Ver.irrt 15.04.2008, 23:05 Uhr 13 19

Mein Freund, der Indio

Wir hatten 12 Stunden in einem Bus. Es war laut und heiss. Und unbequem. Die Sitze kaputt und die Straße voller Schlaglöcher.

Manchmal bemerkt man erst viel zu spät, wie wichtig einem ein Mensch sein kann. Ich habe es zu spät bemerkt. Aber ich bin dankbar für diese zwölf Stunden, die wir am Ende noch hatten. Du hast mir ein bisschen von deiner Sprache beigebracht, und ich habe dir die deutschen Wörter gesagt. Die gemeinsame Sprache: Spanisch.
Du bist ein argentinischer Indio und ich eine Deutsche, für ein Jahr in einem sozialen Projekt in Argentinien, einer Schule, die du auch besucht hast. Doch jetzt ist das Schuljahr zu Ende und wir bringen die Schüler nach Hause. Zwölf Stunden Fahrt. Man könnte meinen es ist lange, aber wenn man weiss dass man sich nach diesen zwölf Stunden wahrscheinlich nie mehr sehen wird, vergeht die Zeit wie im Flug.

Ich muss lachen, wenn du versuchst, Deutsch zu sprechen. Aber ich bin nicht besser dabei. Deine Sprache verknotet einem die Zunge. Und trotzdem habe ich nicht alles vergessen, was du mir beigebracht hast, napo!
Wir schlafen ein bisschen, dösen.. mein Kopf an deiner Schulter, dein Kopf mir zugewandt. Und bei jedem Schlagloch stoßen unsere Ellenbogen aneinander. Es gibt viele Schlaglöcher.
Irgendwann in der Nacht drehe ich mich auf die andere Seite und als ich etwas später wieder aufwache, hast auch du deinen Kopf von mir weggedreht. Es geht dir nur um eine bequemere Lage in diesem engen Bus. Aber es trifft mich trotzdem. So sehr, dass ich selbst überrascht bin. Mein Kopf an deine Schulter..und das nächste Mal, als ich die Augen öffne, ist dein Gesicht wieder direkt neben meinem, als wäre es schon immer so gewesen, bis auf diese eine Ausnahme.

Und als es wieder heller wird, scheint die Sonne direkt in mein Gesicht. Du ziehst mit Absicht den kleinen Vorhang weg. Um mich zu ärgern. Das machst du selten. Aber wenn du es machst hast, falle ich immer auf dich rein. Das kannst du wirklich gut.
Meistens aber bist du ernst. So auch als du mich plötzlich fragst, warum ich eine solche Traurigkeit in meinen Augen habe. Da warst du so ernst wie nie. Ich hab nur geschluckt und konnte nichts sagen. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich zwar nicht in dich verliebt bin, aber dass du mir so wichtig bist, wie kaum jemand anders? Dass ich dich vermissen würde und die Minuten bis zum Abschied zähle..? Dass ich dich vermutlich nie mehr wieder sehen werde.. ? Oder dass ich aus (im Nachhinein betrachtet) völlig absurden Gründen dich anfangs nicht in meiner Nähe wollte und auf diese Weise viel zu viel Zeit vergeudet habe.
Ich habe nichts von alldem gesagt und dich nur angesehen. Oft hatte ich das Gefühl, dass wir uns auch ohne Worte verstehen und vieles von dem, was mir durch den Kopf geht, wusstest du auch so und hast es gefühlt.

Wir sind da! Der nächst größere Ort der Umgebung.. du selbst wohnst etwa 50km davon entfernt, im Nirgendwo! Ohne Strom, ohne fließend Wasser, ohne Adresse, ohne Telefon, ohne Möglichkeit dich zu erreichen!
Ein letztes Foto von uns beiden.. Ich liebe dieses Bild! Und plötzlich bricht alles aus dir raus, alles was du vorher nicht sagen konntest. Du willst nicht gehen, du willst mit mir zurück in die Schule - aber das geht nicht, du hast ja deinen Abschluss gemacht. Du hast Angst vor deinem Vater, der dich bald abholen wird. Du willst nicht mit ihm gehen, denn ihr habt euch nichts zu sagen und die Mutter ist krank. Auf dich wartet keine Zukunft und jetzt bin ich auch nicht mehr da. Du willst nicht gehen, aber du musst. Und plötzlich steht auch dein Vater da, aber auch nach einem Jahr in dem du weg warst, habt ihr euch nichts zu sagen. Ich beobachte dich genau, ich steh neben dir und es kommt nichtmal eine einfache Begrüßung. Ich schaue mich um.

Die anderen Schüler mit ihren Eltern wirken glücklich, alle reden fröhlich durcheinander und die Eltern sind so sympathisch, reden mit mir und freuen sich, ihre Söhne zurückzuhaben. Und dann schaue ich wieder dich an und mir bricht es das Herz. Auf dich wartet nichts, du mit deiner schönen Singstimme. Du hast mir einmal sehr geholfen - noch bevor wir überhaupt befreundet waren.. und jetzt konnte ich nichts für dich tun. Ich drücke dir den Brief und das Foto von uns beiden in die Hand.. darin ist auch meine Adresse und Telefonnummer. Aber ich weiß, dass du mich nie anrufen wirst. Du hast kein Geld und der Anruf nach Deutschland ist teuer. Geld von mir hättest du nie angenommen.

