vonschlechteneltern 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 4

Minuten werden zu Stunden...

Der nächste Morgen graute. Mir.

Chatten ist scheiße, zumindest in Chat-Foren. Das machen nur Leute, die kein Leben haben und nichts dagegen haben Fragen nach den Körpermaßen, der Haarfarbe und irgend welchen Hobbies zu beantworten, um dann ein extrem oberflächliches Gespräch mit jemandem zu führen, der selber eben genau dies ist: oberflächlich. Wer Stil hat, tut sowas nicht. Und naja, sagen wir es einmal so: Ich hatte einmal kurz keinen Stil. Ich glaube an dem Tag muss es geregnet haben, keiner hatte Zeit für mich, ich saß gelangweilt vor dem Computer und verlor vorrübergehend den Verstand. So landete in einem Chat. Kaum war ich da, wurde ich von einem Typen angesprochen und wir kamen ganz nett ins Gespräch. Erstaunlicherweise fragte er nicht, nach meinen Körpermaßen, meiner Haarfarbe oder worauf ich beim Sex stand und ich, ich fragte ihn das alles auch nicht. Wir redeten über seine Ex-Freundin, die er verlassen hatte, weil sie ihn betrogen hatte und dass er ihr doch so vertraut hatte. Ich war wirklich interessiert an seiner Geschichte, munterte ihn auf, dass nicht alle Frauen so seien und dass er sich sicher wieder verlieben würde und diesmal in die richtige. Danach schrieben wir über Gott und die Welt und stellten fest, wie ähnlich wir uns waren. Als ich auf die Uhr sah, merkte ich, dass mittlerweile drei Stunden vergangen waren. Wir tauschten E-Mail-Adressen aus und verabschiedeten uns.

Die E-Mail die ich dann von ihm bekam, hätte ein Buch sein können, so lang war sie. Und ich schrieb ebenso ellenlange E-Mails zurück. Es war ein bißchen wie Tagebuch schreiben, nur dass das Tagebuch einem antwortete und Tipps gab. Aus den E-Mails wurden Briefe, in denen wir uns Fotos schickten und aus den Briefen wurden Telefonate. Jetzt weiß ich, dass es bei den Telefonaten hätte bleiben müssen, aber leider verlief alles anders.

Er dachte sich, dass er mir einen Überraschungsbesuch abstatten könnte. Ich wusste von nichts, als es an diesem stink normalen Freitag an der Tür klingelte. Da stand er dann. Wer da stand, war mir in dem Moment als ich die Tür öffnete nicht wirklich klar, weil er auf den Fotos die er mir geschickt hatte, irgendwie besser ausgesehen hatte. Und größer. Und sympatischer. Und gestunken hatte er auch nicht auf den Bilder, zumindest sah das so aus. Es wäre nett gewesen, wenn er ein häßliches, stinkendes Foto von sich geschickt hätte, dann hätte ich gewusst, wer da vor meiner Tür stand.
"Na? Weißt du wer ich bin?", fragte es.
Mein Unterbewusstsein wusste es irgendwie schon längt: "Das ist er. Du weißt schon." Der Rest von mir, wollte das aber lieber nicht glauben. Ich hätte sagen sollen: "Nein, tut mir leid. Tschüss." Stattdessen sagte ich: "Steffan?" Und es freute sich, dass ich es erkannt hatte. Es kam in meine Wohnung und lächelte und umarmte mich und stank.
Da standen wir also.
Kilometerlange E-Mails hatten wir uns geschrieben, Zentimeter dicke Briefe und stundenlange Telefonate hatten wir geführt. Es gab immer etwas, das wir uns erzählen konnten, aber jetzt standen wir uns gegenüber und sprachen kein Wort. Warum? Weil wir uns jetzt, wo wir uns persönlich kannten, fremder waren, als je zuvor. Glücklicherweise war meine Schwester gerade zu Besuch und die kann reden wie ein schizophräner Wasserfall. Sie verwickelte ihn in ein Gespräch während ich mehr oder weniger dabei zusah. Ich horchte erst auf, als ich hörte, dass er gerne das ganze Wochenende bleiben würde. Mein ganzes Leben zog schlagartig an meinem inneren Auge vorbei. Wie ein Film. Der Film war ganz ok, nur das Ende, ja das war richtig beschissen. Dafür hätte ich das Kino-Geld zurück verlang und sowas tue ich normalerweise nicht.
"Ja, klar bleib doch das Wochenende. Dann könnt ihr euch mal richtig kennelernen.", für diesen Satz hätte ich meine Schwester am liebsten masakriert und bei der Gelegenheit ihn mit dazu. Aus versehen natürlich. Doch ich lächelte tapfer, während mir die passende Ausrede nicht einfallen wollte. Bevor ich etwas dazu gesagt hatte, hatte er mein Schweigen schon als Zusage gedeutet. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.

