Laut und leise
Stumm wiegt sie sich vor und zurück, wadiger Nebel füllt ihren Kopf. Wieso hat ihm nie jemand beigebracht, Konflikte mit leisen Worten zu lösen?
Sie sitzt im Schneidersitz
auf dem Boden, die Arme aufgestützt, die linke Faust von der rechten Hand
verkrampft umschlungen. Presst die Hände mit aller Kraft zusammen, bis sie das
Schreien in meinem Inneren für einen Moment nicht mehr hören kann. Sobald sie
die Umklammerung löst, sieht sie, wie ihre Hände zittern. Ihr ganzer Körper
bebt, die Augen hat sie zu engen Schlitzen zusammengekniffen, die Zähne schlagen
in hoher Frequenz aufeinander. Sie krallt ihre Finger in den Arm, drückt feste
zu und wartet auf den warmen Schmerz, der sie aus der Hölle der Taubheit auf
den Boden der Empfindungen zurückholen soll. Für einen Augenblick verflucht
sie, ihre Nägel erst gestern geschnitten zu haben. Stumpf und nutzlos sind sie,
bohren sich kaum merklich in die kaltschweißige Haut. Sie muss schlucken,
bemerkt kaum die Tränen, die nach und nach über ihr heißes Gesicht laufen.
Viele sind es glücklicherweise nicht. Sie darf jetzt bloß nicht heulen, bloß
nicht laut werden und nachher mit einem geschwollenen Gesicht allen zeigen, was
los war. Ihre ganze Konzentration liegt darauf, Haltung zu bewahren, das
Erbeben in ihr nicht Überhand gewinnen zu lassen. Langsam wippt sie vor und
zurück, ist das Pendel einer Uhr, ihrer Uhr, die zu kontrollieren sie sich noch
nicht wieder ganz getraut. Wie das Kind in der Wiege, eingepackt in einen wattigen
Rhythmus, saugt sie Ruhe in sich auf.
Warum hast du mich
angeschrien? Warum habe ich nicht zurückgeschrien? Und warum habt ihr nichts
gesagt? Seit Tagen hatten sie sich nicht
mehr richtig gesehen, viel zu tun, dies und das. Heute dann sind endlich alle
zu Hause, sie spricht ihn an, den wunden Punkt. Ein Fehler? Besser verbalisiert
als runtergeschluckt, dachte sie. Er wird augenblicklich laut, ohne Vorwarnung
schießt er mitten in ihr eigentlich so solides Baugerüst. Es hält, so leicht lässt
sie sich nicht umwerfen, schluckt ihre Vorwürfe herunter und geht in die
Defensive. Sie will sich nicht streiten. Er lädt nach, feuert eine zweite,
dritte, vierte Salve ab. Noch immer bleibt sie standhaft, doch der Putz beginnt
zu bröckeln. Als alles vorbei ist, brechen nach und nach die Balken ein, reißen
im Fallen weitere mit zu Boden. Der Staub ihres sorgsam zusammengezimmerten
Selbst nimmt ihr den Atem und erstickt die stummen Schreie, die von allen
Seiten auf sie einhämmern.
Draußen vor der Tür hört sie die anderen spaßen und Pläne für den Abend schmieden. Hinter der Tür hört die Erde in ihr langsam auf zu beben. Regen zieht auf, wäscht den Staub von ihren Kleidern. Sie sitzt auf dem Boden, starrt ins Leere und wartet darauf, dass das Zittern endlich ein Ende nimmt.




Kommentare
Menschen sind so eklig, mir wird grad ganz unangenehm in meiner Haut ...
24.07.2012, 21:48 von nicnameIch mag das Foto.
24.07.2012, 21:46 von MadElaine