Männerfreundschaft
Es würde funktionieren. Es funktioniert immer. Aber der Weg führt in ein Schlafzimmer, das ich nicht von innen sehen will.
Seit fast einem Jahr bin ich nun Teil einer wunderbaren, monogamen, charmanten Beziehung zweier latent Geistesgestörter. Und eigentlich habe ich mich nie besser gefühlt - in einer Beziehung. Leider ist da dieses Problem.
Ich verliebe mich ständig in andere Männer. Nicht einmal, nicht zweimal, nein, praktisch jeder, der die Gelegenheit bekommt, Worte oder Blicke mit mir zu wechseln, die über Hallo und Tschüss hinausgehen, findet sich bald auf meiner imaginären Liste wieder. Liste der MFOs: Männliches Fan-Objekt.
(Wer hier wessen Fan ist, schwankt gewaltig; bei einem Listenopfer hat die Konstellation bald zum 20. Mal gewechselt.)
Es gibt wenige Wege von dieser Liste, genau genommen zweieinhalb.
Der Halbweg ist mir nur einmal passiert, ich weiß nicht wie; auf einmal war alles wieder gut.
Normalerweise allerdings bin ich verschossen ohne Ende, obsessiv und verpeilt und hirnlos, bis eins von zwei Dingen passiert.
Entweder, die Person verschwindet aus meinem Leben und die Tinte auf der Liste verblasst.
Oder es kommt wie es kommen muss; alle Register nicht zurückhaltbarer weiblicher Verführungskunst treffen auf das hilf- und ahnungslose MFO, bis es mit dem Verlangen nach mehr und verwirrt in zerwühlten Laken neben mir aufwacht. Diese Eskapaden dauern zumeist nicht lang an, und danach kann ich "Freunde sein".
Nur: Das verträgt sich nicht mit wunderbaren, charmanten, monogamen Beziehungen. Leider.
Ich bemühe mich wirklich. Die Liste wächst und wächst; und ich kämpfe und kämpfe. Eigentlich will ich nicht durch die Gegend vögeln. Andererseits kann ich die Spannung zwischen mir und den MFOs nicht ertragen. Die meisten sind Menschen, denen ich gern näher wäre - aber nicht dauerhaft auf diese Art.
Wenn ich alldem nachgeben würde… Dann würde ich nicht nur meinen Freund hintergehen, sondern auch den jeweils anderen Beteiligten. Denn zu jemandem, mit dem man befreundet sein möchte, geht man nicht hin mit der Prämisse "nur Sex und nichts weiter." Da sind Gefühle, und Freundschaft und Sex gemeinsam erzeugen schnell die Illusion von Liebe.
Deshalb kann Methode 2 schnell nach hinten losgehen, und es bleibt nichts.
Also ficken und liegen lassen. Und auf beiderseitiges Nachlassen sexueller Interessen hoffen. Darin war ich schon immer gut. Meine besten männlichen Freunde verdanken mir (bis auf wenige Ausnahmen) mindestens einen Höhepunkt.
Wieso ich in einer festen Beziehung gelandet bin? Ficken und… liegen lassen vergessen. Zweifel an der Richtigkeit meines Tuns, zunächst. Und später… wohl tatsächlich Liebe.
Ich wurde glücklich. Und damit fing alles an, kompliziert zu werden.
Denn ändert das nichts an meiner "Veranlagung."
Da sind die verschiedensten Typen: Juranerds, Handwerker mit Piercings an allen möglichen und unmöglichen Körperteilen, langhaarige Festivalgänger, unsichere, selbstbewusste, gut aussehende, objektiv eher weniger gut aussehende, Musiker…
Im Moment ist das "Problem", O., ein paar Semester über mir und seit gestern mein Facebookfreund. Ich hätte einen Gesprächseinstieg parat. Es würde funktionieren. Wie es immer funktioniert. Aber der Weg führt nicht ins Kino oder an den See oder zu irgendwelchen anderen freundschaftlichen Aktivitäten. Er führt in ein Schlafzimmer, das ich von innen nicht sehen will.
Also werde ich hoffen und zugleich fürchten, dass ein weiterer wunderbarer Mann von allein von der Liste verschwindet.
Ich will nicht mit jemandem schlafen müssen, um mit ihm neutral umgehen zu können. Aber die Spannung vernebelt mir den Kopf so sehr, dass die falsche Richtung bereits vorgegeben ist.
Leider sind mir meine MFOs meist zu wichtig, um sie einfach gehen zu lassen. Sonst wäre alles leicht.
Morgen schreibe ich O.
Und denke dabei an meinen Freund und hoffe, dass alles gut wird. Und bleibt.




Kommentare
richtig schön, toll zu lesen :)
29.11.2010, 20:32 von lucid_moonlight...tolle schreib weise... ^^
06.09.2010, 00:57 von KaiNer"MFOs: Männliches Fan-Objekt"
---> hammer....