Whiskey 09.11.2007, 15:44 Uhr 4 10

Meine tiefste Freundschaft

Vor 4 Jahren verlor ich meinen besten Freund. Bis heute habe ich nie über ihn gesprochen. Meine Freunde kennen 5 Jahre meines Lebens nicht.

Kennst du das noch? Du hast jemanden der dich einfach versteht. Der alles über dich weiß, der immer da ist und mit dem du alles teilst. Eine Freundschaft, die so verflucht gut tut. Einen Menschen, dem du alles sagen kannst, der alles versteht, der alles sagen kann und auch nichts. Jemanden, indem du aufgehst, indem du Erfüllung, Liebe und auch Schutz siehst. Der genau das gleiche für dich empfindet. Liebe ist weitläufig. Eine Freundschaft die über Jahre hinweg besteht, die dir Kraft gibt und die so auf Gegenseitigkeit basiert, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als alles gemeinsam zu durchstehen. Eine Freundschaft, die am Ende so zerrissen ist, dass du diese Erinnerungen verdrängst und hoffst, dass niemand je wieder diesen Namen ausspricht.

Ich stehe am Meer. Ich vermiss dich so unglaublich. Tränen. Es gab Momente, da habe ich es nicht ausgehalten. Da stand ich auf Brücken, stand an Straßen, Bars, war vollkommen konfus. Ich stand an verschiedenen Orten und war doch nirgendwo wirklich. Immer in der Hoffnung, dass du da auch sein könntest. Selbst jetzt fällt es mir so schwer mit diesem Kapitel abzuschließen. Ich fühl mich so einsam. Das Problem sind nicht die fehlenden Freunde, nicht die unglaubliche schöne Beziehung, sondern das Ende. Dieses Vertrauen werde ich in Freundschaft nie wieder erlangen. Ich will die Zeit zurückdrehen. Ich will jetzt noch einmal 16 sein. Bitte, lass mich dich nur noch einmal sagen, wie wichtig mir die Freundschaft ist. Ich würde dich abhalten irgendwelche Pillen einzuschmeißen, würde dich nicht mehr anschreien, als du Anna mitgebracht hast, weil sie uns versucht hat zu spalten. Ich flehe dich an, sei einfach noch einmal so wie früher. Bitte, lass die Zeit jetzt noch einmal anfangen.

Meine Einsamkeit zerstört mich. Seit Jahren habe ich nicht mehr über dich gesprochen. Aus gutem Grund: ich konnte und kann es einfach nicht. Meiner Freundin vertraute ich einige Details über dich an. Weil sie mir wichtig ist, so sehr wichtig. Doch wo bist du? Wieso hast du diese Scheiße genommen, musstest immer mehr nehmen? Wieso hab ich dich wochenlang vor unseren gemeinsamen Freunden in Schutz nehmen müssen, als du nicht in der Schule warst? Wieso war ich der einzige gottverdammte Mensch, dem du anvertraut hast, was mit dir passiert ist? Dir ging es nicht gut. Sie dachten: Grippe. Ich wusste: Drogenabsturz. Wieder.

Du warst 10 als dein Bruder starb. 13 als sie es dir sagten. Sie haben dich 3 Jahre lang belogen. Deine eigenen verschissenen Eltern haben dich 3 Jahre lang belogen! Sie haben dir erzählt, dass er eine Arbeitsstelle bekommen hat. Irgendwo im Westen. Du wusstest damals nicht, was das bedeutet. Weißt du noch, als wir mit 14 das erste Mal an seinem Grab waren? Als ich dich habe sagen hören, dass du nicht mehr leben willst? Weißt du das noch verflucht? Hast du denn auch diese Erinnerung aus deinem Kopf verbannt? Oder die Wochen, als du bei mir gewohnt hast und meine Eltern das nicht mal mitbekommen haben. Du wolltest deine Eltern nicht mehr sehen. Dieser Hass, es war unser Hass.

Wieso hast mich allein gelassen? All diese scheiß Erinnerungen an diese scheiß Tage. Du hast mich mit diesen Erinnerungen und Momenten einfach alleine gelassen. Weißt du noch, als wir Anna trafen? Als du mir das erste Mal gezeigt hast, was es heißt zu lieben? Als du ihr sagtest, dass sie mich küssen soll. Einfach so. Erinnerst du dich denn gar nicht mehr an diese ganzen Jahre? An 5 verschissene Jahre! An die Tage, wo wir verzweifelt waren. Uns wollte keiner, zumindest dachten wir das damals.

