Kathue-tata 30.11.-0001, 00:00 Uhr 4 27

Lebenslinien

"Was passiert, wenn nichts passiert?", fragst du und atmest den Rauch deiner Zigarette in die von Schwüle schwere Nachtluft.

"Was passiert, wenn nichts passiert?", fragst du und atmest den Rauch deiner Zigarette in die von Schwüle schwere Nachtluft. Die Qualmwolken umhüllen uns sachte, fast schon als nähmen sie uns in den Arm. "Was passiert, wenn ich diese Frage die nächsten Monate jeden verdammten Abend stellen werde?", seufzt du weiter und deine Hand sucht im Dunkel die meine. Ich zeichne die Linien in deiner Handinnenfläche mit meinem Daumen nach. Das hat dich schon immer beruhigt. Damals, als deine mündliche Prüfung anstand, und du zwei Stunden zuvor schon in Angstschweiß ausgebrochen warst. Oder als ihr Schluss gemacht hattet und du dich nächtelang zwischen purer Verzweiflung und wutentbranntem Hass nicht entscheiden konntest. Immer saß ich da, deine Hand in meiner, und fing irgendwie deine Ängste wieder ein. Doch dieses Mal, da sind es auch meine. "Hm..", mache ich da nur und nehme einen Schluck Weißwein. Ich bin müde, wir sind müde. Wir sind in unseren Gedanken schon Meilen weit gelaufen, um dann inne zu halten und uns zu fragen, ob es überhaupt die richtige Richtung war. Und je weiter wir noch grübeln, umso mehr bekamen wir das Gefühl, schon nicht mehr zu wissen, wie man überhaupt läuft. Dabei ist das doch etwas, dass man gar nicht mehr verlernen kann.

"Du weißt schon, wahrscheinlich ist es so, dass sich alles in ein paar Wochen von allein ergibt. Wie es auch immer schon war.", sage ich und ich versuche, überzeugt zu klingen. Seit wir Entscheidungen treffen mussten, seit wir Dinge begannen und auch abschlossen, hatten wir immer Angst davor. Als wären dort keine Auswege, als wäre das Leben eine Linie, nein, ein Vektor. Vorbestimmt in nur eine Richtung. Ohne Ruhe, ohne Schwankungen von A nach B. Immer voran. 

"Das einzige, was wirklich immer voran geht, ist doch bloß die Zeit.", flüster ich dem Weinglas zu. Es scheint unbeeindruckt. Und unsere Furcht falsch abgebogen, oder gar überhaupt abgebogen zu sein, nie das Ziel zu erreichen das wir uns vorstellten und vielleicht dann ewig auf die Erfüllung unserer Träume zu warten, war bisher doch immer unbegründet gewesen. Wir hatten alles und wir hielten es meist auch ziemlich pünktlich in unseren Händen. 
Doch dieses Mal war es, als würden wir bewusst einen Schutzraum verlassen, während es draußen noch wütete. Die letzten Jahre fühlten sich nun so an, als wären alle Sorgen und jeder Stress nur die Probe für das Jetzt gewesen. Um uns daran zu gewöhnen, dass "nur wollen" oder "nur können" einfach nicht mehr reicht. 

Du ziehst ein letztes Mal an deiner Zigarette und lässt sie dann im Aschenbecher verglühen. Wir schauen ihr dabei zu. "Es ist ja gar kein so großer Schritt," sagst du, und du drückst meine Hand nun ganz fest, "wir haben ihn jetzt einfach gemacht. Vielleicht ist das ja auch die Hauptsache erst einmal. Vielleicht sollten wir keine Pauken und Trompeten erwarten." Ich bin mir nicht sicher, ob du nun gerade dir oder mir Mut zusprechen willst. Aber ich nicke sachte. 
Du redest ein wenig weiter, aber ich höre dir nur beiläufig zu. "Und vielleicht, weißt du? Vielleicht finden wir das alles nur so schlimm weil es uns sehr glücklich machen könnte. Oder sehr unglücklich. Weil es einen Grundstein legen kann für die Zukunft und für immer." Ich betrachte deine Handinnenfläche und male weiter Muster mit meinen Fingern in sie hinein. "Was ist denn, wenn ich auf Sand gebaut habe?", frage ich dich. "Wenn mein Grundstein plötzlich bröselt?" Darüber musst du ein wenig nachdenken.
"Dann,"flüsterst du schließlich, "hast du das Privileg die Dinge nochmal zu entwerfen. Aber bestimmt ist dein Grundstein der solideste der Welt." 
Und wir sitzen da, nebeneinander, auf deinem Balkon, in dieser Stadt. Und entschließen uns, zu schweigen. "Manchmal muss man dem Leben wohl auch eine Chance geben, sich zu beweisen," denke ich und schaue auf deine Hand hinunter. Deine Lebenslinie zumindest, ist ziemlich lang.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    weil liebe, gerade in der stadt, nienieniemal hollywood ist.

    27.05.2015, 21:10 von gatomalo
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  • 1

    stimmungsvoll erzählt... schön

    05.05.2015, 21:22 von EliasRafael
    • 1

      Dachte ich auch grad, vor allem irgendwie unpathetisch.

      05.05.2015, 21:44 von yuhi
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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