Kurz bevor du gehst, gibst du mir noch ein Stück Pappe, ausgerissen aus einer leeren Zigarettenschachtel. Eine schnell hingekritzelte Nummer. Es ist die Nummer von einem Radio in der Gegend.. die einzige Möglichkeit dich irgendwie zu erreichen.
Der Bus hupt. Ich muss einsteigen und zurückfahren. Ohne dich! Ich verabschiede mich erst von den anderen Schülern, auch sie sind meine Freunde und ich werde sie vermissen. Aber dann muss ich mich von dir verabschieden, ich umarme dich und will dich gar nicht mehr loslassen. Aber irgendwann muss ich doch. Und sobald ich im Bus sitze, fange ich an zu weinen. Tränen, die ich die ganze Zeit zurückhalten konnte. Ich weine und weine. Und weiss, dass der Blick aus dem Fenster des fahrenden Busses der letzte sein wird. Und dass ich dich - sofern nicht ein Wunder geschieht - nicht mehr wiedersehen werde.

Und als ich zurück bin - wieder nach zwölf Stunden, diesmal einsamer, Fahrt - wähle ich die Nummer des Radiosenders. Du hast es mir genau erklärt und genauso mache ich es jetzt auch. Aber der Radiomensch sagt mir nur, dass er nichts für mich tun kann. Nichts. Auch nach vielen Bitten und Erklärungen. Er will mir nicht helfen.

Manchmal da reicht es eben leider nicht aus, eine schnell hingekritzelte Nummer auf einem ausgerissenen Stück Papier zu haben.

Wochen danach richtet mir ein Bekannter einen Gruß aus. Von dir! Ich frage nach und bin erstaunt über die Anzahl der vielen Menschen, die diesen Gruß an mich weitergegeben haben. Du hast mich nicht vergessen. Und auf die gleiche Weise, über viele viele Menschen, lasse ich dir einen Brief zukommen. Und er kommt an, das erfahre ich, über eine ähnliche "Menschenkette" wie zuvor.

Mir bleibt nur noch wenig Zeit, bis ich zurück nach Deutschland fliege. Und ich habe vor in deine Gegend zu fahren und mein Glück zu versuchen. Irgendwie werde ich dich schon finden, denke ich mir. Aber dann beginnt es zu regnen und ich weiß, dass die wenigen Straßen die es dort gibt, dann unpassierbar werden. Zum Teil für Wochen. Du hast es mir erzählt, auch andere haben das. Und der Regen hält an.

Ich bin zurück in Deutschland und konnte dich noch immer nicht erreichen. Und dann eine Nachricht. Eine deutsche Freundin in Argentinien. Und..sie hat einen Brief von dir - für mich! Und seither warte ich bis sie zurückkommt und warte auf deinen Brief. Dann bist du mir wieder ein Stückchen näher. Denn ich vermisse dich immer noch.
Manchmal da reicht es eben wirklich nicht aus eine schnell hingekritzelte Nummer auf einem ausgerissenen Stück Papier zu haben. Aber es gibt andere Wege, die Grund zur Hoffnung geben. Und du bist einer davon!

Amñexopida' Napo!

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13 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Hmm...klingt aber irgendwie doch nach "verliebt sein".
    Na ja- is ja auch schon was her...

    03.06.2012, 22:26 von themecki
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    Gänsehaut! Ich wünsche dir viel Erfolg

    25.11.2011, 01:00 von Lady_Hope
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    toll

    28.05.2011, 16:09 von RAZim
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  • 1

    wow! Danke für die schönen Minuten, die du mir mit diesem Text gegeben hast, ich bin fast sprachlos.
    Und ich hoffe, dass du napo wiedersehen wirst!

    01.05.2011, 22:36 von marie-neblau
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  • 0

    schön geschrieben... nur das Ende klemmt irgendwie.. halt wie im echten leben... ;-)

    09.01.2010, 17:29 von contact
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    In wenigen Tagen bin ich wieder in Argentinien... ich werde mich auf die Suche machen und dich in diesem riesigen Land vielleicht sogar finden (:

    16.03.2009, 11:44 von Ver.irrt
    • 0

      @Ver.irrt ich wünsche dir ganz viel erfolg!

      06.06.2009, 00:49 von 2raumrausch
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  • 0

    Herzschmerz ist unerträglich.

    Hoffnung lindert die Unerträglichkeit!
    Nicht aber den Schmerz.

    Ich wünsche dir alles Gute!!! Von Herzen!

    01.11.2008, 19:31 von kleinepiratin
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  • 0

    alles gute das ich aufbringen kann, meine achtung und viele wünsche das die menschenkette nie abbricht.

    14.09.2008, 17:17 von der.March
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