Meowmeow
Fidan war ein Kind mit einem ungewöhnlichen Wesen. Geboren war sie in Mostar inmitten der bosniakischen Enklaven und wuchs dort auch bis Anfang der neunziger Jahre auf. Doch dann beschloss die Mutter, dass es zu gefährlich für sie und ihre Kinder inmitten der Bürgerkriege war. Fidans Mutter selbst war noch in Stup nahe Sarajewo geboren worden und somit ein offenes Ziel für die ethnische Säuberung, welche von serbischen Truppen durchgeführt wurde. Auch wenn man es gern totschwieg, wussten die bosnischen Bewohner der Dörfer sehr wohl, dass viele Söldner als Marodeure in diesen Truppen verschrieen waren. Fidan, ihre Mutter und Geschwister wären ohnehin vertrieben worden, daher beschloss sie zu gehen, bevor die Massaker an den Zivilisten begannen. Mithilfe von Verwandten wollten sie nach Kroatien fliehen, um dann später weiter über Ungarn nach Österreich zu gelangen. Fidan war neun Jahre alt.
Sie träumte schon weit vor den Monaten der Aufruhr immer wieder von ihrem Großvater, der ihr Geschichten aus längst vergangenen Tagen erzählt hatte. Darin ging es oft um riesige Braunbären aus dem ostsibirischen Tiefland, die an den weiten Ausläufen der sumpfigen Seen lebten. Sie stellte sich dann vor, wie sie einem der Braunbären begegnete. Anfangs sehr scheu, beobachte er Fidan, wie sie ihrem Tagwerk nachging. Dann irgendwann bemerkte sie ihn und versuchte sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. Bis sie einmal vor ihm stand und in seine großen, schwarzen Augen sah. Darin sah sie eine Ruhe, die sie in ihrem jungen Alter noch gar nicht kennen konnte. Wie paralysiert stand sie dort und beide sahen sich an. Dann lächelte der Mannshohe Bär und Fidan lächelte auch. Sie fragte ihn, wie er hieße und er antwortete „Meowmeow.“ Sie sah ihn aus ihren strahlend grünen Augen an „Das ist ein sehr schöner Name. Ich heiße Fidan. Hast du Hunger?“ Der sanfte Riese nickte fast behutsam. So begannen sie ihre Zeit miteinander zu teilen.
Meowmeow erzählte ihr, dass er froh war, Sibirien verlassen zu haben, da es dort kaum Flora gab, außerdem esse er kein Fleisch. Es schmeckte ihm einfach nicht und er war ohnehin zu faul, um auf die Jagd zu gehen. Er mochte Endivien und Lauch, aber das fände man so selten. Genau wie Trüffel. Aber davon hatte er erst zwei in seinem Leben gegessen, weil deren Vorkommen einzigartig war. Und das konnte er mit Bestimmtheit sagen, da sein Leben schon sehr lange dauerte. Er erzählte von weiten, gräsernen Feldern, die sich erdpappig bis an die Fußspitzen der Berge legten, erzählte vom vielfarbigen Himmel, der so weit schien, als gäbe es nichts vergleichbares in seiner Unendlichkeit. Oft saßen Fidan und Meowmeow auf den Felshängen der naheliegenden Berge und schauten sich blühende Ödnis Mostars an. Sie zählten die Käfer, welche über Meowmeows befellten Rücken stiegen und Fidans Nasenspitze neckten.
Als die Gewalt begann und die Gewehrsalven die Nacht taghell werden ließen, kroch Fidan zu Meowmeow hinters Haus und kuschelte sich in sein dichtes Fell, um sich einigermaßen sicher zu fühlen. Doch irgendwann reichte selbst das nicht mehr, um die Sekunden der Unruhen nicht zu fürchten. Fidans Mutter setzte sich oft mit ihrem Onkel zusammen und beide redeten über die Möglichkeit der Flucht. „Milana, du musst hier weg. Die Truppen sind kurz vor Vrapcici und dürften bald hier sein.“ waren Sätze, die Fidan nicht mehr aus ihrem Kopf bekam. Die Mutter und die Bekannten wirkten immer hektischer. Sie schauten sich ständig um, als warteten sie darauf, dass ihr Fliehen von Denunzianten erkannt und dadurch vereitelt werde würde. Eines Nachts riss bebendes Krachen Fidan aus dem Schlaf. Als sie die Augen öffnete, brannte der Himmel. Ihre Mutter lief aus dem Haus und rief nach ihr. Die löste sich aus der festen Umarmung des schlafenden Meowmeow und ging zu ihrer Mutter. „Fidan, wo bist du nur immer? Komm wir müssen jetzt los!“ Fidan blickte sich nach Meowmeow um, wollte zu ihm. Doch ihre Mutter klammerte ihre Hand fest um Fidans Handgelenk und zog sie mit sich. Gegröhle setze ein und ließ beide erschauern. Wie splitterndes Glas bohrte es sich in ihre Köpfe.
