pocci 27.07.2007, 22:48 Uhr 2 1

Mein bester Freund

Bisher war ich immer fest davon überzeugt, er wäre mein bester Freund...

Ich lernte ihn direkt am Anfang des ersten Semester kennen. Sofort verstanden wir uns super, waren schon bald fast überall zusammen. Wenn ich irgendwas zu erzählen hatte, sprach ich mit ihm. Wenn mir abends langweilig war, rief ich ihn als ersten an. Ich hatte schon lange niemanden mehr getroffen, mit dem ich mich so schnell, so gut verstand, und der ein fester Teil meines Lebens wurde. So fest, dass ich mir ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen konnte. Ich konnte mich sogar recht schnell nicht mehr daran erinnern, wie es war, bevor ich ihn kennenlernte.
Die Vermutungen kamen natürlich schnell. „Wie steht’s denn mit euch beiden? Geht da was?“ Doch ich verneinte immer. Was mich davon abhielt eine Bezeihung zu ihm in betracht zu ziehen, war wohl sein einziger wirklicher Fehler: er war hoffnungslos verplant. Dauernd erinnerte ich ihn an irgendetwas. Egal ob es die Klausuranmeldung, die Hausaufgaben oder eine Party am Wochenende war. Oder auch nur, was wir als nächstes hatten. Ich kam mir vor wie seine große Schwester, die ihm immer alles sagen musste, weil er ständig alles vergaß. Ich wollte nicht mit jemanden zusammen sein, den ich dauernd an alles erinnern musste.
Doch mit der Zeit gab sich das dann doch. Irgendwann fiel mir plötzlich auf, dass ich ihm gar nicht mehr alles sagen musste, dass er von alleine an Sachen dachte. Im ersten Moment befürchtete ich, wir hätten uns als Freunde voneinander entfernt und er hätte einfach jemanden anderen, der ihm alles sagte. Doch ich merkte schnell, dass das nur einfach nicht nötig war. Und auch weiterhin verbrachten wir viel Zeit miteinander. Es gab kaum eine Fete, auf der wir nicht zusammen auftauchten, wenn wir beide eingeladen waren. Wenn wir etwas unternahmen, trafen wir beide uns meistens schon vorher, um dann zusammen hin zu gehen. Und immer noch kamen die Kommentare von anderen. „Was ist denn mit ihm? Der ist doch total süß und immer so lieb zu dir! Ihr versteht euch doch so gut!“
Ich fing an, öfter darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, wenn wir mehr als nur gute Freunde wären. Wie es wäre, mit ihm zusammen zu sein. Ein paar mal war ich kurz davor ihn einfach zu küssen, wenn wir uns verabschiedeten, nachdem er mich nach Hause gebracht hatte. Doch ich hatte immer Angst, dass es für ihn nur Freundschaft ist und ich so nur alles kaputt machen würde. Hätte ich zwischen Freundschaft und einem Versuch, nach dem wir vielleicht nie wieder miteinander geredet hätten, wählen müssen – ich hätte immer für die Freundschaft entschieden.
Und jetzt habe ich gestern erfahren, dass er eine Freundin hat. Erst seit wenigen Tagen. Endlich, nachdem er so lange keine hatte. Dass ich mich nicht richtig für ihn freute, schob ich zunächst auf die Tatsache, dass ich es erst nach den anderen erfahren hatte. Darauf, dass die ganzen Jungs es schon wussten, wo ich doch seine beste Freundin war. Ich hätte es zuerst erfahren müssen. Und ich war ja eh schon den Tag über schlecht gelaunt gewesen. Deshalb freute ich mich nicht.
Als ich nach der Party zuhause in meinem Bett lag, musste ich plötzlich weinen. Ich konnte nicht mehr aufhören, heulte, wie schon lange nicht mehr. Ein fieses kleines Gefühl macht sich in meinem Herz breit. Gerade so, als wäre mir ein Teil gewaltsam geklaut worden.
Seitdem rätsel ich, ob ich einfach nur Angst habe, einen Freund verloren zu haben... Oder ob es von meiner Seite doch schon mehr war als Freundschaft, ohne dass ich es merkte...

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2 Antworten

Kommentare

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    ach beste freunde sind so was tolles, so lange keine gefühle für den anderen da sind

    22.09.2007, 17:54 von hoptop
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    Liebe wird aus Mut gemacht....

    27.07.2007, 23:22 von LAINELATELU
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