J-to-the-ulia 17.07.2006, 21:43 Uhr 0 0

Mein Freund, der Italiener

Oder: Auf Neid ist mehr Verlass als auf Solidarität

„Der braucht doch mindestens genauso lange im Bad wie du.“ Sie sagt der, obwohl sie seinen Namen kennt. Affektiert schaut sie mich von oben bis unten an, und verdreht die Augen.
Ich kenne diese Reaktion gut. Jedes Mal, nachdem ich meinen Freund Francesco einer Freundin vorgestellt habe, bin ich ihr ausgesetzt. Ein lautes Ciao seinerseits, ein schwaches Händeschütteln von ihr. Auf sein „nett, Dich kennen zu lernen“ reagiert sie mit einem gespielten Lächeln, so künstlich wie die Fruchtstückchen im Joghurt.
Er dreht sich mir zu, küsst mich auf die Wange und sagt: „Ciao bella, wir sehen uns später.“ Lange schaut sie ihm hinterher, mustert seinen Gang, sein Winken, wir er ins Auto einsteigt und wegfährt. Und dann kommt ihr Einsatz: „Der braucht doch mindestens genauso lange im Bad wie du.“ Und jedes Mal zucke ich scheinbar desinteressiert mit den Schultern. Doch innerlich ballt sich die Wut und in Gedanken schreie ich meine Freundin an: „Frag dich doch lieber mal, wieso du Single bist!“ Aber das wäre gemein. Deswegen bleiben meine Gedanken heiß ersehnte Fiktion.

Um die Stille zu brechen, frage ich sie, wie sie ihn findet. „Ganz nett, nicht mein Geschmack. Ich kann nicht verstehen, wieso du mit dem zusammen bist. Aber ist deine Sache, du musst glücklich sein, nicht ich. Südländer sind sowieso nichts für mich.“ Der nächste verbale Schlag in mein dumm aus der Wäsche schauendes Gesicht. „Und der wurde zum heißesten Typen deines Abi-Jahrgangs gewählt? Naja.“ Das zweite A zieht sie unendlich in die Länge.

Mein Freund ist Italiener. Das sieht man auf den ersten Blick. Dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Haut. Er achtet sehr auf sein Äußeres. Gepflegt, gut angezogen, immer perfekt gestylt. Nur Markenkleidung, ja, bevorzugt Hugo Boss. Das mag daran liegen, dass seine Mutter bei einem Herrenausstatter arbeitet und somit teure Kleidung günstig kauft. Aber ich suche keine Ausflüchte. Mir ist selbst klar, wieso oft Ausdrücke wie „Trendschwuchtel“ und „metrosexuell“ fallen. Er trägt weiße Lackschuhe zu absichtlich zerlöcherter blauer Jeans und rosafarbenem Hemd. Seine Augen verbergen sich grundsätzlich hinter einer großen, schwarzen Sonnenbrille, die für Gesprächspartner problemlos als Ganzkörperspiegel dienen kann. Jeden Tag eine Tube Gel im Haar ist normal, der Abdeckstift fehlt – wie der Tampon bei der Frau – nie in der Tasche. Er sieht gut aus. Zu gut für einen Mann. Für einen heterosexuellen Mann. Mag ja alles stimmen. Aber die Frage, die nun aufkommt, ist: Wieso ist das schlimm? Wieso scheint es ein gesellschaftliches Falschhandeln zu sein, wodurch man sich angeblich lächerlich macht, und über das die Menschen tuscheln und kichern?

Als sein Auto an der Kreuzung abbiegt und aus unserem Blickfeld verschwindet, hakt sich meine Freundin bei mir unter. Wir schlendern den Jungerfernstieg entlang und reden über die Neue aus O.C., California („Man, ist die fies, will die doch echt der Marissa den Ryan ausspannen!“). Mir fällt auf, wie sie sich nach Männern umdreht, die nicht weniger südeuropäisch aussehen als meiner, und grinse in mich hinein. Am Eisstand flirtet sie mit dem Verkäufer. Er heißt Marcello, das verrät sein Namensschild.
Vielleicht war ihre Aussage über Francesco gar nicht böse gemeint.

Wir bleiben an Schaufenstern stehen, albern in der Umkleidekabine rum, und probieren Klamotten an, die wir im Alltag niemals anziehen würden. Plötzlich ruft sie aus der gegenüber liegenden Kabine: „Hoffentlich betrügt er dich nicht.“ Mir bleibt der Mund offen stehen, ein Ton will aber nicht rauskommen. „Hoffentlich betrügt er dich nicht“, wiederholt sie, „er ist ja Italiener.“

Es gibt sie eben, diese Klischées über die Männer, die irgendwo zwischen Süd-Tirol und Kalabrien ihre Heimat haben. Dunkle Sonnenbrille, gebräunte Haut, breite Schultern und ein magnetischer Blick, der die Frauen schwach werden lässt. Frauen. Plural. Notorische Fremdgeher. Das ist das deutsche Bild vom italienischen Mann, vom Latin-Lover (Italians do it better!), ein Mythos, der nie untergeht.

„Versteh mich nicht falsch. Aber dein Freund ist ein Südländer, bei denen ist das so.“ Ruckartig reiße ich den Vorhang zur Seite. Okay, das ist zuviel Oberflächlichkeit. Als wäre das Schubladendenken noch nicht genug, wird sie nun rassistisch. Plötzlich höre ich mich brüllen: „Südländer? Wer oder was soll das sein? Da kannst du deinen Globus tausendmal drehen, Südland wird dir leider verborgen bleiben!“
Überrascht kommt sie aus ihrer Kabine hervor und erschreckt über mein feuerrotes Gesicht. „Seit wann bist du denn so pingelig politisch korrekt?“ Das weiß ich auch nicht und wundere mich über meine Erbsenzählerei. „Seitdem du mir mein Glück nicht gönnst und mit diesen dämlichen Sprüchen über meinen Freund, den du innerhalb von zwei Minuten durchschaut haben willst, tierisch auf die Nerven gehst.“ Sie zieht ihre Augenbrauen gen Haaransatz, nimmt die Kleider vom Haken und sagt schnippisch: „Ich meine es nur gut.“ Weg ist sie.

Abends treffe ich mich mit Francesco und erzähle ihm von der Auseinandersetzung. Er lacht laut. „La dolce vita, bella“, sagt er, schaut mich mitleidig an und legt seine Hand auf meine. „Dolce? Was ist daran dolce?“ „Deutsche, ich sagte deutsche, Bella.“
Das deutsche Leben. Ja. Er hat Recht. Der Neid, denke ich, der deutsche Neid ist schon fast sprichwörtlich.

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