Fidan weckte ihr kleines Brüderchen, das sie aus verschlafenen Augen ansah „Komm Dardan, wir müssen jetzt gehen.“ sagte sie leise, während die Mutter ihre anderen Geschwister weckte. Mit einem Knall sprang die Tür auf und der Schreck ließ Fidan herum wirbeln und sich instinktiv vor Dardan stellen. „Dreckiges Pack.“ war das letzte, was von den beiden Söldnern, die im Eingang des Hauses standen, zu hören war, bevor die feuerhellen Salven wie Blitze durch den Raum glitten. Funkenflug ließ die Gesichter von Fidans Familie in verzerrter Mimik erstarren. Zehn Sekunden dauerte das metallene Gewitter. Mittendrin sanken die verletzen Körper zu Boden. Fidan stand am längsten, bevor sie sich dem Schmerz ergeben musste. Dann überzog sie Dunkelheit. Ihre Lider hoben sich und sie versuchte ihr Gesicht vom warmen Holzboden zu heben. Dardans Hand lag zu ihr gestreckt, sein Köpfchen abgewandt, in Blut gebettet. Fidan drehte sich zu ihrer Linken und sah die Mutter, wie sie ihre Geschwister hielt. Man hätte meinen können, dass sie schlafen, so wie die Mutter die Kinder in ihren Armen barg. Erschöpft schloss Fidan abermals ihre Augen.
Etwas kaltes stupste sie ins Gesicht. Es war die Schnauze Meowmeows. „Fidan, komm. Ich bring' dich hier weg.“ tönte es durch wattige Schwaden zu ihr. Sie öffnete die Augen und sah seine ruhigen Blick. Sie hob eine Hand mit letzter Kraft, um sich an seinem dicken Fell festzuhalten. Dann packte er ihren fast leblosen Körper und hievte sie auf seinen Rücken. Meowmeow lief mit der ächzenden Fidan hinaus aus dem Haus. Während er mit ihr durch die gleißende Nacht lief, drückte Fidan ihren Kopf ganz fest an Meowmeow, atmete flach und schloss ein letztes Mal die Augen.
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Kommentare
Schön. Aber mich stört "sehr einzigartig".
24.04.2012, 09:47 von justanotherpicturejap, stimmt. hab es geändert. danke.
24.04.2012, 13:41 von mo_chroiDas Meowmeow hat mich angelockt :) Und Du natürlich ;-)
23.04.2012, 21:40 von Mrs.McHIch kann noch nicht benennen warum es mich diesmal nicht angesprochen hat, aber ich finde es für mich etwas beruhigend, da ich sonst sagen müsste, ich wäre Dir verfallen ;-) Ich könnte mir aber vorstellen, dass das wieder so ein Text ist, der bei mir später zündet, bin gespannt und wenn sag ich "Bescheid" :) Schönen Abend, Nucki...
Meow!
23.04.2012, 19:02 von MisterGambit"Mein Freund Totoro", nur dass dieser Text am Ende die "traurig"-Abzweigung nimmt. :(
23.04.2012, 18:25 von wordmageErinnert mich sehr an Pan's Labyrinth, sehr schön
23.04.2012, 18:12 von LeyluraLegbreakerIch hab den Film schon bestimmt 3 oder 4 Mal gesehen, aber Ähnlichkeit kann ich nicht entdecken.
23.04.2012, 19:27 von nyx_nyxDeine Meinung :)
23.04.2012, 19:50 von LeyluraLegbreakerJop.. ich sprach ja auch von mir... "ich" = ich :D
23.04.2012, 19:53 von nyx_nyxich leih' mir den dann, wenn ich darf.
23.04.2012, 15:10 von mo_chroiWieder ein "gemalter" Text, beeindruckend.
23.04.2012, 13:50 von LunasolFantastisch. Traurig. Schön.
23.04.2012, 12:43 von lalinaKann mich da nur anschließen
23.04.2012, 17:04 von For.Bye