Sommerregen03 26.12.2012, 00:14 Uhr 22 80

Mia.

Mia lächelt, Mia tanzt, Mia betrinkt sich. Mia macht die Nächte durch, Mia ist ständig unterwegs. Mia ist fast wieder die Alte.

Caro und ich trafen uns letzten Mittwoch auf einen Kaffee. Wir hatten beschlossen, es war mal wieder die Zeit dafür, denn wir hatten uns seit Wochen nicht gesehen. Uni, durchzechte Nächte und der grauenhafte Weihnachtsstress, der jeglichen Fluchtversuch unmöglich machte. Ich hatte sie vermisst.


"Wie geht's dir?"
"Gut soweit. Ich bin nur froh, wenn das alles hier vorbei ist."
"Wem sagst du das ... Weihnachten mit der Großfamilie wird dieses Jahr bei uns gefeiert. Mama dreht schon vollkommen durch deswegen."

Der Kaffee kam, die Kellnerin hatte den Zucker vergessen. Wir redeten über dies und das, sie sprach von ihren ganzen Zusatzseminaren, die sie in diesem Semester belegen musste; ich nickte, hörte zu, wusste selbst nur wenig zu sagen. Ich war nicht der große Redner, aber das wusste sie gut.

"... dir erzählt, dass sich ihr Freund von ihr getrennt hat?"
"Was?"
"Ob Mia dir erzählt hat, dass ihr Freund Schluss gemacht hat. Schon vor ein paar Wochen."

Ihre Worte hatten denselben Effekt, als ob sich plötzlich ein Fremder zu uns an den Tisch gesetzt hätte; nackt und mitten auf die runde Platte aus schwarzem Marmor, genau in die Mitte zwischen unsere beiden Kaffeetassen und den Zucker, wenn er denn auf dem Tisch gestanden hätte. Wo einen Moment zuvor noch Worte waren, wusste ich nun nichts mehr zu sagen. 

"Doch, das hat sie."
"Wann?"
"So ungefähr 5 Minuten, nachdem er gegangen ist."

Sie nahm einen Schluck aus ihrer Tasse und verzog das Gesicht, denn der Kaffee war ihr zu bitter.

"Ich war richtig schockiert, als sie es mir gesagt hat. Weißt du, bei den beiden dachte ich ... Das ist es, was ich irgendwann auch mal will. Ich will es genau so. Ich will von einem Mann so angesehen werden, wie er sie angesehen hat. So verliebt. Ich mochte es, dass sie eben nicht wie diese Bilderbuchpärchen waren, sondern dass sie einander Kontra geben konnten. Auch und gerade dann, wenn wir dabei waren. Sie waren nicht so süß, dass man Diabetes bekommen konnte. Und doch hatte ich immer das Gefühl - ich habe keine Ahnung, wie es dir ging - dass es bei ihnen gepasst hat wie Arsch auf Eimer. Eine Berührung von ihr hat ihn wieder beruhigt, ein Satz von ihm hat sie getröstet. Ich hatte Angst um sie, als sie mir gesagt hat, dass er sich von ihr getrennt hat."

Ich schwieg. Das Schöne an Caro war, dass sie oft keine Antwort auf ihre Monologe erwartete.

"Und dann habe ich sie letzte Woche zufällig in der Stadt getroffen. Eigentlich hatten wir beide keine Zeit, haben dann aber beschlossen, sie uns zu nehmen. Am Ende des Tages bezahlte jede von uns drei Latte Macchiato und zwei Stücke Kuchen, weil wir aus dem Reden gar nicht mehr raus kamen. Weißt du was?"

"Mh?"

"Ihr geht es richtig gut, auch ohne ihn. Ich war echt erleichtert."

Die Kellnerin brachte den Zucker und stellte ihn auf dem linken Knie des nackten Kerls zwischen Caro und mir ab.

"Was meinst du dazu?"
"Wozu genau?"
"Zu ihrer Trennung. Und dazu, warum es ihr so verdammt gut damit geht."

Ich versuchte, einen Moment Zeit zu gewinnen, indem ich umständlich die Zigaretten aus meiner Hosentasche fischte, bedächtig eine herausnahm und sie langsam anzündete. Ein Hoch auf die raren Rauchercafés, die sich noch retten konnten.

Ich atmete tief ein. "Mia hat mich angerufen, direkt nachdem er sich von ihr getrennt hat. Sie war wohl noch keine fünf Minuten alleine, dafür aber vollkommen aufgelöst. Ich habe am Telefon nicht ein Wort von dem verstanden, was sie sich da zusammengestammelt und erschluchzt hat. Sie ist vorbeigekommen. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der Mascara so großflächig im Gesicht verteilen konnte wie sie an jenem Abend. Ich habe versucht, ihr zuzuhören, sie zu trösten, aber mehr als Zigaretten und ein Riesenglas Himbeerjoghurt konnte ich ihr an diesem Abend nicht anbieten. Die Tage danach hatte ich Angst um sie. Sie hatte mir gesagt, dass sie jedes Mal, wenn sie mit 160 km/h über die Autobahn zur Uni fuhr, mit dem Gedanken spielte, ruckartig in die Leitplanke zu lenken. Ich war mir nicht sicher, ob sie es irgendwann tun würde. Und dann vergingen zwei Wochen, ich sah sie wieder ... Und man hätte meinen können, sie wäre wieder die Alte."

"Meinen können?"

