wohnt direkt neben der Autobahnauffahrt.

In dieser Nacht blieb ich bei Sebastian. An Schlaf war nicht zu denken. Wir wuschen uns fast eine halbe Stunde lang in seinem Badezimmer die Hände. Die restliche Nacht verbrachten wir im Wohnzimmer.

Ich setzte mich zu Sebastian auf die Couch, er legte seinen Kopf in meinen Schoß und ich streichelte ihm über das Haar. Ja, ich war ruhig. Denn das heute Nacht, das war mir nicht zum ersten Mal passiert.

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Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    harte story...

    habe leider ähnliches erlebt, aber eben nicht so hart!
    daher, respekt!

    07.05.2007, 20:40 von alpha_kitty
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    Respekt, ziemlich hard

    "Denn das heute Nacht, das war mir nicht zum ersten Mal passiert."

    Wie oft passiert einem das? überleg mir das mit dem Führerschein vielleicht dann doch noch mal.

    06.05.2007, 23:40 von X-Pati
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    ist wirklich erschreckend,dass man heutzutage echt aufgeschmissen ist,wenn einem was passiert.
    So wie du dich verhalten hast, dass würde heute kaum einer machen.
    Und natürlich wirst du das alles nie vergessen und ich bin auch froh, sowas nicht erlebt zu haben...Also viel stärke für die Situationen,wo wieder alles so nah ist...

    05.05.2007, 14:37 von foershty
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    wow. das tut mir sehr leid für dich, dass alles so erlebt zu haben, aber du hast dich wirklich vorbildlich verhalten *respekthab* Der Text ist sehr schön geschrieben, ich finede, man kann sich alles sehr gut vorstellen

    04.05.2007, 22:03 von gewitterwoelkchen
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  • 0

    Sehr sehr gut. Man kann sich durch deine Geschichte echt fast reinversetzen in die Geschehnisse. Wirklich gut! Und Respekt an dich, dass du so stark geblieben bist!

    03.05.2007, 08:44 von FallingAngel
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  • 0

    Richig gut geschrieben. Man kann sich beim lesen alles genau vorstellen... War bestimmt ein sehr heftiges Erlebnis.
    Und Respekt das du da so drüber schreiben kannst.

    02.05.2007, 23:16 von sun.snow88
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    @ beautiful_beast & nd5000:

    so habe ich das lange nicht gesehen, dass das irgendwie couragiert gewesen sein könnte. für mich war's eher selbstverständlich. dass es tatsächlich menschen gab, die daran vorbei und sogar noch über den toten drüber und dann weitergefahren sind, ohne sich zu kümmern, hat mir sehr zu schaffen gemacht. vor allem die tatsache, dass ich mir in meinem schock die autonummern nicht gemerkt habe. ich finde, die fahrer hätten eine anzeige wegen utnerlassener hilfeleistung verdient. schließlich konnten die nicht wissen, was passiert war, und sie konnten auch nicht wissen, dass der mann bereits tot war. darüber denke ich manchmal nach, wenn ich unter der brücke durchfahre.

    02.05.2007, 14:38 von Bluelove
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