Zuerst zeigte ich ihm ein wenig die Stadt und ging dann mit ihm etwas trinken. Wir kamen ganz gut ins reden, aber mein Eindruck von ihm war noch immer der selbe. Ich hatte mich über die Entfernung in einen anderen Menschen verliebt. Jemand der mich vielleicht anders ansah und hervorragend roch. Der keine fettigen, strähnigen Haare hatte oder diesen Mundgeruch. Jemand der mehr Charme ausstrahlte oder wasweißich. Ich wollte ihn loswerden, das war alles.
Als sich in unser Gespräch immer mehr peinliche Pausen mischten, zahlten wir und beschlossen ins Kino zu gehen. Wir sahen uns den Film "Chocolat" an und ich war zufrieden, weil ich mich solange nicht mit ihm beschäftigen musste. Von der ganzen Schokolade in dem Film bekam ich tierischen Heißhunger darauf, aber plötzlich zerrisch ein Geräusch meinen inneren Frieden.

Es war ein Furz. Er hatte gefurzt! Es war definitiv ein Furz gewesen und es saß niemand in unserer unmittelbaren Nähe. Bitte lieber Gott, mach dass nur der Sitz gequitscht hat!
Ich gehöre zu diesen Menschen, die nicht an Gott glauben, sich dann aber in Notsituationen an ihn wenden und feststellen, dass es ihn auch DANN nicht gibt.
Es war nur der Sitze, es war nur der Sitz, versuchte ich mir weiter einzureden. Aber spätestens, als ein unangenehmer Geruch meine Nasenlöcher passierte, musste ich mir eingestehen, dass kein Sitz der Welt einen Analhusten so unverwechselbar immitieren konnte.
Ich wünschte mir ins Koma zu fallen und erst am Montag wieder aufzuwachen. Aber das Schicksal meinte es nicht sehr gut mit mir. Hier war ich, gefangen in der Hölle. Und ich sollte da nicht etwa brennen, wie die anderen - nein, das wäre ja langweilig gewesen; ich sollte vergast werden. Danke.

Irgendwann war der Film zu Ende und irgendwie schafften wir es zu mir nach hause. Es war nicht besonders spät, aber ich machte Steffan klar, dass ich gerne früh schlafen ginge und mich jetzt dann hinlegen würde. Nachdem wir sein Nachtlager im Wohnzimmer aufgeschlagen hatten, sagten wir uns gute Nacht, aber als ich endlich im Bett lag -natürlich kein bißchen müde- klopfte es an der Tür und Steffan kam herein. Er setzte sich auf die Bettkante und fing an davon zu labern, dass er nicht müde sei und lieber gerne noch ein bißchen reden würde. Das hieß: er redete und ich hörte zu. Ich sah die Wörter aus seinem Mund purzeln und blickte immer wieder hinüber zum Wecker. Dieser hatte von Zeit offenbar eine andere Auffassung als ich. Für mich verging sie
und für ihn nicht. So kam es, dass nach einer gefühlten Stunde, erst drei Minuten vergangen waren. Nach 22 Stunden wurde aber dann sogar Steffan müde und verzog sich ins Wohnzimmer.

Der nächste Morgen graute. Mir.
Ich wollte nicht aufstehen. Ich hörte Steffan schon längst Geräusche machen, blieb aber bis Mittags 12 Uhr im Bett liegen, um weniger Zeit mit ihm verbringen zu müssen. Mir war klar, dass ich eine grauenhafte Gastgeberin abgab. Mir war auch klar, dass er in der Zeit bequem meine Wohnung hätte ausrauben könnte, aber solange er dann auch weg sei, hätte ich den möglichen Verlust hingenommen. Ich torkelte aus meinem Schlafzimmer. Alles war noch da. Er auch.