Ich pustete den Rauch in die Luft und lächelte Caro an. "Du weißt es nur, wenn du sie kennst. Du musst über Mia wissen, dass sie ein halbes Jahr lang keinen Alkohol angerührt hat, weil sie keinen Grund dafür hatte. Lieber fuhr sie ihren betrunkenen Freund abends sicher nach Hause. Alleine in den letzten zwei Wochen hat sie mich vier Mal mitten in der Nacht angerufen, sturzbetrunken. Aber hey, geiler Abend, sagte sie jedes Mal.

Du musst über Mia wissen, dass es schwer für sie ist, Menschen zu vertrauen. Es fällt ihr schwer, jemanden zu berühren, tatsächlich und metaphorisch. Noch schwerer ist es für sie, sich von jemandem berühren zu lassen. Als ich sie vor zwei Tagen getroffen habe, erzählte sie mir, sie hätte sich so richtig verräumen lassen, von irgendeinem Kerl aus ihrem Semester. Ich wollte sie fragen, wie es ihr damit ging, aber sie kam mir zuvor. Es tat mir gut, sagte sie. Und es war schön, dass er am nächsten Tag nicht anrief, und die Tage darauf auch nicht. Du musst Mia kennen, um wissen zu können, dass sie sich in diesen Tagen kein einziges Mal bewusst im Spiegel angesehen hat, weil sie sich davor fürchtete, von ihrem eigenen Bild darin angewidert zu sein.

Wenn du Mia kennst, dann weißt du, dass sie Verantwortung tragen kann. Sie liebt es eigentlich. Jetzt erzählt sie dir aber, dass sie durch die letzte Klausur gerasselt ist, weil sie in der Nacht zuvor lieber bis fünf Uhr morgens gefeiert hat. Es war ihr ganz egal. Nur, wenn du sie kennst, kannst du wissen, dass es ihr doch nicht so egal war, wie sie sagte; den Tag darauf hat sie sich im Studiservice über den Nachschreibetermin informiert, hat in den folgenden Nächten durchgelernt und insgesamt 3 Stunden geschlafen und lieferte die verpatzte Klausur dann mit einer 1.7 ab. Weil sie aber so abgefertigt war, nahm sie an jenem Tag einem Auto die Vorfahrt. Ihre Mutter ist fast durchgedreht, als sie das hörte. Wenn du Mia kennst, dann weißt du, dass ihr das zugesetzt hat.

Und wenn du Mia kennst, dann weißt du sie zu beobachten. Ich war letztens dabei, als sie mit ihren Mädels was trinken war. Alle vergeben, schon seit Jahren, selbstverständlich glücklich. Die Gespräche drehten sich immer mal wieder um Jahrestage, Weihnachtsgeschenke, liebevoll befüllte Adventskalender. Romantische Winterspaziergänge kamen auch ab und an vor. Eigentlich sollte man denken, diese Dinge sind nicht Mia und ihr vollkommen egal. Aber an diesem Abend hat sie 17 Zigaretten geraucht, genauso oft wurde eines der Themen erwähnt, die ich dir gerade gesagt habe.

Weißt du ... Mia lächelt, Mia tanzt, Mia betrinkt sich, Mia macht die Nächte durch, Mia ist ständig unterwegs. Mia ist fast wieder die Alte. Und doch vermisse ich sie sehr."


Tags: Tanzen, trinken, Schauspieler
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22 Antworten

Kommentare

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  • 0

    du schreibst von mir:) haar genau von mir;) 「lg mia

    13.01.2013, 14:19 von MiaJaNurMia
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  • 0

    beeindruckend gut geschrieben! <3

    06.01.2013, 03:08 von Pulverliselotte
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  • 1

    war nicht jeder selber schon mal mia?!

    04.01.2013, 15:00 von katrinmarlen
    • 0

      nö.

      04.01.2013, 15:11 von nnoaa
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  • 0

    wahnsinn. sehr gut!

    04.01.2013, 00:52 von sharkai_elayd
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  • 1

    Weil ich Mia heiße und wie Mia bin und genauso eine Zeit wie Mia vor einem Jahr durchlebt habe. Und weil diese Zeit seit einem Monat und 9 Tagen endlich wieder vorbei ist:

    Hat mich sehr berührt.

    03.01.2013, 16:43 von human_coloured_alien
    • 0

      Vielen Dank für diese Worte!

      03.01.2013, 22:37 von Sommerregen03
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  • 1

    Schön erzählt. Ich fühle mit, sowohl mit Mia als auch mit der Erzählerin.

    02.01.2013, 13:41 von schmetterlingslachen
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  • 0

    wunderschöner Text und dabei irgendwie so traurig

    01.01.2013, 18:53 von Meggiie
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  • 0

    wunderbar!

    30.12.2012, 17:34 von Amabilis
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  • 0

    Der Text gefällt mir recht gut. Interessant geschrieben.

    Mich hat nur eine Formulierung sehr gestört: "Weil sie aber so abgefertigt war,..." unter "abgefertigt" verstehe ich was anderes als erschöpft/kaputt (das soll es doch hier bedeuten?).
    Ansonsten passt die Namenswahl *Mia* sehr gut! Bei den meisten anderen Namen hätte die häufige Wiederholung gestört. :-)

    28.12.2012, 15:42 von Serpiente
    • 0

      Danke.


      Ja, abgerfertigt sollte genau das bedeuten. Ich glaube, ich mag das Wort, wie der Erzähler es sagt - weil er Mia mag. Dann ist es okay.

      29.12.2012, 01:58 von Sommerregen03
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  • 0

    Find ich richtig gut.

    28.12.2012, 11:24 von marco_frohberger
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