knoepfchenchaos 04.01.2015, 19:10 Uhr 2 5

Melancholie, fick dich ins Knie

Manchmal säße ich gerne wieder mit meinen Freundinnen von damals vor dem Computer und behauptete ich hätte Körbchengröße B, statt A

Erinnerst du dich noch an das unbeschwerte Leben?

Damals, als man noch Kirschkerne spuckend auf dem Baum in Omas Garten die Beine baumeln lies. Damals war es egal, ob die Erde nun rund war oder eine Scheibe. Angst von ihr herunterzufallen hatte ich nie. Im Toskana Urlaub schnappten wir uns Hüpfseile, die wir uns wie Bauchgurte um die Hüften banden und Mähne wehend unter den Olivenhainen hindurch galoppierten. Ich hatte die Zügel immer fest in der Hand. Ich war eine gute Reiterin, die nie den Diskurs und die Kontrolle verlor. Im selben Urlaub retteten wir die Babyvögel, die unsere heißgeliebte Finka-Katze- sie hieß Zorro, weil sie ganz weiß war und nur um die Augen herum schwarze Ringe hatte- aus dem Nest gestoßen hatte. Wir bauten ihnen etwas Abseits einen Wall aus Ziegelsteinen, den wir mit Heu auslegten. Als wir von unserem Tagesausflug in San Gimignano zurückkehrten waren sie tot. Die Jungs, denen wir die Schützlinge anvertraut hatten, gaben ihnen Vogelbeeren zum Essen. 


Erinnerst du dich an das unbeschwerte Leben?

Damals, als man sich mit Freundinnen zum Inlineskaten im Sommer verabredete. Wir packten unsere Einmalkameras ein und zogen los Richtung Kläranlage. Die Strecke führte unten am Wasser entlang und Eintagsfliegen klatschten uns ins Gesicht. Wir hatten eine Decke dabei und aßen Schattenmorellen, die wir unachtsam überallhin verkleckerten. Wir lachten ausgelassen und schauten auf das glitzernde blau, das rasch Richtung Osten strömte. Oft waren wir im örtlichen Schwimmbad. Es war klein, es war nicht besonders sauber und die Luft roch nach Chlor und Frittierfett. Als wir älter wurden interessierte uns das Volleyballfeld mehr. Und die Jungs fingen an sich zu bemühen bei uns Mädchen mit ihren Spielkünsten Eindruck zu verschaffen. Die einzige Zeit in der ich mich für Jungs „interessierte“ war die, wenn ich mit meinen Freundinnen vor irgendwelchen Chats saß. Da ging es um Noten in der Schule und deine Körbchengröße. Wir machten uns einen heidenspaß daraus, denn im Grunde wussten wir, dass außer unser Freundschaft nichts zählte. Jeden Freitag Abend trafen wir uns um in der kleinen Stadtdisco um auf Hip Hop Beats tanzen zu gehen. Mehr als zwei Tequila trank ich nie, denn Alkohol schmeckte mir einfach nicht. Das Erste was ich tat wenn ich nach Hause kam, war mich erneut zu duschen um den Rauchgeruch von mir abzuwaschen.


Manchmal säße ich gerne wieder mit meinen Freundinnen von damals vor dem Computer und behauptete ich hätte Körbchengröße B, statt A und in der Schule sei ich Rebell und nicht brav. Heute wären A und brav eine Lüge. Ich wünschte mir jeden Tag diesen Zigarettensmock so dringlich abwaschen zu wollen, wie damals als ich Freitag abends aus der Disko kam. Ich würde die Zeilen „You 're too old to be so shy, he said to me so I stay the night.“  sofort gegen „I’m not a girl, not yet a woman“ eintauschen um noch einmal dieses schüchterne Mädchen von damals zu sein. 


Erinnerst du dich noch an damals?

Als du dachtest du seist nicht cool genug, nicht schlagfertig genug, nicht stark genug.

Doch das was du erst heute begreifst ist, dass du damals alles hattest wonach du dich heute sehnst. 

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2 Antworten

Kommentare

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    Das macht mich ein wenig traurig. Und deswegen: Daumen hoch!

    18.01.2015, 02:39 von hen_rouac
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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