Am Frühstückstisch sprach ich an, worüber ich mir den ganzen Morgen den Kopf zerbrochen hatte. Ich sagte ihm, dass mir eingefallen sei, dass ich ja morgen ganz früh mit Freunden wegfahren würde und er dann besser schon abends gehen würde, weil er sonst ebenfalls sehr früh aufstehen müsste.
Ich war mir nicht sicher, ob er kapierte, was wirklich vor sich ging, er ließ sich jedenfalls nichts anmerken. Fest stand, dass er aber dann schon abends abreisen würde. Nun musste ich nur noch den Tag rumbekommen.

Die Situation war unangenehm:
Alle Worte zwischen uns waren gesagt.
Alle Blicke getauscht.
Jedwedes Interesse abgetötet.
Wir setzten uns vor den Fernseher und schmissen einen Film nach dem anderen rein. Die Zeit verging langsam, aber sie vering. Und irgend wann war es endlich soweit. Er packte seine Sachen, wir verabschiedeten uns und er ging.

Ich entdeckte das Gefühl von Freiheit völlig neu. Ich war frei und ich war froh. Aber nachdem die ganze Euphorie um meine wiedergewonnene Freiheit herum war, war ich ehrlich gesagt auch ein kleines bißchen traurig.
Unsere Freundschaft war kaputt gegangen. Nach einem halben Jahr erst, schrieb ich ihm eine kurze E-Mail und fragte ihn, wie es ihm gehe, aber es kam keine Antwort. Stattdessen lag einige Jahre später eine Postkarte von ihm in meinem Briefkasten, die er persönlich eingeschmissen hatte. Er war zufällig wieder an meiner Stadt vorbei gekommen und wollte einen Gruß da lassen.

Zum Glück hatte er diesmal nicht geklingelt.

4

Diesen Text mochten auch

8 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] danke für die kommentare.
      direkt zu sein, hätte sicher nur die situation bessern können, aber auf der einen seite war man sich bis dahin vollkommen vertraut und plötzlich total fremd. zu jemandem der einem absolut fremd ist zu sagen, was man denkt, ist nicht so leicht. wenn man jemanden gut kennt, weiß man, wie direkt und ehrlich man sein kann. in diesem fall habe ich nicht einmal daran gedacht zu sagen, was ich wirklich denke. das war schon schade. für mich waren das zwei verschiedene personen: der mit dem ich mich schriftlich/telefonisch so gut verstanden hatte und der, der plötzlich vor mir stand und mich genervt hat. da war mir unwichtig, was für ein ende die situation nimmt, solange sie überhaupt eins nimmst. hoffe, das ist irgendwie nachvollziehbar.

      15.08.2008, 11:55 von vonschlechteneltern
  • 0

    Ich find die Geschichte jetzt nicht unterirdisch. Die Orthographie jedoch ist eines Artikels nicht würdig. Echt nicht.

    Was ich darüber hinaus gern wissen wollte: Ist dies komödiantisch oder dramatisch gemeint, oder gar beides? Es liest sich nämlich teils wie eine Beschreibung der eigenen Feigheit. Besonders diese Stelle löste dann doch Kopfschütteln aus:

    "Die Situation war unangenehm:
    Alle Worte zwischen uns waren gesagt."

    Was kann bitte absurder sein als eine Situation wie diese, in der "alles gesagt" sei in einer Geschichte die auf etwas Ungesagtem (Du stinkst. Geh nach Hause.) basiert?

    Klar meintest du die Funkstille zwischen euch. Doch die basierte doch auch auf der Tatsache, dass du ihn gar nicht haben wolltest und ihm das nicht sagen konnetst, oder nicht?

