smillalotte 30.11.-0001, 00:00 Uhr 18 22

Lebensgeister

„Du hast wirklich einen schönen Garten hier!“ versuche ich, sie fröhlich zu machen.

Sie schenkt großzügig nach. Eierlikör. Ich widerspreche: „Ich muss gleich noch kochen, da bin ich ja gleich betüdelt“, da es schon das zweite Glas ist. „Wieso“, sagt sie und hebt prüfend die Flasche hoch. „Der hat doch nichts!“ Ich lese auf der Flasche „20 Prozent!“ „Na, das ist doch nichts.“ Okay, denke ich und nehme einen weiteren Schluck.

Wir gehen auf die Terrasse und nachdem sie braun-weiße flauschige Kissen auf die Stühle gelegt hat, setzen wir uns. Sie kommt mir gedämpft vor, leiser als sonst.

Ich zünde mir eine Zigarette an, rauche eine Weile, um die Asche dann auf den Rasen zu schnipsen. „Mach sie doch hier ins Beet, das düngt gleich.“ Gesagt, getan. Später wird sie darauf, bestehen, dass ich die im Vogelbad ausgemachte Zigarette ins Beet lege, obwohl ich die gerade in den Müll bringen wollte. "Ist doch völlig egal!" lautet ihr Kommentar. Widerwillig häufe ich Erde darüber.

Bei der zweiten Zigarette (immerhin trinke ich gerade den vierten Eierlikör, das Essen wird mir immer gleichgültiger) steht sie auf und sagt im Hineingehen „ich hole Dir einen Aschenbecher.“ Als sie wieder rauskommt und sich hingesetzt hat, reibt sie sich die Stirn. „Ist Dir schwindelig?“, frage ich. „Nein, nein. Die Sonne blendet so, wenn man aus der Wohnung wieder rauskommt.“ „Achso.“ Ich bin nicht wirklich beruhigt.

„Du hast wirklich einen schönen Garten hier!“ versuche ich, sie fröhlich zu machen. „Die Tulpe blüht auch bald.“ „Ja, ich hab nur eine. Ich vergesse im Herbst ja immer, welche zu pflanzen und außerdem denke ich dann, nächstes Jahr lebe ich eh nicht mehr.“

Ein paar Minuten später, verabschiede ich mich mit den Worten „Bin gleich wieder da, ich muss nur eben was von zuhause holen.“,  renne rüber und nehme einen der großen Plastiktöpfe mit bald blühenden Tulpen. Das Rote guckt schon aus den grünen Blättern.

Wieder angekommen sage ich mit apokalyptischer Fröhlichkeit „Überraschung“ und trage den Topf auf die Terrasse. Sie schlägt die Hände zusammen „Oh, das wäre aber nicht nötig gewesen.“ „Doch, das wollte ich aber.“ „Schön, danke sehr!“ Sie freut sich sichtlich.

Wir setzen uns wieder. „Weißt Du schon, wie Du Deinen Geburtstag feiern willst?“, möchte ich wissen. „Ach, so weit denke ich nicht. Wer weiß, ob ich dann noch lebe…“ „Aber Du willst doch noch, oder?“ „Ja, aber danach geht es ja nicht immer.“

Froh, schon vor einiger Zeit aufgeschrieben zu haben, welche Lieder sie sich für ihre Beerdigung wünscht, bin ich einfach still. Nippe am Eierlikör und sitze mit ihr in der Sonne.

Wenig später, wieder zuhause, stehe ich im Flur und es entfährt mir ein lautes „Scheiße!“ Zum ersten Mal hatte ich heute das sichere Gefühl, dass ihre Lebensgeister schwinden.


Tags: Scheißebaldlebtsievielleichtnichtmehr, Freundschaft, Altersunterschied, Alter
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18 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Superschön!!!

    29.04.2015, 20:09 von Conelli
    • 0

      Herzlichen Dank! :)

      29.04.2015, 20:22 von smillalotte
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  • 2

    aialiköa kamma imma tringa_______________**/

    20.04.2015, 15:42 von ga
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      aia

      20.04.2015, 17:54 von ga
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  • 1

    Wunderschön <3 

    20.04.2015, 14:59 von ev_84ar
    • 0

      Danke sehr! :)

      20.04.2015, 21:07 von smillalotte
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  • 0

    Ich habe leider erst kapiert worum es in dem Text wirklich ging, als ich die Kommentare gelesen habe.
    Diese Stimmung kam im Text selbst für mich nicht richtig rüber. Am Anfang dachte ich auch, es würde in eine ganz andere Richtung gehen.

    Dennoch schön das ihr auch über "dieses Thema", obwohl es schon so präsent ist,  in eurer Freundschaft sprecht :)

    16.04.2015, 18:03 von -Maybellene-
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    • 2

      Ich meine, da gibts doch gar nix zu verdrängen. Die Beschriebene ist fast dreimal so alt wie ich, aber eben eine sehr gute Freundin.

      15.04.2015, 12:11 von smillalotte
    • 2

      Das Alter spielt für die Freundschaft keine entscheidende Rolle, aber man verdrängt gern dass das mit dem Sterben und dem Tod endet. Über mein eigenes Ableben kann ich recht unbeschwert reden, aber einen geliebten Menschen verlieren ist halt ne andere Hausnummer. Da setzt denn doch mehr oder weniger bewusst oder unbewusst die Verdrängung ein.

      15.04.2015, 12:19 von Cyro
    • 1

      Seh ich auch anders. Tod und Sterben und Trauern gehört dazu. Genau wie alles andere. Verdränge da nix, freu mich nur nicht gerade darauf. Geliebte Menschen fehlen einem dann halt immens.

      15.04.2015, 12:30 von smillalotte
    • 0

      Ja. Verdrängen ist immer schlecht, aber menschlich. Es ist vielleicht eine meiner Schwächen.

      15.04.2015, 12:32 von Cyro
    • 0

        Hm 

      15.04.2015, 12:34 von smillalotte
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    • 2

      Das kann ich gut verstehen. Geht mir mit der Freundin auch so, dass ich die gemeinsame Zeit genieße, aber für sie ist der Tod schon recht präsent. Das Thema ist halt da und da reden wir dann eben auch drüber.

      Hört sich an, als hättest Du viele schöne Momente mit der Tante gehabt, das ist doch toll.

      15.04.2015, 14:00 von smillalotte
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