Wann hast du damit angefangen? Wieso hast du nicht wie ich aufgehört? Wieso haben wir überhaupt diesen Dreck geschmissen? Ist dir zumindest heute bewusst, dass es uns zerstört hat? Das es Kapitel in meinem Leben gibt, die ich nie wieder vergessen werde? Was war mit deinen Eltern? Als sie sich getrennt hatten und ich selbst unsere Lehrer anlügen musste? Oder die Sache mit meinen Brüdern. Als du mir so auf die Beine geholfen hast. Wieso zur Hölle weißt du nicht mehr, dass wir manchmal einen Monat zusammen gelebt haben? Weil wir nicht anders konnten. Weil wir beide Kinder waren, die keine Heimat hatten. Wo soll man denn hin, wenn man selbst zuhause nicht mehr willkommen ist? Bitte, erinnere dich! Ich will doch nur, dass du mir einmal in die Augen sehen kannst und mir sagen kannst, wie sehr dich das alles berührt!

Weißt du eigentlich, dass niemand deiner Freunde bis heute weiß, dass du eingeliefert wurdest? Das ich allen erzählt hab, dass sich die Wege getrennt haben, weil man halt älter wird? Das ich JEDES VERDAMMTE MAL fast in Tränen ausgebrochen bin, als jemand deinen Namen gesagt hat? Weil ich dein Gesicht gesehen hab. Ich hab dich um Hilfe schreien hören. "Nimm mich wieder mit! Hilf mir! Bitte!" ICH WERDE DAS NIE WIEDER AUS MEINEM KOPF BEKOMMEN, VERSTEHST DU DAS? NIE WIEDER!! ICH WERDE DEINE TRÄNEN, DEIN GESICHT UND DEINEN HALBTOTEN KÖRPER NIE WIEDER AUS MEINEM SCHEISS KOPF BEKOMMEN!!!

Diese Stadt hat uns geprägt. Dieses Leben. Unsere Einsamkeit und Verzweiflung. Wir waren so unzertrennlich. Du hast versucht deine Erinnerungen mit Drogen zu betäuben. Die Erinnerungen an deinen beschissenen Vater, der dich geprügelt hat, egal was war. Die Erinnerungen an deinen unglaublichen stolzen Bruder, der sich wegen einer Frau totgefahren hat und an deine Mutter, die es einfach nicht mehr aushielt. So einige dieser Dinge sind auch in mir verwurzelt. Ich habe mit dir Sachen erlebt, die ich nie jemanden erzählen werde, weil es nie jemand verstehen kann. Durch unsere Freundschaft haben sich Bilder in meinem Kopf eingebrannt, die ich mein Leben da nie wieder rausbekommen werde. Sowohl schön, als auch unbeschreiblich schlecht.

Ich konnte vielleicht nie deinen Bruder ersetzen, aber du warst mir einer. Ein Mensch, den ich nie vergessen werde, den ich nie vergessen will. Du hast mir Dinge gezeigt, Sichtweisen eröffnet und Möglichkeiten gegeben, wie niemand nach dir. Es gibt Freundschaften, die einfach so sind. Die halt vor sich hin leben. Unsere war anders. Es war die tiefste Verbundenheit. Es war die Perfektion in Freundschaft.

Du hast mir alles gegeben. 5 Jahre lang in der wohl unendlichsten Freundschaft. Bis heute traf ich nie einen Menschen, der dir das Wasser reichen konnte. Der mich so begeistert hat. Wir waren Freunde.
Ich hoffe es geht dir gut.

In tiefster Freundschaft.

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4 Antworten

Kommentare

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    Eine Geschichte voller Traurigkeit, die erahnen lässt, was echte Freundschaft sein kann. Es bleibt zu wünschen, dass man sie findet - vielleicht auch ein zweites Mal.

    20.11.2007, 12:13 von denNAME
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    Was würde es mir bringen?

    18.11.2007, 10:54 von Whiskey
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    warum sagst du nicht eurem freundeskreis, dass er eingeliefert wurde?

    16.11.2007, 16:37 von linksrum
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    scheiße, echt, da sitz ich und heul...das ist so schön geschrieben...und einfach so voller gefühl, so traurig...respekt!

    10.11.2007, 20:21 von arc-en-ciel
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