    01.08.2008, 16:47 von Jerpbak
    • 0

      @Jerpbak Ich scheine ich mit meiner mangelnden Schreibbegabung einigen Usern auf die virtuellen Füße zu treten. Dazu möchte ich sagen, dass ich zwar ganz gerne schreibe, was nicht bedeutet, dass ich hervorragend bin, sondern dass ich daran arbeite. Für konstruktive Kritik bin ich daher echt dankbar, weil ich daraus lernen kann.

      Dass alles gesagt ist, bezieht sich darauf, dass nichts weiter gesagt werden will. Klar hätte ich ihn beleidigen können, aber mal ehrlich, hättest du das getan? Darauf will ich auch gar nicht weiter herum reiten.

      Die Geschichte klingt teilweise klischeehaft, sie hat sich aber so zugetragen. Ich habe aufgeschrieben, wie es passiert ist. Feigheit/Klischees hin oder her. So ist es gewesen. Ich hab es wohl nicht schön verpacken können. Tut mir leid.

      01.08.2008, 17:42 von vonschlechteneltern
    • 0

      @vonschlechteneltern Für mich geht es hier nicht darum, jemanden zu beleidigen. Klar, ich habe das überzeichnet, um es deutlicher zu machen.

      Aber was wäre denn gewesen, wenn du ihm sachlich deine Ansicht geschildert und ihn freundlich gebeten hättest, nach Hause zu gehen?! Klar wäre das immernoch eine Konfrontation. EInfacher hätte es die Sache dennoch gemacht. Und eure Freundschaft hätte möglicherweise sogar noch eine Chance gehabt.

      Das solltest du jetzt nicht als Kritik an deiner Kunst sehen, sondern eher als eine menschliche Anregung.

      Was deinen Artikel angeht, die Orthographie könntest du dennoch überarbeiten. Und es muss dir weißgott icht leidtun, denn es gibt wesentlich schlechtere Geschichten, sowohl was Inhalt, als auch was Struktur betrifft.

      02.08.2008, 18:03 von Jerpbak
    • 0

      @Jerpbak danke für deine konstruktive kritik. ich hab das vielleicht vorher in den falschen hals bekommen.

      hm, im nachhinein habe ich auch überlegt, wie man es hätte besser machen können, aber in der lage habe ich mich von einer situation zur nächsten gehangelt und war dadurch richtrig genervt und vor allem von ihrm enttäuscht irgendwie.
      er hat mich von sich aus auch einfach überrumpelt. wenn ich er gewesen wäre, hätte ich nicht von vorne hrein darauf bestanden das ganze wochenende zu bleiben.
      die freundschaft ist kaputt, aber dazu haben wir beide irgendwie beigetragen.

      03.08.2008, 11:09 von vonschlechteneltern
    • 0

      @vonschlechteneltern Das glaub ich dir, mir erscheint sein Verhalten auch dreist. Deswegen ich es ja so wichtig zu sagen: Du hättest auch anders handeln können. Für dich, nicht mal unbedingt für ihn.

      03.08.2008, 14:42 von Jerpbak
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] zustimmung (ungeteilt!)

      01.08.2008, 15:01 von RedSonja
  • 0

    ...gut gelacht!

    Vielen Dank dafür!

    01.08.2008, 13:40 von thoermi
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    jo, kenn ich irgendwo her... aber das ist halt das internet.... ermöglicht es halt sich in ein besseres licht zu stellen als man es tatsächlich ist.... und schon alleine deshalb ist es nicht schlecht ein wenig vorsichtig zu sein... ;-)

    01.08.2008, 08:13 von ramazotti-orange
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich habe laut gelacht.
    Vielen Dank!

    01.08.2008, 04:43 von -pennylane-
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wow. NICHTvonschlechteneltern :D
    aber eigentlich schon *haha*
    egal, ich hör schon mit dem verwirrenden, schlechten wortspiel auf.

    interessante geschichte, die wohl jedem passieren könnte. über's internet kann man die personen schließlich nicht so ganz einschätzen, als wie wenn man neben ihnen stehen würde.
    aber sicherlich ne ganz gute erfahrung, wenn man sieht, das es im richtigen leben eben doch anders zugeht.

    aber trotzdem schade, wenn dann so eine freundschafltiche e-mail-beziehung wegen sowas in die brüche geht.

    31.07.2008, 21:27 von HerrAlexX
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare