gatomalo 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 37

Leinen los

Ich dachte, du wärst eine Insel, doch dabei warst du nur eine Scholle. Noch zerbrechlicher und unbeständiger als ich .

Mit einem Pfeifen und Zischen schließen sich die Türen. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich sehe dich draußen stehen, kein Winken, kein Lächeln, nichts. Der Kloß in meinem Hals wird größer. Meine Brust schwerer, die Knie weicher. Ich kann nicht mehr.
Ich starre das Gesicht, das mir aus dem Spiegel entgegenguckt, an. Da ist kein Funkeln mehr in der Augen, da sind nur noch Erschöpfung und Müdigkeit. Augen, die zu müde zum Weinen sind. Ein Mund, der immer schmaler wird. Die Hut fahl. Ich ärgere mich über meinen Zigarettenkonsum und bekomme im selben Moment Lust, eine zu rauchen. Doch das ist verboten.
Ich gehe zurück an meinen Platz am Fenster, vorbei an gelangweilten Familien und alten Paaren, die in Stullen beißen. Ich bin wieder allein.
Allein war ich immer, allein werde ich immer sein. Da ist kein Hallo mehr, wenn ich zurückkomme. Niemand, der fragt wie es war, wie es geht. Niemand, der Frühstücken will oder Kaffee trinken.
Übrig bleiben graue Herren und farblose Damen, austauschbar. Ich setze ein Lächeln auf und betrachte mein Spiegelbild. Ich sehe verzerrt und verkrampft aus. Lieber nicht lächeln.
Ich schließe die Augen und atme durch. Ich möchte schreien. Kein Boden mehr unter den Füßen, nichts. Mein Körper ist wie taub und gleichzeitig brennt er vor Schmerz. Schmerz darüber, dass nichts ist und doch so vieles sein könnte.
In meinem Kopf ziehen Bilder vorüber, von dem, was war, aber vor allem, von dem was hätte sein sollen. Es soll so vieles. Ich will schlafen, doch ich komme nicht zur Ruhe. Ich denke, dass ich immer wollte, was ich habe und doch habe ich nicht gefunden, was ich suche.
Den Anker, den ich niemals werfen wollte, gibt es gar nicht. Und so setzt sich das Boot meines Lebens mal wieder schwankend in Bewegung.
Die Menschen um mich herum erscheinen mir alle wie Inseln; gefestigt, sicher, mitten im Ozean. Sie haben Brücken und Tunnel, die sie miteinander verbinden. Ich bin das kleine Boot, das vor so vielen Inseln schon Halt gemacht hat, ohne jemals wirklich da zu sein. Es war immer eine liebevolle Betrachtung aus der Nähe, aber es war nie genug, um an Land gehen zu können.
Die Insel, auf die ich mich traute, warst du. Die Insel, an die mein Boot viel näher kam als an allen anderen. Und doch musste ich wieder fort, denn ohne Anker, wird ein Boot schnell zurück aufs Meer gezogen. Außerdem warst du weniger eine Inseln als eine Scholle, die ebenso ziellos auf dem Wasser umherdriftet wie ich. Auf dir war meine Seeübelkeit beinahe noch größer.
Tränen steigen in mir auf, ich drücke sie weg. Oft genug habe ich im Zug Schwäche gezeigt. Oft genug war ich die junge Frau, die öffentlich emotional wurde. Ich will das nicht mehr.
Der Zug rast durch den Abend, Regen peitscht ans Fenster. Ich bin auf offener See und weiß nicht mehr, wohin.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Schmerz darüber, dass nichts ist und doch so vieles sein könnte.

    Schön gesagt.

    27.05.2015, 23:44 von Pompidou
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  • 0

    Sehr schöner Text, du hast eine tolle Bildsprache. Danke für diese Worte!

    27.05.2015, 20:25 von mzmn_
    • 0

      dank dir!

      27.05.2015, 21:28 von gatomalo
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  • 0

    mag ich sehr

    30.03.2015, 23:25 von double.minded
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    Einsamkeit, Unzufriedenheit und Erschöpfung auf den Punkt gebracht. Und trotzdem springt ein Funken Trost und Hoffnung heraus, danke dafür :)

    27.03.2015, 21:56 von randomly
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  • 1

    unsagbar traurig
    als Scholle
    ich wollt ich wäre eine Insel gewesen

    24.03.2015, 20:44 von mailman
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  • 0

    irgendwie kann ich den text super auf mich beziehen und kann den text so nachvollziehen! danke dafür! 

    24.03.2015, 16:23 von lottzida
    • 0

      bitte gerne, aber auch: das tut mir leid!

      11.04.2015, 21:16 von gatomalo
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  • 0

    einfach fantastisch


    24.03.2015, 14:11 von thistleandweeds
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    • 0

      Legger...
      Aber Scholle ist leider böse... Gräten hin oder her.

      24.03.2015, 11:25 von sailor
    • 0

      hab ich selber noch gar nicht bemerkt, das mit dem schiff und dem zug. danke!

      24.03.2015, 18:36 von gatomalo
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  • 0

    ich hab mich zwischendurch kurz gefragt, ob ich im zug oder boot sitze. vielleicht könntest du noch eine ganzganz coole metapher einbauen: die des roro-schiffes?

    23.03.2015, 22:47 von libido
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